Advent – Maria durch ein Dornwald ging…

Liebe Gemeinde,

was ist ein Dornwald?

Ich glaube, jede/jede von uns hat eine Vorstellung davon. Ich musste sogar sehen, dass es zwar nicht in Israel, aber auf Madagaskar einen Wald gibt, den die biologische Wissenschaft tatsächlich einen Dornwald nennt.

Aber das finde ich fast schade. Der Dornwald gehört m. E. eher in die phantastische Welt, in die Bilderwelt der Phantasie.

Wir brauchen die Vorstellung von einem Dornwald, um etwas auszudrücken, was wir durchgemacht haben und durchmachen.

Es mag einen Dornwald der Krankheit geben.

Einen Dornwald der Ängste, des Kummers, des Liebeskummers.

Ein Dornwald der Trauer.

Einen Dornwald des hilflosen Ausgeliefertseins.

Einen Dornwald der Ausweglosigkeit.

Dornen, Hecke, Spitz, Garten, Dornig, Blätter, Strauch

Wer könnte sagen, dass er oder sie sich darunter gar nichts vorstellen kann?

Vielleicht ist diese Coronazeit ein Dornwald. Und wir gehen da gerade durch. Vermissen liebe Menschen. Leiden an Einsamkeit. Und daran, auf uns selbst zurückgeworfen zu sein.

 

Ein Dornwald ist Wald, der nichts Freundliches hat, der wie tot, abgestorben, verdorrt ist, ausgetrocknete Erde mit einer Vegetation, aus der sich das Leben zurückgezogen hat:

Alles ist abweisend, der Dornwald lädt zu keiner Rast ein und gewährt keine Erholung. Ein Dornwald ist verordnete Distanz.

Es gibt nur eins: man muss da durch. Aber nicht „Augen zu“ und durch, sondern hellwach, nur ja keinen Fehler machen und doch jemandem die Hand drücken und zu nah kommen, nur ja eine Maske dabei haben…

Was uns entgegenkommt im Dornwald, das sind vor allem Dornen und Stacheln, die uns sagen: bleib mir fern, oder du bekommst etwas zu spüren! Erlaube dir ja keinen falschen Tritt! Oder es tut empfindlich weh.

Wenn du unbedacht da hineingerätst, dann verfängst du dich in den Dornen, dann bist du gefangen, dann wird es mit jeder Bewegung nur schlimmer. Das wird dann schnell alptraumhaft.

Wie bei der Dornenhecke im Märchen.

Dornwald – das ist ein Wald, der unserer Seele zusetzt, der verletzt, der Angst macht, der uns kaputt und klein kriegt- wenn wir nichts entgegensetzen können.

 

Das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ setzt die Hoffnung auf eine plötzliche Wende dagegen. Und eine Marienfrömmigkeit voraus.

Jeder gute Katholik/ jede gute Katholikin kennt die sieben Schmerzen Marias. Daher kommt wohl die für einen Wald beängstigende Zahl von sieben Jahren ohne ein Blatt, ohne eine Blüte.

Maria, das ist die Person im katholischen Kosmos, die unglaublich viel durchgemacht hat, durchmachen musste. Aber die das auf sich genommen hat, um Jesu Mutter zu sein.

Vor allem Frauen mit einem harten Schicksal haben ihr eigenes Leid auf sie projiziert und fühlten sich bei ihr deshalb aufgehoben und verstanden. Sie hat der Seele einen Resonanzraum geboten. Das ist, denke ich, auch für  protestantische Gemüter nachvollziehbar. Sie ist Mutter des Trostes, weil die Dornen eben doch am Ende Rosen tragen.

Aber das Bild sagt: dornig sind sie immer noch. Wie ja auch die Melodie des Liedes bis zum Schluss im melancholischen Moll verbleibt.

Das Lied wurde nicht durch die Kirchenchöre und den Gemeindegesang populär. Es bewegte sich am Rand der Kirche. Es gehört in die Wandervogelbewegung. In meiner Fassung vom Gotteslob steht es noch gar nicht drin. In unserem Gesangbuch sowieso nicht. Aber es steht im Zupfgeigenhansel, dem Liederbuch der Jugendbewegung. Es wurde im Freien gesungen.

In Heidelberg wurde eine Fassung in einem Büchlein veröffentlicht von drei Schwestern. Die haben ein entschuldigendes Nachwort ans Ende gesetzt:

Sie schreiben, dass die Lieder, die sie ausgewählt haben fast alle „freilich ein wenig traurig sind“. Aber sie seien ihnen „unwillkürlich auf die Lippen gekommen, als (sie) draußen lagerten am Fluss, der langsam und träumend seine Wellen dahinzieht“.

Es ist ein Lied in Moll. Es ist ein traurig-melancholisches Lied – ein Lied von einem Schmerzensweg, das aber auch betont: mit der Schwangerschaft, mit dem Kindlein unter ihrem Herzen haben die Schmerzen nichts zu tun.

 

Liebe Gemeinde!

Ich will das Lied lesen als ein biblisches Lied. Denn die Bibel kennt einen Weg, den Maria in ihrer Schwangerschaft gegangen ist.

39) In diesen Tagen <gemeint ist nach dem Besuch des Engels Gabriel> stand Maria auf. Sie wanderte eilig durch das Gebirge in eine Stadt Judäas.

40) Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.

(Lk 1)

 

Ein Weg von Galiläa in das judäische Bergland. „Sie wanderte eilig“ – wie stellen wir uns das vor? Tatsächlich sind das etwa 100 km.

Sicher auch ein Weg durch wasserarmes Terrain, gefährlich, anstrengend.

Maria weiß, dass ihre Verwandte auch schwanger ist, schon im sechsten Monat. Drei Monate wird sie bei ihr bleiben. Und doch hat sie es sehr eilig zu ihr zu kommen, als könnte sie es nicht erwarten.

Die beiden Frauen werden sich viel erzählen. Das Lukasevangelium hat große Worte bewahrt. Davon später.

Was vor der Begegnung passiert, was in der Vorbereitung auf die Begegnung passiert, davon handelt – denke ich – unser Lied. Es versucht diese Vorbereitung zu deuten:

Es sagt, der Weg durch die Gebirgslandschaft war eine intensive Vorbereitung auf ihr neues Leben, das sie von einem zum anderen Moment in eine neue Existenz katapultiert hat.

Maria wird den Messias zur Welt bringen. Als der Engel ihr das offenbart, erschickt sie. Noch bevor der Geist Gottes auf sie herabkommt, fährt ihr der Schrecken in die Glieder.

Was Maria, wohl noch ein halbes Kind von vielleicht 12,13,14 Jahren da durchlebt, ist eine Überforderung. Dass sie zu einer älteren Verwandten flüchtet, ist verständlich.

Dass sie Zuflucht und Hilfe und Rat sucht, den sie weder bei den Eltern noch bei Josef finden kann, ist nachvollziehbar.

Dass sie darum so schnell wie möglich eine Gesprächspartnerin sucht, gar nicht schnell genug bei ihr sein kann, weil sie allein, an dem, was ihr durch den Kopf geht, zu schwer trägt, wir können es erahnen.

 

Das Lied legt nun nahe, dass sie ihr ganzes Leben, das ihr noch bevorsteht, durcharbeitet: die Welt wird ihr fremd und feindlich und bedrohlich. Es ist wie eine Anrede durch diesen Wald: du wird es nicht schaffen, du bist nichts, aus dir wird nichts.

 

Der Dornwald ist ein Wald der Verzweiflung. Wer bin ich schon? Wie könnte ich darauf vorbereitet sein? Werde ich mich auf Worte eines Engels verlassen können? Bei allem, was jetzt kommen mag?

(Mag sie sich dabei erinnert haben an die sieben Krisen bei der Wüstenwanderung Israels: 7x handern mit der Führung, Zweifeln an Gott und dem guten Ende?)

Zu lange will sie nicht allein sein, mit diesen Gedanken. Aber sie muss erst einmal damit allein sein.

Wenn sie diesen Wald ertragen, wenn sie ihr Kind unter dem Herzen durch diesen Wald getragen hat, dann wird sie eine andere sein. Sollen wir sagen: erwachsen? Zumindest kann ihr jetzt die Verzweiflung nichts anhaben, auch wenn der Schmerz der Verzweiflung nie ganz loslässt.

 

Im Lukasevangelium hören wir:

 

41 Und als Elisabet den Gruß Marias hörte, da hüpfte das Kleine in ihrem Bauch.

Elisabet wurde mit heiliger Geistkraft erfüllt,

42 und sie brach mit lauter Stimme in die Worte aus:
»Willkommen bist du unter Frauen, und willkommen ist die Frucht deines Bauches!

43 Woher weiß ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44 Siehe, als der Klang deines Grußes in mein Ohr drang, da hüpfte das Kleine in meinem Bauch voller Jubel.

45 Glücklich ist, die geglaubt hat, dass sich erfüllen werde, was Gott zu ihr gesagt hatte.«

Es gibt eine körperliche Reaktion auf den Gruß, auf das Schalom-Wort, das Maria ihrer Verwandten sagt.

Mutter und Kind sind eins: Der Bauch reagiert. Das Kind hüpft. Und es ist schön, dass die Wörter hüpfen und hoffen verwandt sind.

Die Ankunft von Maria – das ist auch schon Advent: Maria kommt an im Hause der Elisabet und sie weckt Gefühle der Hoffnung.

Mag sein, dass Maria sich immer noch überfordert fühlt, immer noch gefangen durch eine zu große Aufgabe: Aber sie merkt, was sie auslösen kann.

Diese beiden Frauen machen das Erlebnis, dass sich nichts geändert hat, dass alles so ist, wie vorher, das Leben ist nicht einfach leicht und alle Probleme haben sich in Luft aufgelöst: aber – es ist etwas passiert: da haben die Dornen Rosen getragen.

Maria bringt wirklich den Frieden ins Haus. Sie trägt das Friedenskind über die Schwelle. Sie setzt etwas in Bewegung, was vor kurzem noch undenkbar war: die Hoffnung auf den Messias färbt die Welt nicht rosa-rot, sondern Rosen-rot.

Und als wäre das noch nicht genug, da ist ein Kind im Bauch  seiner Mutter, das freut sich und hüpft.

Und wenn  es so war, dass die Welt ihr zum Dornwald wurde, der sie niedermachte, so erlebt sie nun das Gegenteil: da ist eine Frauenstimme, die sie groß und stark macht.

 

Und Maria setzt zu ihrem revolutionären Lied an, dem Magnificat:

 

46 Und Maria sprach: »Meine Seele lobt Adonaj,
47 und mein Geist jubelt über Gott, der mich rettet.
48 Er hat auf die Erniedrigung seiner Sklavin geschaut. Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen,

49 denn Großes hat die göttliche Macht an mir getan, und heilig ist ihr Name.
50 Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation denen, die Ehrfurcht vor ihr haben.

51 Sie hat Gewaltiges bewirkt. Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben, die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben.

52 Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Niedrige erhöht,

53 Hungernde mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt.

54 Sie hat sich Israel, ihres Kindes, angenommen

Und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert.

 

Jetzt bekommen wir eine Ahnung, was sich auf diesem Weg durch das judäische Bergland, durch den Dornwald, in Maria zugetragen haben mag:

Wie kann ein Mädchen auf einmal solche Worte sagen? Sie mag sie gehört haben in der Synagoge oder bei Gebeten am Tisch oder wenn sie den Gesprächen der Erwachsenen gelauscht hat. Aber jetzt brechen sie aus ihr heraus – so wie Rosenknospen sich öffnen.

Sie gibt sich dieser verwandelnden Kraft hin und kann in sich und um sich die Welt zum Blühen bringen.

Das wünsche ich uns allen: dass wir von Maria etwas mitnehmen, das uns hilft, diese dürftigen Zeiten durchzustehen, dass wir uns erinnern, was wir an Hoffnungskraft tief in uns tragen, gerade wenn die Lage bedrückend ist und dass wir auf unserem Weg auch die eine oder andere Rose zum Blühen bringen, wenn wir gute Begegnungen haben, uns gegenseitig stärken und trösten, unsere Verbundenheit zeigen, die zwar herzlich, aber wohl noch lange auf Berührung und Umarmung verzichten muss.

Das wünsche ich uns allen, dass dieser Advent mit kleinen Rosenwundern dem dornigen und dürftigen Alltag etwas entgegensetzt und dass die Hoffnung auf das große Wunder uns immer wieder aufrichtet und die Angst vor Verwundung uns nicht erstarren lässt, sondern wir trotz allem unterwegs bleiben, in Gang gesetzt von Marias Hoffnungsgesang und ihrer Erfahrung: da haben die Dornen Rosen getragen. Amen.

Pfarrer Thomas Klein, Gimmeldingen, Evangelische Kirche der Pfalz

Bibelzitate aus der Bibel in gerechter Sprache Luk. 1,28 f.

Grafikadresse: Die Verkündigung

und: Dornenhecke