Das Kreuz. Zeichen des Gerichts – Zeichen der Gnade

Das Kreuz. Zeichen des Gerichts – Zeichen der Gnade

Predigt über Hebr. 13, 12-14

Von Dr. theol. Reinhard Gaede, Ehrenvorsitzender des BRSD

 

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz ist ein Symbol, ein Sinnbild. Wofür? In der Geschichte des Christentums war es oft ein Siegeszeichen, seit den Tagen des Kaisers Konstantin. Er verwendete das Christusmonogramm in der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312. Hier siegte Konstantin über seinen Rivalen Maxentius. Nach den Beschreibungen der christlichen Autoren Laktanz und Eusebius war der Christengott sein „Schlachten-Helfer“. 313 folgte das so genannte Toleranzedikt von Mailand, das im ganzen Reich Religionsfreiheit garantierte und damit auch das Christentum erlaubte. Seitdem wurde das Kreuz oft gezeigt: auf Fahnen, als Orden; es wurde Sinnbild für die Macht christlicher Eliten und war zierlicher Schmuck für Damen. Der Hebräerbrief erinnert uns an die Wirklichkeit des Kreuzes Jesu, die gerne verdrängt wird. Ein Ort der Schande war der Ort der Kreuzigung. Dort kamen die Verbrecher zu Tode. Dort wurde auch der Abfall kultischer Opfer beseitigt. Und schließlich war die Todesart Jesu schmachvoll. Nicht ehrenvoll gepflegt in vornehmem Hause starb er, sondern grausam gequält inmitten von zum Tode Verurteilten.

Und dennoch – so argumentiert der Hebräerbrief – ist dieser Weg Jesu zum Kreuz  ja  nicht zufällig gegangen worden. Historisch gesehen, war es ein Justiz-Irrtum, eine Verletzung der Menschenrechte. Ein Prozess fand statt: 1. Jesus und die Ankläger im Namen des Gesetzes standen sich gegenüber. Jesus, der die Trennung „religiös – profan, fromm – sündig“ aufhob und den nahen gnädigen Gott verkündete, wurde als Gotteslästerer verurteilt. 2. Jesus und der Statthalter des römischen totalitären Staates standen sich gegenüber. Jesus, der das Recht der  Gnade, das Reich Gottes verkündete, das nicht von dieser Welt, aber für diese Welt ist, der für gewaltlosen Widerstand gegen ungerechte, willkürliche Gewalt stand, wurde als Aufrührer, als Revolutionär verurteilt. 3. Zur  Dimension der Weltgeschichte fügt der Hebräerbrief noch eine hinzu, die Heilsgeschichte, das Geschehen zwischen Himmel und Erde. Jesus, der den gnädigen Gott verkündete, musste, von allen Menschen verlassen und ohne Zeichen der Hilfe Gottes, sterben. Das ist nun ein Geschehen in der Dreieinigkeit selbst. Der Sohn musste die Ferne und Unerreichbarkeit des himmlischen Vaters ertragen, damit er ganz bei denen wäre, die so ohne Trost und ohne Sinn in Verzweiflung in der Welt leben. Der Hebräerbrief predigt es so: „Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hohepriester zu Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.“ (2,12) „Heiligen“ nennt der Hebräerbrief es hier. Menschen, die fern von Gott leben, getrennt von Gott, Sünder genannt, werden jetzt „heilig“ genannt, weil Jesus der Mittler zu Gott wird. Nur der, welcher  in jeder Hinsicht die Situation des Menschen teilte, in aller Armut, allem Leiden und Tod, kann der Erlöser werden. Nur der, welcher  selbst die Versuchung besiegte, kann von Sünde freisprechen. Nur der, der selbst den Tod erlitt und durch Gottes Oster-Tat vom Tode auferstand, kann in sein ewiges Leben Menschen hineinziehen.

Im Geschehen des Kreuzes ist die Botschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen verborgen. Denn  unkompliziert und harmlos lässt sich das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen nicht beschreiben. Über der Tradition vom „lieben Gott“ haben viele Christen die Tradition vom „heiligen Gott“ vergessen. Da müssten sie wieder bei den Juden in die Schule gehen und diese als Glaubensverwandte neu schätzen lernen. Für einen Juden ist der Jom Kippur, der Versöhnungstag, der höchste persönliche Feiertag, ein Fasten-Tag der Sühne für vergangene Sünden; viele Beter tragen weiße Sterbegewänder. Die Gläubigen versöhnen sich erst unter einander, machen Schuld wieder gut, bitten sich um Verzeihung und sprechen dann das gemeinsame Sündenbekenntnis. In biblischer Zeit war es ein Tag, der einzige im Jahr, an dem der Hohepriester das Allerheiligste des Tempels betrat, um es mit Opferblut zu besprengen. In einer weiteren Zeremonie wurden die Sünden des Volkes symbolisch einem Bock aufgeladen, der dann als Sündenbock in die Wüste geschickt wurde, Versöhnung mit dem gnädigen Gott durch eine Opferhandlung.

Dieser alte Bund ist von Gott her überholt, sagt der Hebräerbrief immer wieder. Nicht dass Gott nicht mehr der Heilige wäre. Nicht dass die Menschen nicht mehr Sühne für ihre Schuld nötig hätten. Aber Gott selbst in seiner Liebe und Barmherzigkeit handelt, als der Mensch den Abgrund von Schuld zwischen sich und Gott nicht überbrücken kann. Gott selbst übernimmt die Folgen der Bosheit und trägt sie hinweg. Im Leiden des Sohnes, in der Schande des Gefolterten, in der Einsamkeit des Verstoßenen nimmt Gott selbst die zerstörerischen Folgen der Bosheit auf sich und trägt sie selbst, damit sie nicht länger Gott und Mensch trennen können.  Als der gute Mensch Jesus Opfer verbrecherischer Bosheit wird, hat der gerechte Gott den Aufruhr und den Wahnsinn der Bosheit entlarvt, hat das Kreuz als mahnendes Zeichen seines Zorns über die Grausamkeit und Verblendung des Menschen errichtet So ist das Kreuz das Zeichen des Gerichts, das mahnend zeigt, was böse Menschen anrichten können.

Aber es ist zugleich das Zeichen der Gnade, denn es zeigt, Gottes Willen zur Versöhnung mit dem Menschen. Durch das geflossene Blut des unschuldigen Sohns trägt Gott zugleich selbst, was böse Menschen verdient hätten. Eben dieses Opfer, das Gott aus Liebe selbst bringt, soll alle weiteren Opfer und Sühnehandlungen der Menschen für ihren Freispruch überflüssig machen. Denn solche gibt es viele. Die alten Völker opferten sogar Menschen, um die Gottheit gnädig zu stimmen. Heute werden Menschen in Kriegen geopfert für wirtschaftliche Interessen, z.B. für Öl oder andere wertvolle Rohstoffe; oft wird die Gesundheit der Arbeitenden geopfert, um Produktion und Gewinn zu steigern. Für den Mammon, so nennt Jesus den Götzen Kapital, werden viele Opfer gebracht. Der Hebräerbrief betont. Ein für alle Mal ist das Opfer des Gottessohns gewesen, alle weiteren Opfer sollten damit abgeschafft sein, damit das Recht der Gnade Gestalt gewinne in den Ordnungen der Welt.

Das Kreuz zeigt, dass Gott gerade denen nahe ist, die im Leid nach ihm suchen. „Draußen vor der Tür“, hieß ein Nachkriegswerk von Wolfgang Borchert. Draußen vor der Tür steht der Heimkehrer, an dem das Leben vorbeigegangen ist. „Oh, wir haben dich gesucht, Gott, in jeder Ruine, in jedem Granat-Trichter, in jeder Nacht. Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht.“ So hätten auch die Überlebenden  nach dem Untergang des mit Flüchtlingen beladenen Schiff „Wilhelm Gustloff im Januar 1945 sprechen können. Was viele Verzweifelte herbeiklagen, wird im Hebräerbrief bezeugt. „Weil er gelitten hat und dabei selbst versucht worden ist, vermag er denen, die versucht werden, zu helfen.“ (2, 18) Martin Luther sagt es entsprechend: Der Glaube möge von „unten  anfangen“, nicht beim Betrachten der göttlichen Majestät, sondern beim Kreuz. Das Kreuz zeigt Gottes Nähe geraden denen, die leiden müssen.

„So lasst uns nun hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen!“ ruft der Prediger im Hebräerbrief. Er spricht die an, die Verfolgung und Verachtung tragen müssen im totalitären Staat, damals zur Zeit des Kaisers Domitian seit dem Jahr 93 n.Chr. Zum Kreuz Christi gehört die Kreuzesnachfolge der Christinnen und Christen. Sich zu Christus zu halten, kann schwere Bedrängnis bringen. Oft können wir das in der Zeitung lesen, wie schwer Christen es in manchen Ländern haben. Für uns könnte das bedeuten, dass wir auf manche Bequemlichkeit verzichten. Es gibt das „Dickicht der Städte“, wo Verdrängungs-Wettbewerb herrscht. Für die Ärmsten bleiben abbruchreife Häuser oder die Straße. Eintönigkeit, Beziehungslosigkeit prägt das Gesicht vieler Städte, die wie Pilze emporschießen, Wohnraumkästen. Auf der Suche nach dem verlorenen Raum ist der Mensch. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist der Mensch im Getriebe seiner Städte. Die reformierte Petri-Gemeinde in Herford  hat mit ihrem Angebot des Mittagstisches für die Armen ein leuchtendes Beispiel gegeben, wie Christen helfen können.

„Es ist gut, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“, sagt der Prediger des Hebräerbriefs (13,9). Das Herz, das durch Gottes Gnade fest wird, weiß: Im Kreuz Christi hat Gott mich gesucht, mir meine Schuld vergeben, mich angenommen als sein Kind. Nun soll ich diese Gnade bezeugen in einer bösen und grausamen Welt. Das treibt mich hinaus aus dem Lager, wo es so bequem ist, wo man sich kennt und sich gegenseitig bestätigt, hinaus zu denen, die vergessen sind, erniedrigt und beleidigt ohne Recht und Anerkennung. Weil Jesus dort starb, wo es heilige Bezirke und einen Kult nicht mehr gibt, sollen wir uns auch dorthin hinauswagen. Die Welt, die von Gottes Güte nichts weiß und doch sich so sehr danach sehnt, soll sie durch Christinnen und Christen, die das Kreuz tragen, kennen lernen. „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“, heißt heute die Losung der Christenheit in aller Welt.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, sagt der Prediger den Gemeinden. All unser Bemühen, in Häusern, Feldern und Gärten die Landschaft zu gestalten, spiegelt unsere Träume von Heimat. Aber vorläufig ist sie, denn vergänglich, sterblich sind wir. Christen leben auf die künftige Stadt zu, die da heißt: „Stadt Gottes, himmlisches Jerusalem“, Stätte der Gemeinschaft derer, „deren Namen im Himmel aufgeschrieben sind“. Die Hoffnungsbilder der Bibel wechseln. Sie werden formuliert via negationis, d.h. in der Weise der Verneinung. Alles Leid und alle Bosheit dieser Welt wird nicht mehr sein. Und die Hoffnungsbilder sprechen via analogiae, dh. In der Weise der Ähnlichkeit: Was in unserer Sehnsucht gut und schön ist, das wird bei Gott sein. Die Botschaft vom ewigen Leben ist die Antwort auf die Frage nach dem Schicksal des Einzelnen am Ende seines Lebens. Und die Botschaft vom Reich Gottes oder vom „himmlischen Jerusalem“ ist die Antwort auf die Frage nach dem Schicksal der Völker am Ende der Geschichte. Der Hebräerbrief tröstet die unter Verfolgung Leidenden: Das wandernde Gottesvolk geht zu auf die Stadt Gottes, die ewige Heimat.

Diese Hoffnung lässt unser Leben in neuem Licht erscheinen. Leo Graf Tolstoi, Dichter aus dem alten Russland, sagt das in seiner Erzählung „Iljas“. Iljas, ein Baschkire – im Ural wohnt dieses Turkvolk – war ein reicher Mann geworden durch Fleiß und Tüchtigkeit. Die Leute beneideten ihn und sagten: Wie glücklich ist er, alles hat er in Menge. Als Iljas noch arm war, hatten seine Söhne selbst Pferde und Schafe gehütet. Nun im Reichtum wurden sie leichtsinnig. Der eine fing an, viel Alkohol zu trinken. Der Älteste prügelte sich mit andern und wurde erschlagen. Der Jüngste hatte eine hochmütige Frau, forderte sein Erbe und trennte sich von der Familie. Bald darauf kam eine Viehseuche, dann eine Missernte. Als das Ehepaar 70 Jahre alt war, war ihr ganzes Vermögen dahin. Nun mussten sie bei fremden Leuten ihr Brot verdienen. Ein Nachbar erbarmte sich und stellte sie an. Eines Tages kam Besuch. „Seht ihr den Alten?“ fragte der Hausherr die Gäste.“ Früher war er der reichste Mann der Gegend, jetzt ist er ein Knecht.“ „Ja, unbeständig ist das Glück“, sagte ein Gast „Dann ist er jetzt wohl immer traurig, der Alte?“ Und er fragte ihn: „sag mal, Großvater, tut es dir oft weh, an dein früheres Leben zu denken, da du doch jetzt in Not bist?“  Da lachte Iljas und sagte: „Frage nur meine Frau. Sie wird dir die ganze Wahrheit sagen.“ Und sie erzählte: „50 Jahre hatten wir das Glück gesucht, aber erst jetzt haben wir es gefunden. Als wir reich waren, hatten wir nicht eine Stunde Ruhe, so viele Sorgen hatten wir. Die Gäste sollten doch Gutes von uns reden. Die Arbeiter sollten angetrieben werden. Noch in der Nacht quälte uns die Sorge um unser Eigentum. Und darüber wurden wir noch uneinig und zankten uns. Das war Sünde. Und jetzt stehen wir frühmorgens auf, reden in Liebe und Eintracht miteinander, tun gern unsere Arbeit. Wir haben Zeit, an unser Seelenheil zu denken. Unsern Reichtum haben wir verloren, aber Gott hat uns seine Wahrheit geoffenbart.“

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus (354 – 430) rät uns: „Sorge, dass dein Herz bei Gott sei, dann wird bei einbrechendem Abend ein nie gesehenes Sonnenlicht über dir aufgehen, und du wirst dort aufgenommen werden, wo keine Nacht, keine Finsternis mehr sein wird.“ Amen

Predigt am 16.3.2008, Petri-Kirche, Herford