Tage der Befreiung – Hoffnung und Gebet bleiben

Bild: BR24: Die Befreiung der Konzentrationslager

„Kostbar und unverzichtbar ist unser Gebet für die, die nach uns kommen. (…) Das Gebet macht Geschichte erzählbar. Wir selbst, die wir in einem neu gestalteten Europa nach dem deutschen Faschismus leben, haben diese Erfahrung gemacht.
Wir können an die Hoffnungen von Verfolgten und Ermordeten anknüpfen und ihre Geschichte erzählen. Es ist nicht die Gnade der späten Geburt, dass wir in Frieden mit demokratischen Strukturen leben können. Die Hoffnungen der Menschen, die im Faschismus entrechtet wurden, haben unser Zusammenleben vorbereitet. Ihr geistiger und physischer Widerstand gegen die Vernichtung hat der Gewalt den Sieg bestritten. Wir können erzählen, dass die Hoffnung und Gebete der Verliererinnen und Besiegten die Architektur dieser Welt verändern. Und so brauchen auch die Generationen, die noch nicht sind, unsere Gebete, um sprachfähig zu werden. Sie werden erzählen können, dass „der EINE vom Himmel aus zur Erde blickte, um das Stöhnen der Gefangenen zu hören, um Todgeweihte freizulassen“ (Ps. 102, 20f). Die kommenden Generationen können auf den langen Atem von Frauen und Männern zurückblicken. Sie bekommen Vorgängerinnen und Vorgänger, sie werden von deren Hoffnung beansprucht, sie werden Teil einer Geschichte von Sehnsucht und Widerstand. Und sie können von der Stimme der Menschlichkeit und von Erbarmen erzählen, das nicht korrumpiert werden kann – von dem Namen JHWH, von der EINEN, die Gewalt und Tod bestreitet.“

Aus: Klara Butting „Erbärmliche Zeiten – Zeit des Erbarmens – Theologie und Spiritualität der Psalmen“, Uelzen 2013, S. 135