Herzlichen Glückwunsch zum 95sten Geburtstag, Prof. Dr. Jürgen Moltmann!

Eine briefliche Würdigung und ein Dankeschön für die Zusammenarbeit!

Von Dr. theol. Reinhard Gaede, Ehrenvorsitzender des BRSD

Lieber Herr Prof. Moltmann!

Zu Ihrem 95. Geburtstag am 8. April 2021 möchten wir Ihnen noch ganz herzlich gratulieren und Ihnen Gottes Segen wünschen für glückliche Jahre in geistiger Frische zusammen mit Ihrer Familie, ihren Freunden und Bekannten.

Unsere Zeitschrift “CuS- Christ*in und Sozialist*in” verdankt Ihnen wichtige Beiträge: „Reich Gottes auf Erden, nicht Religion und nicht Christentum. Dietrich Bonhoeffer und Christoph Blumhardt“, CuS 2-3/2007; „Über die Zukunft der Theologie“, CuS 3-4/1997; „Reformation ‚allein aus Glauben’: Die Täufer CuS 2-3/2018

Ihre Bücher Theologie der Hoffnung 1964, Die ersten Freigelassenen der Schöpfung 1971, der gekreuzigte Gott 1972, Kirche in der Kraft des Geistes 1975, Gott in der Schöpfung 1985 und andere haben eine ganze Generation von Theologinnen und Theologen geprägt und in unserer Kirche und darüber hinaus segensreich gewirkt.

Dass Hoffnung zum Handeln treibt und Handeln durch Hoffnung Maß und Ziel findet, konnte in Ihrer Theologie besonders gut zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig konnten friedensfeindliche und menschenverachtende Traditionen entlarvt werden. Und Christinnen und Christen konnten für Aktionen zur Förderung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung angeregt werden.

Natürlich freuen wir uns auch, dass sie als Leser unserer Zeitschrift CuS. Christin und Sozialistin. Christ und Sozialist treu geblieben sind.

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vita

Jürgen Moltmann wurde am 8.April 1926 in Hamburg geboren. Er begann das Studium der Evangelischen Theologie als Kriegsgefangener 1947 in England. 1958 wurde er Professor an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. 1963 nahm er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie incl.Sozialethik an der Universität Bonn an. 1967 bis 1994 war er Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen. Seit 1971 erhielt er zahlreiche Preise und Ehrungen, vielfach auch die Ehrendoktor-Würde von Universitäten verschiedener Länder.

Professor Moltmann war mit Dr. theol. Elisabeth Moltmann-Wendel (+ 2016), verhei­ratet. Er hat vier Kinder.

Seine Bücher sind in die führenden Weltsprachen übersetzt: “Theologie der Hoffnung, 1964; Der gekreuzigte Gott, 1972; Kirche in der Kraft des Geistes, 1975; Trinität und Reich Gottes, 1980; Gott in der Schöpfung, 1985; Der Weg Jesu Christi, 1989; Der Geist des Lebens, 1991; Das Kommen Gottes, 1995; Erfahrungen theologischen Denkens, 1999; Gott im Projekt der Mo­dernen Welt, 1997.

 

In Dankbarkeit: Auszüge aus Texten von Jürgen Moltmann in der CuS

Über die Zukunft der Theologie, in: CuS 3-4/1997, S. 37 – 44

Die Globalisierung der Welt macht die Befreiungstheologie universal… Die demokratische Gleichheitsidee ist mit einem Wirtschaftssystem unvereinbar, das immer größere Ungleichheiten produziert…’Befreiung’ nennt das zu überwindende Negative: Armut, Unterdrückung, Krankheit, Unwissenheit und Apathie. Das Positive, zu dem die Befreiung führen soll, ist in letzter Perspektive das ‚Reich Gottes’….mit Jon Sobrino: ’Das Reich Gottes ist Leben, Leben in Fülle und Erfüllung des Lebens.’…Wir werden die Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leiden durch die Wiedergeburt des göttlichen Ja zum Leben überwinden. Eine Theologie des Lebens wäre eine ‚Zukunft der Theologie’, für die zu arbeiten und zu studieren es sich lohnt… Nach dem Zerfall der christlichen Welt beginnt ein dialogbereites und missionarisches Christentum…Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass Jesus nicht eine neue Religion, sondern neues Leben gebracht hat. Ist er selbst‚ die Auferstehung und das Leben’ in Person, dann finden wir in seiner Gemeinschaft die göttliche Lebensbejahung, die Heilung des kranken, die Rettung des verlorenen, die Annahme des verlassenen und die Auferweckung des toten Lebens.“

 

Reich Gottes auf Erden, nicht Religion und nicht Christentum. Dietrich Bonhoeffer und Christoph Blumhardt“, CuS 2-3/2007, S. 11-17

„Es geht im christlichen Glauben gar nicht um Religion und nicht einmal um das Christentum als Kulturgestalt, sondern zuerst und zuletzt um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und zwar auf Erden, auf dieser blutgetränkten und ausgebeuteten, doch geduldigen Erde. Wer an Gott glaubt, trachtet nach dem Reich Gottes? Wo? Doch nicht im Jenseits, sondern hier auf dieser Erde. Wie? Doch nicht nur auf seelische und moralische Weise, sondern auch leiblich und mit allen Sinnen. „Wer nach dem Reich Gottes auf Erden trachtet, beginnt an den gottlosen, lebens-feindlichen Zuständen in Religion und Gesellschaft, in Politik und den Verhältnissen der Erde zu leiden und Elend”, verkündete Blumhardt und Dietrich Bonhoeffer starb dafür. Wo ist dieser prophetische Protest gegen die Mächte des sozialen, ökonomischen, militärischen und nicht zuletzt des natürlichen Todes im Namen des auferstandenen Christus heute geblieben? Sind wir religiöse „Hinterweltler” und christliche Anpasser geworden? Sind wir zu kirchlichen Besitzstandswahrern verkommen oder warten wir realistisch jeden Tag auf das Kommen des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit? Wer Bonhoeffer oder Blumhardt ernst nimmt, wird sich diesen Fragen stellen.“

 

Reformation „allein aus Glauben“: Die Täufer  CuS 2-3/2018, S.8-10

Luther nannte sie „Schwärmer“, Historiker sprechen vom „linken Flügel der Reformation“: die Täufer. Ich denke, sie waren die einzige Reformationsbewegung „allein aus dem Glauben“. Sie nannten sich selbst „Kinder Gottes“. Ich spreche hier von den friedlichen Täufern, nicht vom Kampf um Münster 1534.

Wie kam es zu Reformationen? Nach reformatorischen Predigten und der Zustimmung des Volkes führten die Magistrate der Städte oder die Fürsten im Lande die Reformation der Kirchen und Schulen durch und beanspruchten damit die Kirchenhoheit. Diese Reformationen ereigneten sich in den Gesetzen und Traditionen des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“. Das Christentum ist die Reichsreligion und das Sacrum Imperium ist das „tausendjährige Reich“ Christi.

Die Reformatoren blieben in dieser Tradition des Corpus Christianum. Nur die Täufer lehnten die Grundlagen der christlichen Staatsreligion ab: die Kindertaufe und den Wehrdienst. Sie lehnten den Schwertdienst ab, denn „Jesus verbietet die Gewalt des Schwertes“. Sie lehnten den Eid ab, „denn Jesus verbietet den Seinen alles Schwören“. Sie lehnten für sich die Teilnahme an weltlicher Obrigkeit ab, „denn es kann einem Christen nicht ziemen, Obrigkeit zu sein“.  … Bei Jesaja 2,4 steht: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Die Lutheraner machen aus den Schwertern „christliche Schwerter“, um „rechtmäßige Kriege zu führen” (CA16). Die Täufer zogen sich auf die Bruderhöfe zurück und wollten nur noch mit „Pflugscharen” zu tun haben. Und wer macht aus Schwertern Pflugscharen? Kriegsindustrie in Friedensindustrie umgestalten und aus Stahlhelmen Kochtöpfe machen, wie wir es 1946 taten. Das Reich Christi ist nicht nur ein friedliches Reich (peacable kingdom), sondern zuerst ein friedenschaffendes Reich (peacemaking kingdom). Jesus preist nicht die „Friedlichen“ selig, sondern die „Friedensstifter” (eireno poesis).

 

Foto: Von Maeterlinck – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47596265