Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, Joan Baez!

Am 9. Januar feiert Joan Baez ihren 80. Geburtstag.

Die Musik, die Lieder dieser großartigen Sängerin haben uns in unserem Leben, in unserem Engagement in der Friedens-, Eine-Welt- und Solidaritätsbewegung immer begleitet. Wir verdanken ihr so viel.

Im Radiogottesdienst am 10. Januar 2021 aus Hannover ist die Musik und das Leben der Sängerin und Friedensaktivistin Thema. Zu hören ist auch das Protestlied “We Shall Overcome”.

“Unter dem Motto “We Shall Overcome” feiert die Apostelkirchengemeinde in Hannover anlässlich des 80. Geburtstags der Folksängerin, Menschenrechts- und Friedensaktivistin Joan Baez am 10. Januar 2021 einen Radiogottesdienst. In den 1960er-Jahren stand Baez mit an der Spitze der amerikanischen Folkbewegung. Sie sang für Martin Luther King, war beim gewaltlosen “Marsch auf Washington” dabei, baute Amnesty International mit auf und setzt sich bis heute für Frieden, soziale- und Menschenrechte für Alle und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen ein.

Predigt über Friedensaktivistin und Sängerin Joan Baez

Pastorin Christine Schröder gestaltet den Gottesdienst zusammen mit Mitgliedern des Markuschores, Roman Rofalski am Klavier und dem Gitarristen Niklas Turmann, der Baez-Songs spielen wird. Die Hörerinnen und Hörer erwarten außerdem Lieder wie die Friedenshymne “We Shall Overcome”, Johann Pachelbels “Magnificat” und John Lennons “Imagine”, gesungen vom Anja Ritterbusch.

Die Apostelkirche(ngemeinde) versteht sich als “Kirche für die Stadt” und ist als Citykirche offen und einladend.

“Mit der Musik drückt Joan Baez aus, was sie bewegt, verletzt, ängstigt, was sie hofft und das, was ihrer Meinung nach verändert werden muss”, sagt Pastorin Schröder in ihrer Predigt, in der sie Parallelen zwischen dem Magnificat der Maria aus der Bibel und den Protestsongs von Joan Baez zieht.”

NDR Info und WDR 5 übertragen den Gottesdienst am 10. Januar 2021 ab 10 Uhr. Hier den Gottesdienst nachhören: Gottesdienst zu Joan Baez

Zit. und bearbeitet nach: Gottesdienst am 10.01.2021 über Joan Baez …

 

P.S.: Die Apostelkirchengemeinde war Partnerin des letzten Sommerseminars des BRSD im Jahr 2019 mit dem niederländischen Theologen Dr. Dick Boer zum Thema Hoffnung in nicht-revolutionären Zeiten – Hiobs Aufschrei gegen Gott und die Welt

Mehr zu Joan Baez: Joan Baez (auf Wikipedia)

Höre dir dieses “fromme Lied” an: Joan Baez singt “God is God”

 

Predigttext des Gottesdienstes:

Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich vor; ganze vierzehn verschiedene Magnificat-Kompositionen hat der evangelische Musiker Johann Pachelbel im 17. Jahrhundert verfasst. Das Magnificat, der Lobgesang Marias aus dem Lukasevangelium, hat darüber hinaus zahlreiche weitere Komponisten zu den verschiedensten Vertonungen inspiriert. Wie ist diese große Anziehungskraft zu erklären? Liegt es an dem eindringlichen Text, der von so starker Sehnsucht nach Frieden geprägt ist? Oder liegt es an der jungen Maria, die auf die Verkündigung des Engels voller Leidenschaft ihre Stimme erhebt und anfängt zu singen? In all den Jahren, in denen ich Krippenspiel-Proben mit Jugendlichen und Erwachsenen durchführe, erlebe ich ganz andere Reaktionen: Die Rolle der Maria zählt zu den unbeliebtesten, kaum jemand mag diese Figur spielen. Zu langweilig, zu brav, zu angepasst, lauten dann die Kommentare. Seit Jahrhunderten zur Jungfrau und vorbildhaften Mutter überhöht, inspiriert dieses Frauenbild heutzutage kaum noch junge Frauen. Das hat schon den Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti bewegt. Er hat deshalb der Maria einen ganzen Gedichtzyklus gewidmet. Darin zeichnet er eine Frau, die verstört ist, als sie sieht, was man aus ihr gemacht hat. Sie befreit sich von dem ihr aufgezwängten Bild des Angepasstseins.

Kurt Marti schreibt:

später viel später
blickte maria
ratlos von den altären
auf die sie gestellt worden war
und sie glaubte an eine verwechslung
als sie – die vielfache mutter –
zur jungfrau hochgelobt wurde
und sie bangte um ihren verstand
als immer mehr leute
auf die knie fielen
[…] am tiefsten
verstörte sie aber
der blasphemische kniefall
von potentaten und schergen
gegen die sie doch einst
gesungen hatte voll hoffnung […] und maria trat aus ihren bildern
und kletterte von ihren altären herab
und sie wurde das mädchen courage
die heilig kecke jeanne d’arc
und sie war seraphina vom freien geist
rebellin gegen männermacht und hierarchie1

In diesem Gedicht zeigt sich Maria verstört: Statt dass die mächtigen Despoten und Ausbeuter vor Marias Prophezeiung über den Sieg über Gewaltherrschaft und Machtmissbrauch zittern, fallen sie auf die Knie und beten Marias Reinheit an. Dabei ist ihr Gesang, das Magnificat, doch ein revolutionäres Friedenslied! Alles soll sich ändern: Friedlich soll es zugehen und gerecht: “Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen” (Lk 1, 51f.) Marias Worte sind Zitate aus den Prophezeiungen der hebräischen Bibel. Maria kennt die Geschichten und alten Lieder ihres Volkes und beruft sich auf diese Verheißungen. Maria, gerade mal 14 oder 15 Jahre alt. Sie sieht jeden Tag, was um sie herum geschieht. Wie ungerecht es zugeht. Und so ist sie wie alle anderen auch voller Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Sie kann gar nicht anders als zu singen, denn der Engel hat ihr gesagt: Durch Dich wird der Friedensfürst zu den Menschen kommen. Auch die Amerikanerin Joan Baez erlebt Ungerechtigkeit. Sie lebt in einem Land und in einer Zeit, die von Rassentrennung und starker Ungleichheit geprägt war. Von ihrem mexikanischen Vater erbt sie eine dunklere Hautfarbe, von der Mutter die schwarzen Haare. So wird sie in jungen Jahren öfter ausgegrenzt und beschimpft. Nachbarskindern wird untersagt, mit ihr zu spielen. 1956 hört sie zum ersten Mal eine Rede des jungen Martin Luther King und ist schwer beeindruckt. Und wie es der Zufall will, im gleichen Jahr bekommt sie ihre erste Gitarre geschenkt. Mit der Musik drückt sie aus, was sie bewegt, verletzt, ängstigt, was sie hofft und das, was ihrer Meinung nach verändert werden muss. Und sie wird mit 16 Jahren selbst aktiv: In ihrer High-School weigert sie sich während einer Luftschutzübung, bei der ein Angriff sowjetischer Langstreckenraketen simuliert wird, das Klassenzimmer zu verlassen. Joan hält diese Übungen für absurd und politisch manipulierend. Dieser Akt zivilen Ungehorsams bringt sie sogleich in die Schlagzeilen der Lokalpresse, die sie als “besserwisserische Schülerin” verspottet. Ein Jahr später nimmt Joan ihr erstes Album auf, Darbietungen in Folkmusic-Clubs folgen, bis sie nach ihrem großen Auftritt auf dem Newport-Festival den Beinamen “die barfüßige Madonna” erhält. Sie tritt also gewissermaßen in die Fußstapfen von Maria. Wie Maria singt auch Joan Baez gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt an. Die nicht zu überwindende Rassentrennung in den USA beschäftigt die junge Frau immer mehr. Sie singt nicht mehr nur um der Musik willen, nein, sie will mit ihren Liedern auch etwas verändern. So kommt es zu ihrem legendären Gesang des Gospels “We Shall Overcome” während des sogenannten Marsches auf Washington 1963. Auf dieser Demonstration der Bürgerrechtsbewegung rund um Martin Luther King wird das Ende der Rassendiskriminierung eingefordert.

Diese christliche Friedenshymne findet sich auch in unserem evangelischen Gesangbuch:

“We shall overcome, wir werden überwinden – eines Tages.
Oh, tief in meinem Herzen glaube ich, wir werden überwinden – eines Tages.
Der Herr wird uns hindurchhelfen – eines Tages.
Wir haben keine Angst – heute.
Schwarz und weiß zusammen – eines Tages.
Wir werden in Frieden leben – eines Tages”.2

Musik und politisches Engagement – für Joan Baez ist das mittlerweile untrennbar. Sie ist maßgeblich beteiligt an der Gründung der US-amerikanischen Amnesty International-Sektion, sie nimmt an Ostermärschen in Deutschland teil und singt in einem Bunker in Hanoi gegen den Vietnam-Krieg, selbst, als dieser Bunker bombardiert wird. Dieses Erlebnis prägt sie maßgeblich. Wie kann sie nach diesem Trauma weitersingen? Joan fängt an, auf ihr bisheriges Leben zurückzublicken, um neue Kraft zu sammeln. Und natürlich tut sie dies mithilfe der Musik. 1974 erscheint ihre erste komplette Eigenkomposition mit dem biografischen Stück “Gulf Winds”. Sehnsucht nach Frieden und nach einer Veränderung, die das neue Jahr mit sich bringen wird. Sehnsucht nach Frieden am Ende eines zurückliegenden, in vieler Hinsicht sehr schwierigen Jahres. Wir sind auf der Suche danach: nach Frieden mit uns selbst, mit Gott und unseren Mitmenschen. Wir sind voller und guter Hoffnung, wie einst Maria, dass mit der Ankunft Gottes auf Erden Frieden und Gerechtigkeit um sich greifen werden. Dass die Gewalttätigen, Potentaten und Schergen vom Thron und von ihrem hohen Ross gestoßen werden. Wir hoffen, dass die Hungrigen mit Lebensnotwendigem, Liebe und Anerkennung erfüllt werden. Das klingt schön, solche Worte tun gut, sind wie Balsam für unsere Seele. Ob die Menschen damals dieser Friedensprophezeiung der Maria Glauben schenken konnten? Und wir? Arrangieren wir uns nicht auch oft damit, dass diese Friedensbotschaft eher nur eine Utopie ist, die dann doch zu schön ist, um wahr zu werden? Wie gehen wir heute mit Menschen wie Joan Baez um, die uns wie Maria zum Frieden mahnen? Doch so eine Verheißung bedeutet ja nicht, dass jetzt sofort “alles wieder gut” sein wird. Wie sollte das auch gehen? Es braucht Zeit, bis ein allumfassender Frieden, ein Schalom, für alle herrschen wird. Mit einem Fingerschnippen ist so ein Friedensreich nicht zu verwirklichen. Wir müssen also Gott und den Menschen weiter unsere Lieder singen: Lieder der Hoffnung und der Zuversicht, Lieder der Klage und Ohnmacht, Lieder über die Liebe und das Verzeihen, Lieder zum Lob und Lieder, die “Danke” sagen. Dabei ist mir wahrlich nicht immer zum Singen zumute. Manchmal bleibe ich einfach stumm oder der Ton bleibt mir im Halse stecken, weil ich auch nicht mehr weiterweiß und mir die Worte fehlen. Und nun ist es auch noch so, dass wir zurzeit in Gemeinschaft und im Gottesdienst gar nicht singen dürfen. Auch wenn ich den Grund, die Möglichkeit einer Ansteckung, verstehe, kann ich meinen Glauben doch nicht so leben, wie ich es seit jeher kannte. Ich muss meinem Gott und den Menschen also auf andere Weise meine Lieder singen. Oder ich kann den Menschen zuhören, die das für mich machen. So höre ich sie in mir weiter: Die Klänge voller Hoffnung und Zuversicht, die Töne der Liebe und der Versöhnung, die Gott uns durch seinen Sohn schenkt. Wie sie uns einst Maria in unser Herz gelegt hat, wie sie Joan Baez in unser Ohr singt: “Du wunderbarer, zerbrechlicher, furchterfüllter, zarter, verlorener, wie ein seltener Stein funkelnder” Mensch: Wir werden den Unfrieden überwinden, eines Tages. Tief in meinem Herzen glaube ich, werden wir überwinden – die Ungerechtigkeit eines Tages. Gott wird uns hindurchhelfen. “We Shall Overcome”. Amen

1 Quelle: Kurt Marti, Namenszug mit Mond. Gedichte. Werke Band 5, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München 1996.
2 EG 616.

Radiogottesdienst am 10. Januar 2021: Apostelkirche in Hannover – Predigt Pastorin Christine Schröder

Fotonachweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Joan_Baez