Der Hahn – eine Andacht in der Karwoche (Lk 22, 54-62)

Walter Mellmann, „Der Hahn“ – Kreuzkalender 1980   (* 17. September 1910 in Osnabrück; 2001 ebenda)

Info zu Gottesdiensten für Zuhause (Karwoche und Ostern) siehe am Textende!

Der Hahn

 „Und während er (sc. Petrus) noch redete, krähte schon der Hahn. Da wandte sich der Herr um und sah Petrus an.  Und Petrus dachte daran, wie der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal  verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“ (Luk. 22, 60b-62 und Parallelen)

Der Hahn kräht. Einer hört es überlaut. Einer sieht ihn übergroß. Schlägt die Hände vor’s Gesicht. Er­innerung drückt. Schuld als Last. „Der war auch mit ihm zusammen“, sagte die Magd, die ihn genau angesehen hatte. Seine Stimme ist jetzt eine fremde Stimme: „Ich kenne ihn nicht“. Wen nicht? Ihn nicht, dem du Treue versprachst. Treue trotz Gefängnis und Tod.

„Du bist auch einer von denen“, sagte ein anderer nach einer kleinen Weile. Seine Stimme ist wieder eine fremde Stimme: „Mensch, ich bin das nicht“. „Ganz sicher, der war auch mit ihm zusammen“, sagte der dritte etwa nach einer Stunde, die Mundart verrät es. Seine Stimme ist immer noch eine fremde Stimme: „Mensch, ich weiß nicht, was du meinst“.

Der Hahn kräht. Wer bist du? Noch der alte oder ein Fremder? Petrus, bist du es noch? Petrus, der Fels? Auf den sich seine Freunde verlassen konnten? Der Fels, auf dem Er bauen wollte, Seine Gemeinde? Der Hahn kräht. Einer hört es überlaut. Einer sieht ihn übergroß. Schlägt die Hände vor’s Gesicht. Er­innerung drückt. Schuld als Last. Der Hahn kräht. Jetzt ist Petrus zusammengesunken. So weit war er noch nicht von Ihm entfernt, dass er nicht Seinen Blick gespürt hätte.

Der Hahnenschrei wird zum Merkzeichen. Bekenntnis zu Ihm, nicht ver­gessen! Nach Ihm sich nennen, verpflichtet. Christ(in) zu heißen, schließt das Bekenntnis ein.

Er, der Gefesselte, ist doch in Wahrheit frei. Er, den Waffen bedrohen, lässt sich nicht abschrecken. Seine Gefangenschaft, Sein Kreuzesweg ist Gerichtszeichen. Soviel Bosheit ist in der Welt, dass sie Seine Güte nicht erträgt, Ihn abführt und kreuzigt. Warum schweigt Er zu Gefangenschaft, zu Verrat und Verleug­nung? „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, und „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein“, sind seine letzten Worte zu den Menschen. Worte zu sei­nen Mördern, zu Verbrechern. In einer Welt der Grau­samkeit die Güte Gottes darzustellen, dazu hat Er ge­litten. In einer Welt voll Feindseligkeit, Menschen zu versöhnen, dazu hat Er gelitten. In einer gottlosen Welt den verlornen Menschen zu Gott zurückzubringen, dazu hat Er gelitten.

„Und weinte bitterlich“. Reue des Petrus.

Unsere Antwort auf Seine Liebe ist gefragt. In Reue­-Tränen wieder aufstehen, Seine Vergebung setzt einen neuen Anfang. „Petrus, hast du mich lieb?“ fragt der Auferstandene dreimal den, der Ihn dreimal verleugnete (Johannes 21, 15-17). Und dann folgt ein neuer Auftrag: Dienst in der Gemeinde Christi.

Der Hahn. Auch auf vielen Kirchturmspitzen steht Sein Zeichen. Unser Bekenntnis als Christ(in) ist gefragt. Eine Welt, in der so viele hungern, gequält werden, von Seuchen betroffen, von Kriegsgefahr erschreckt werden und ohne Hoffnung sind, schaut auf die Christ(inn)en. Die sich nach Ihm, Christus, benennen, der die Barmherzigkeit, die Liebe und den Frieden Gottes lebte. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36) sagte Er.

Der Hahn kräht, Christ(inn)en wacht auf!

Dr. theol. Reinhard Gaede, Pfr. i. R., Ehrenvorsitzender des BRSD                

Das Hildesheimer Michaeliskloster „Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik“ der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers bietet „Gottesdienste für Zuhause“ an – speziell für die Karwoche und die Ostertage: https://www.michaeliskloster.de/in-zeiten-von-corona/gottesdienst-zeitgleich 

Der Gottesdienst zur Osternacht wurde u.a. von unserem Mitglied Pfrin. Anneke Ihlenfeldt gestaltet.