Weihnachten in einer vulnerablen Welt

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.

 

Der Predigttext für den 1. Weihnachtsfeiertag steht im Galaterbrief des Paulus, 4,4-6

Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott das Gotteskind aus: geboren aus einer Frau und geboren unter die gesetzte Ordnung. Die unter der Gesetzesordnung leben sollte es freikaufen, damit wir als Kinder adoptiert würden.

Weil ihr aber Kinder seid, hat Gott die Geistkraft des Gotteskindes in unsere Herzen gesandt, die mit lauter Stimme ruft: Abba! Vater!“

Gott, segne und regiere du jetzt unser Reden und unser Hören durch deinen Geist. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Weihnachten werden wir zu Kindern.

Wir essen mehr Süßes. Wir essen überhaupt mehr. Wir spielen. Wir suchen Nähe und Wärme. Hoffentlich hat jeder einen Menschen, der ihm diese Nähe und Wärme gibt. Sonst essen wir am Ende noch mehr Plätzchen.

Weihnachten ist ein Fest der Regression.

Für viele heißt es: heimkommen, dahin, wo sie aufgewachsen sind. Möglichst viel soll dann so sein wie früher. Und das alles, um wieder Kind zu sein.

Das macht aber noch nicht die Essenz dieses Festes aus:

Es geht darum:  Wir werden zu Kindern Gottes.

Im Gedankengang von Paulus: Gott schaltet sich ein in den Gang der Welt und schickt uns Jesus und in Jesus sich selbst.

Dieses eine Kind Gottes zeigt uns den großen Wunsch in Gottes Herzen: er will uns gerne adoptieren.

Egal, woher wir kommen. Egal, was unsere Geschichte ist.

Er gibt uns eine neue Geschichte. Eine von der wir erzählen können.

 

Und diese Erzählung beginnt mit einem Stall in Bethlehem.

 

Von Anfang an sollen wir wissen, dass diese Geburt etwas mit uns zu tun hat. Auf uns zielt. Weil darin Gott ein Mensch geworden ist, um unser Leben zu teilen, unsere Geschichte.

Es ist ganz anschaulich – aber nicht idyllisch: Gott kommt zur Welt unter prekären Verhältnissen. Die Geburt muss Überlebenskampf gewesen sein. Risikogeburt. Eine junge Mutter – unterstützt von ihrem Mann, der nicht unbedingt erfahren ist, aber auf jeden Fall unter hygienischen Verhältnissen, die dramatisch waren.

Wäre dieses Kind in der Nacht gestorben, hätte es bei der Mutter Komplikationen gegeben – wir hätten uns nicht zu wundern.

Aber Gott sorgt auch: er schickt Hirten dahin. Hirtinnen werden auch dabei gewesen sein. Und die werden am ehesten gewusst haben, was zu tun ist. Hirtenleben hat sich in der Wildnis angespielt. Und die ersten Gäste an der Krippe waren mit dem Überlebenswissen der Wildnis präsent.

 

Unsere Erzählung könnte also so lauten:

 

Gott hat uns gezeigt, dass er unser Leben in seiner ganzen Verletzlichkeit teilen will. Und er zeigt uns, dass er angewiesen war auf Hilfe. Auf die Hilfe derer, die am Rande der Gesellschaft lebten, die gut zusammen halten mussten, um zu überleben. Und dass er auf Hilfe angewiesen bleibt, auf die Hilfe aller, weil er alle bei sich haben will.

Der Besuch sollte den Hirten etwas sagen und das sollen wir auch uns zu eigen machen: Gott sieht uns. Gott  sieht, wie es uns geht. Gott sieht, was wir können. Und wir sehen: Gott braucht uns. Damit die Hoffnung nicht stirbt.

Denn er ist verwundbar wie wir.

Wenn wir von dieser Nacht sprechen, wenn wir davon erzählen, dass Gottes Friede über diese Welt ausgerufen wurde, wenn wir erzählen, dass mit Jesus der Retter gekommen ist, der Messias, dann sagen wir dazu, dass er Menschen braucht, die mit ihm gehen, die sein Leben führen, die für einander da sind. Er allein wird es nicht schaffen. Aber wo sich Menschen in seinem Namen verbünden, wird es für sie keine Schranken geben. Jesus sucht in uns nichts weniger als Brüder und Schwestern und macht uns Mut, Gott als Vater oder Mutter anzusprechen.

 

Liebe Gemeinde,

Jesus ist vulnerabel.

Das ist eine Vokabel, die wir in der Pandemie gelernt haben, die nun in unseren Wortschatz eingegangen ist. Täglich hören wir von den vulnerablen Gruppen, die besonders gefährdet sind, durch eine Infektion großen Schaden zu nehmen.

Die vulnerablen Gruppen müssen besonders geschützt werden, heißt es: Die Alten, die Asthmakranken, die mit Lungenproblemen, die mit einem geschwächten Immunsystem.

Für sie müssen andere in Kauf nehmen, dass Freiheitsrechte eingeschränkt werden oder sie müssen Wohlstandsverluste hinnehmen.

Wir achten auf die, die besonders verwundbar sind, besonders.

Aber vulnerabel sind wir alle. Das ist das Zeichen unserer Menschlichkeit.

Weihnachten rückt Gott das vulnerable Gotteskind in den Mittelpunkt und zeigt damit, dass er unsere Verwundbarkeit teilt.

 

Stellen wir uns für einen Moment vor, unsere Weihnachtserzählung ginge so weiter:

Kaum dass Jesus geboren war, zieht Josef los und tötet einen Drachen, damit Maria ihr Kind im Drachenblut baden kann. Dadurch wird es unverwundbar.

Unverwundbar geht Jesus durchs Leben. Niemand kann ihm etwas anhaben. Er braucht niemanden. Viele verehren ihn, viele fürchten ihn. Er ist ein einsamer Held, der nur in anderen Helden einen Freund finden könnte.

An ihm sollten alle sehen, wie Gott ist: stark und unnahbar. Er weiß nichts von Schmerzen und kümmert sich nicht um Leiden. Er ist einer, der sich nimmt, was er will, und nicht fragt, was andere wollen.

Er zeigt uns Gott als fernen Herrscher über das All. Er kennt Treue nur als Unterwerfung. Dieser Gott ist einer, den will man besser nicht zum Feind haben.

 

Natürlich ist das nicht unsere Erzählung, liebe Gemeinde!

 

Aber erst durch das Gegenteil tritt hervor, wer Jesus ist, und was er von Gott zeigt.

 

Aber schon in der Bibel wird ein Gegner Jesu aufgeführt:

Wir hören von dem König Herodes: von einem Menschen, der lieber Wunden zufügt, als dass er es ertragen könnte, dass seine Macht angetastet wird. Herodes ist das Gegenmodell zu dem Königtum, das Jesus leben wird.

Jesus hilft, rettet, befreit nicht durch sein Starksein, sondern durch sein Schwachsein. Er kann Anteilnehmen. Er versteht, was Ausgeschlossen-Sein ist, was Verzweiflung ist, ja, was Gottverlassenheit ist. Und legt die Hände der Ausgeschlossenen, der Mühseligen und Beladenen, der nach Brot und nach Gerechtigkeit Hungernden, der Hoffnungslosen ineinander und formt aus ihnen, die Gemeinschaft, die für eine bessere Zukunft lebt. Aber es tut es eben nicht als starker Held, sondern als Gottesknecht, der selber von Anfang an verwundbar ist und am Ende tödlich verwundet wird.

 

Hier will ich kurz stehen bleiben:

Die Geschichte von Jesu Gebet im Garten Getsemane, kurz vor seiner Verhaftung, wird in der Bibel dreimal erzählt. Es heißt jeweils, dass Jesus alleine betet, dass seine engsten Freunde einschlafen. An einer Stelle gehen die Erzählungen auseinander. Es heißt einmal, er sei durch einen Engel getröstet worden. In zwei Evangelien kommt kein Engel.

Jesus bleibt ohne Trost, ohne Antwort, allein auf sich selbst gestellt – das ist das Bild, das wir da sehen. Das Bild, das die Evangelisten zeichnen, nicht um uns den Mut zu nehmen, sondern gerade um uns zu ermutigen, wie Jesus zu rufen: Abba, Vater! – in dem Vertrauen eines Kindes, das doch weiß, dass sein Vater es liebt und nicht im Stich lässt.

 

Liebe Gemeinde,

in diesen Bildern, in diesen Erzählungen können sich Menschen wieder finden, die auf einer Intensivstation allein sind, allein in einem Krankenzimmer mit einer schlimmen Diagnose, allein in einem Pflegeheim.

 

Diese Erzählung kann zu ihrer Erzählung werden:

An Jesus kann ich sehen, wie Gott das Wagnis, schwach und verwundbar zu sein, eingegangen ist, um mein Vertrauen zu gewinnen.

Jesus ist mir ein Bruder geworden. Er weiß um meine Not, weil er sie selbst kennen gelernt hat.

Von ihm will ich lernen, dass uns manchmal nichts übrig bleibt, als die Hände zu falten und das Vaterunser zu sagen, aber eben dass wir das in der Kraft des heiligen Geistes auch können! Und an ihm will ich lernen auf Besuch zu hoffen, den Gott mir schickt, weil sein Wort die Herzen von Menschen berühren kann.

In seinem Namen steht meine Hilfe, die Hoffnung, dass Gott mich sieht, weil ich sein Kind bin, weil Gott alle seine Kinder liebt und darum auch mich nicht im Stich lässt – wenn ich auch gleich nichts fühle von seiner Macht.

Und dieser Glaube wird mich verändern, wird mir helfen, die nicht zu vergessen, denen ich nicht helfen kann, die mir meine Hilflosigkeit, meine Macht- und Sprachlosigkeit schmerzlich offenbaren.

Dieser Glaube wird mir helfen, denen ein Zeichen der Liebe und Verbundenheit zu geben, die dieser Welt verloren gehen werden, die sterben werden. Denn ich muss mich nicht schämen schwach zu sein. Ich muss nur wagen zu vertrauen, dass Gott uns die Kraft gibt, durchzuhalten oder in Hoffnung zu sterben.

 

Im Blick auf das Kind in der Krippe beginne ich immer wieder zu lernen, dass das der Weg Gottes ist, die Herzen zu solidarisieren, nach Vertrauen zu fragen, darauf zu bauen, dass wir viel bewegen können, wenn wir Lasten gemeinsam tragen und Begabungen teilen, dass es sich lohnt, Liebe zu riskieren. Dass wir zwar nicht unsere Verwundbarkeit loswerden, aber uns als weltweite Gemeinschaft zusammenfinden können, um diese Seuche in den Griff zu kriegen, um dann noch ganz andere Probleme dieser Welt anzugehen: wie die Armut und den Hunger.

Im Blick auf das erwachsen gewordene Kind, das seinen Freunden die Füße wäscht, beginne ich immer wieder zu lernen, dass Größe nicht darin besteht, Privilegien auszukosten, sondern zu dienen, mich ehrenamtlich zu engagieren oder andere zu unterstützen, die das tun.

 

Vulnerabel zu sein heißt, Mensch zu sein.

Wir können uns gegenseitig verwunden – und wir tun das immer wieder. Aber wir können lernen, jede Wunde – wie das Haupt voll Blut und Wunden – im Licht Gottes zu sehen: und dann ruft die Verwundbarkeit nach Barmherzigkeit.

 

Nach Barmherzigkeit mit denen, die auf den Intensivstationen liegen und mit denen, die dort arbeiten.

 

Nach Barmherzigkeit mit den Alten, in den Pflegeheimen und mit denen, die sie betreuen.

 

Nach Barmherzigkeit mit denen, deren Elend durch diese Pandemie noch vermehrt wurde.

 

Nach Barmherzigkeit mit einem geschundenen Planeten, dessen Wunden angesichts der Pandemie aus dem Blick geraten.

 

Die Jahreslosung für 2021 möge zu unserer Losung werden, die uns erlöst aus ängstlichem Zaudern zu hoffungsvollem Tun, in dem wir auf Jesus hören, der uns sagt:

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Amen.

 

 

Pfarrer Thomas Klein, Gimmeldingen, Evangelische Kirche der Pfalz

Bild von Gerhard G. auf Pixabay