Dietrich Bonhoeffer – Wir gedenken des 75. Jahrestages seiner Ermordung

Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von Schergen des NS-Regimes ermordet. Wir gedenken seiner mit der nachfolgenden Andacht von Pastor Thomas Klein, Gimmeldingen.

Weitere Links:  D. Bonhoeffer auf Wikipedia  und  Internetseite Dietrich Bonhoeffer  sowie  Die Welt ist mündig geworden

 „Manchmal denke ich, der wirkliche Trost muss ebenso hereinbrechen

wie die Not.“   D.B.

Liebe Gemeinde,

was kann uns Trost geben in unserer Lage, da wir täglich hören, dass die Infektionszahlen steigen, in machen Städten täglich 1000 Menschen sterben und auch wir mit der Angst vor Ansteckung und mit der Angst andere anzustecken leben müssen?

 

Als tröstlich empfinden viele Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten“.

 

Ich will Ihnen heute ein paar Gedanken von Dietrich Bonhoeffer nahe bringen und am Ende auch etwas zu diesem Gedicht sagen, das wir oft als Lied singen.

Aber ich will gerade nicht mit dem Gedicht beginnen, sondern Sie mitnehmen, wenn ich versuche, einem Denkweg Bonhoeffers zu folgen.

 

Bonhoeffer wird von der Frage bewegt, was Trost ist. Es stellt dazu in seiner Haft Überlegungen an. Es sind Gedanken, entstanden in seiner Gefängniszelle. Er fragt sich, wie er andere trösten kann. Das sagt viel über ihn. Wir könnten uns gut vorstellen, dass er sich fragt, wie er denn – in der Isolierung durch die Haft, mit bangen Gedanken an seine Lieben, und angesichts der Bombenangriffe auf Berlin, die ja auch die Gefängnisse nicht aussparen – Trost finden kann.

Aber er fragt danach, wie er trösten kann, was Trost bringt und – warum es ihm so schwer fällt zu trösten. Denn er sieht, dass die Mitgefangenen von ihm – dem Pfarrer und großen Theologen – etwas erwarten.

An einer Stelle, da beschreibt er ganz anschaulich eine solche Situation: Während eines nächtlichen Bombenangriffs, die Gefangen sind im Keller, sitzen am Boden – da schreit einer am Boden liegend nur: Ach Gott, ach Gott! Und was macht Bonhoeffer? Er schaut auf die Uhr und sagt: Das dauert höchstens noch 10 Minuten. – Sonst nichts.

Bonhoeffer sagt dazu: Er wollte die Situation nicht dazu missbrauchen, diesen armen Menschen religiös zu erpressen, also eine psychische Krise auszunutzen, um einem Menschen zu demonstrieren: da schau dich an, du kommst wohl doch nicht ohne Gott aus! Jetzt, wo es hart auf hart kommt, da fängst du eben doch zu beten an! Jetzt bricht dein ganzes Selbstbild zusammen! Gib es zu: So souverän und autonom bist du doch nicht, sonst würdest du wohl jetzt kaum nach Gottes Hilfe rufen und bei ihm Zuflucht suchen. Gib zu: Du bist ohne Gott verloren!

Für Bonhoeffer kommt vor allem eines gerade in dieser Lage nicht infrage, nämlich christliche Überlegenheit vorzuspiegeln, als säßen nicht alle im selben Boot, als gäbe es für fromme Menschen da irgendein Plus für das er stehen müsste.

Er kann ihn nicht „christlich“ ermutigen oder trösten. Denn in dieser Situation wäre das von oben herab, wäre Trost ein falscher Trost, würde er das Selbstbild vermitteln: Schau mich an: Mein Glaube gibt mir Kraft, und nun schau auf dich, du armseliger Wurm. Gerade in Krisen zeigt sich der wahre Glaube! Und jetzt erkenne, was dir fehlt!

Und ein zweites kommt für ihn nicht infrage: Die Situation zu verklären, so zu tun, als wäre alles nicht so schlimm, als wäre die Gefahr nicht real, als würden die Bombenangriffe nicht weitergehen bis zur deutschen Kapitulation. Ein falscher Trost kommt ihm nicht über die Lippen: Er mutet erwachsenen Menschen zu, ein beschwichtigendes „Alles wird gut“ entbehren zu können. Er sagt nicht: Gott wird auf die Seinen schon aufpassen, oder ähnliches.

Und an anderer Stelle sagt er: den Hinweis auf die „10 Minuten“ habe er ohne Vorüberlegung gegeben. Aber es sei spontan richtig gewesen, die Situation nicht zu deuten, sie nicht zu interpretieren.

„So lasse ich die Not uninterpretiert und glaube, dass das ein verantwortlicher Anfang ist.“ (107)

Er zeigt damit: wir können und müssen die Realität in ihrer Härte aushalten.

Bombenangriffe sind Bombenangriffe. Er will nichts religiös übermalen, nichts vertuschen, nichts bagatellisieren.

Kein: „Das sind Prüfungen, ob unser Glaube stark genug ist.“

Kein: „Gott wird schon seine schützende Hand über uns halten.“

Kein: „Alles wird gut.“

Kein: „Wir sind doch allezeit von guten Mächten wunderbar geborgen.“

 

Das alles bekommen die Mitgefangenen nicht zu hören, aber er bietet sich an als Zuhörer. Gerade in dieser belastenden Situation will er für die anderen da sein. Da ist er ganz Pfarrer: Er hört, wenn die anderen von ihrer Angst erzählen. Er nimmt Anteil.

Bonhoeffer hatte erkannt, dass dieser Mensch, der „Ach Gott, ach Gott!“ rief, einfach nur Angst hatte. Er verstand zumindest so viel, dass der nicht wirklich nach Gott und seinem Gebot gefragt hat. Er wollte nur überleben, den Bombenangriff überstehen.

 

Daher eben nur dies: Noch 10 Minuten. Darin der unausgesprochene Zuspruch: so lange hältst du durch!

 

Dass Bonhoeffer sich so zurückhaltend verhält, bedeutet nicht, dass er für sich diese Situation nicht interpretieren würde. Er schreibt an seinen Freund Bethge in einem Brief, der aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde:

„Wenn die Bomben so um das Haus herum einschlagen, kann ich gar nicht anders als an Gott, an sein Gericht, an den ‚ausgestreckten Arm’ seines Zorns (…) denken.“ (105)

Für ihn trifft Deutschland, trifft Berlin Gottes Zorn.

Die Bomben zerstören unsere Städte, sie töten massenhaft Menschen. Jetzt passiert, was wir uns nicht vorstellen wollten: dass der Krieg, den wir über die Welt gebracht haben, zu uns zurückkehrt.

Er sieht hier Gottes Gericht in Gang, ein Gericht, das durch Umkehr, durch ein rechtzeitiges und klares Wort der Kirche vielleicht hätte abgewendet werden können. Doch auch die Kirche hat, statt in den Widerstand zu gehen, sich dafür entschieden, ihre eigene Haut, ihre Besitzstände zu retten. Doch nun gibt es nichts anderes als Gott Recht zu geben, als dieses Bombardement zu bejahen.

„Es mögen Ereignisse und Verhältnisse eintreten, die über unsere Wünsche und Rechte hinweggehen. Dann werden wir uns nicht in verbittertem und unfruchtbarem Stolz, sondern in bewußter Beugung unter ein göttliches Gericht und in weitherziger und selbstloser Teilnahme am Ganzen und an den Leiden unserer Mitmenschen als lebensstark erweisen.“ So schreibt Bonhoeffer in dem berühmten Brief zur Taufe Ende Mai 1944.

Aber er weiß: Glaube erwächst nie aus Angst. Nur wer das große Ja Gottes gehört hat, wird sich auch diesem Nein nicht verschließen. Darum hält Bonhoeffer nichts davon, bei der Angst der Menschen anzusetzen und sie religiös zu erpressen.

Aber es bleibt ihm nicht verborgen: „… es ist doch eben so, dass die Not kommen muss, um uns aufzurütteln und ins Gebet zu treiben, und ich empfinde das jedes Mal als beschämend, und es ist es auch.“ (105)

 

Liebe Gemeinde,

nun will ich noch ein wenig diesen Weg Bonhoeffers weitergehen und zu der Corona-Pandemie etwas sagen:

Der Gedanke, dass die Not die Menschen in die Kirche treiben könnte, gefällt mir nicht. Dass es jetzt eine Aufmerksamkeit gibt für das, was die Kirche in der Lage zu sagen hat, ist für sie eine Versuchung.

Es hat mir noch nie gefallen, wenn irgendwelche Wissenschaftler bewiesen haben wollten, dass wer betet, länger lebt, dass wer meditiert, gesünder ist, dass wer glaubt, ein einfacheres Leben hat. Das hat mit dem, wofür die Kirche eintritt, nichts zu tun.

Wenn wir von Bonhoeffer etwas lernen können, dann, dass religiöse Überlegenheitsgefühle jetzt fatal wären. Und damit meine ich nicht nur, dass es da merkwürdigen Sekten gibt, die meinen, Covid-19 sei nur für Ungläubige gefährlich. Wir sind als Christen von Gott in keiner Weise begünstigt. Es trifft, was uns trifft, alle gemeinsam, aber die Alten, die Armen zuerst.

Die Psalmen sind voller Klagen, dass es den Verbrechern besser geht als denen, die mit der Thora leben.

Und wir dürfen uns auch nichts vormachen: Es werden noch viele sterben und die Menschen, die sich zu den Risikogruppen zählen, müssen noch lange Angst vor einer Ansteckung haben, gerade wenn die Restriktionen aufgehoben werden.

Wir dürfen uns freuen, über besonnenes Verhalten in Verwaltungen und in der Zivilgesellschaft. Es zeigt sich ein hohes Maß an Disziplin und Mitmenschlichkeit in der Bevölkerung. Angesichts der Krise sind viele kreativ geworden. Über die Fehler, die gemacht wurden, wird man sicher auch nachdenken und Schlüsse daraus ziehen. Das gehört auch zu einem realistischen Bild.

Das neuartige Corona-Virus muss niemand als Geißel und Strafe Gottes sehen. Aber wir können – wie Bonhoeffer – ganz subjektiv in der durch die Pandemie und ihre Folge geschaffenen Situation einen Ruf zur Umkehr an uns hören.

Der einzige Sinn, der darin liegt, von Gottes Zorn zu reden, ist aber: dass Menschen ihr Handeln korrigieren. In Südkorea haben Menschen Selbstmord begangen, weil sie es nicht ertragen haben, dass sie dafür verantwortlich sind, andere angesteckt zu haben. Ihnen hätte jemand, bei dem Nein Gottes, das sie darin gehört haben, das größere Ja Gottes predigen sollen.

Und dann sehen wir hoffentlich alle: wir können in einer globalisierten Welt nur noch global auf diese Krisen reagieren. Dass wir alle in einem Boot sitzen, gilt für die ganze Weltgemeinschaft. Dass dieses Boot in eine falsche Richtung steuert, wenn die Steigerung des Profits höchstes Gebot ist, sehen wir hoffentlich auch – auf Kosten der Armen, der Kranken, der Umwelt.

 

Zum Schluss noch einmal zu Bonhoeffer:

In seinen Überlegungen ist er von einem Psalmwort ausgegangen – er hat ja in seiner Gefängnishaft noch einmal neu die Psalmen gelesen (- was auch ich allen ans Herz lege).

„Rufe mich an in der Not,

so will ich dich erretten,

und du sollst mich preisen.“ (Ps 50,15)

Wie liest er dieses Wort? Als Versprechen, dass ihm schon nichts geschehen wird, wenn er nach Gott ruft? Gerade nicht.

Das, was ihm dazu einfällt, ist Gottes Gericht. Ihm fallen seine Verfehlungen, seine Versäumnisse ein, er denkt an „meine mangelnde Bereitschaft“ (105) sich einzusetzen, anderen beizustehen, Widerstand zu leisten. Zu lange hat er alles aus der Distanz eines Privilegierten gesehen. Er rechnet auch sich persönlich zu, alles viel zu lange laufen gelassen zu haben.

Er weiß, dass diese Einladung Gottes an das Volk Israel ergeht, das in die Irre gegangen ist, das zwar einen Opferkult im Tempel aufrecht erhält, aber die Thora bei Seite geschoben hat. Recht und Gerechtigkeit zählen nicht mehr.

Gott erinnert daran, dass er kein Fleisch von Stieren oder Blut von Böcken will, sondern:

„Opfere Gott Dank

Und erfülle dem Höchsten deine Gelübde.“ (Ps 50,14)

Was Gott sucht, ist Dankbarkeit und Treue.

Bonhoeffer sieht sich nicht als Glaubensheld, sondern als sündigen Menschen, der in der Einladung Gottes, ihn anzurufen, als Erstes sich zur Umkehr gerufen fühlt.

Bonhoeffer bedauert, dass er nicht die Kraft hatte, aus Gottes umfassendem Ja zu dieser Welt und einem guten Leben in der Welt zu leben. Er findet es für ihn beschämend, dass er eines Nein bedürftig ist, um aufgerüttelt zu werden.

Aber weil er doch dieses Ja gehört hat, verschließt er sich dem Nein nicht. Weil er sich über seine Lage nichts vormacht, weil er auf dem Boden der trostlosen Tatsachen angekommen ist, findet er einen Grund, der ihn trägt und er kann andere trösten – (seine Verlobte, seine Eltern) mit dem Gedicht:

 

  1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
    behütet und getröstet wunderbar,
    so will ich diese Tage mit euch leben
    und mit euch gehen in ein neues Jahr.2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
    noch drückt uns böser Tage schwere Last.
    Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
    das Heil, für das du uns geschaffen hast.3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
    des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
    aus deiner guten und geliebten Hand.4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
    an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
    dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
    und dann gehört dir unser Leben ganz.

    5. Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
    die du in unsre Dunkelheit gebracht,
    führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
    Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

    6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
    so laß uns hören jenen vollen Klang
    der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
    all deiner Kinder hohen Lobgesang.

    7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiß an jedem neuen Tag.