Lehrhaus zum Leitwort des ÖKT 2021: “Schaut Hin” (Mk 6,38)

Herzlich willkommen zum BRSD- Lehrhaus zum Leitwort des Ökumenischen Kirchentags 2021: “Schaut hin” (Mk 6,38)

Ein Lehrhaus steht in der jüdischen Tradition eines Ortes zum Lehren und gemeinsamen Lernen. Wir bieten diesen Lernort wegen der aktuellen Umstände als Online-Lehrhaus an.

Wir wollen das Leitwort des ÖKT: „schaut hin“ (Mk 6,38) als Impuls und als Anregung nehmen, uns mit der biblischen Geschichte zu beschäftigen, aus der dieses Leitwort stammt.

Es handelt sich um die biblische Geschichte von Jesus und den Jünger*innen und der Speisung der Vielen. Dort findet sich die Aufforderung Jesu an die Jünger*innen: “Geht und seht nach!” (BiGS). Diese Aufforderung inspirierte das ÖKT-Vorbereitungsteam zu seinem Leitwort.

 

Mehr zur Auswahl des Leitworts durch das ÖKT-Vorbereitungsteam

„Das Leitwort “schaut hin” (Mk 6,38) steht im Mittelpunkt des Ökumenischen Kirchentages. Es spannt damit inhaltlich den roten Faden über die Programmpunkte der digitalen Großveranstaltung in Frankfurt am Main. Es ist kein reines Zitat, sondern eine Interpretation des “geht hin und seht nach” aus der Geschichte der Speisung der 5.000 mit fünf Broten und zwei Fischen.

“‘schaut hin’ ist ein Appell – an uns alle”, sagt die Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages, Bettina Limperg, bei der Veröffentlichung im Oktober 2019. “Schauen ist mehr als sehen. Schauen nimmt wahr und geht nicht vorbei. Schauen bleibt stehen und übernimmt Verantwortung. Aktiv Verantwortung zu übernehmen, ist unser Auftrag als Christinnen und Christen.”

Dem können wir uns als BRSD anschliessen!

 

Was wollen wir vom BRSD mit dem Leitwort in unserem Lehrhaus anfangen?

Das Leitwort regt uns an, die ihm zugrunde liegende Biblische Geschichte von der Speisung der Vielen befreiungstheologisch zu interpretieren und in ihrer Kraft für uns vom BRSD und darüber hinaus auch für andere Interessierte für die theopolitische Arbeit nutzbar zu machen.

 

Mehrere Versionen der biblischen Geschichte von der Speisung der Vielen

Die biblische Geschichte der Speisung der Vielen mit Brot und Fischen gibt es nicht nur im Markus-Evangelium an der Stelle Mk 6,38 – dort unter dem von Luther gesetzten Titel „Die Speisung der Fünftausend“ oder in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

Eine weitere Version findet sich im Markus-Evangelium auch bei Mk 8, 1-9 -dort unter dem von Luther gesetzten Titel „Die Speisung der Viertausend“ als einer gekürzten Version oder in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

Diese biblische Geschichte findet sich als immer leicht unterschiedliche Version auch im Matthäus-EvangeliumMt 14, 14-21 oder in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

Oder im Evangelium nach Lukas Lk 9, 10-17    oder in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache

 

Bild: Juan de Espinal

 

Wir beschäftigen uns in diesem Lehrhaus vor allem mit der Biblischen Geschichte aus dem Markus-Evangelium – aber auch der Evangelist Lukas kommt zu Wort.

Markusevangelium – Eine Einleitung in das Markus-Evangelium

Das Markusevangelium ist das älteste der vier Evangelien der Bibel. Es entstand als geschriebener Text einige Jahre nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.). Damals wurden im Römischen Reich christliche wie jüdische Frauen und Männer verfolgt, weil sie die Anbetung römischer Gottheiten verweigerten und damit den ›römischen Frieden‹ gefährdeten.

Die Gemeinde kannte die Schauplätze des Lebens Jesu nicht, sie lebte wahrscheinlich im Gebiet von Syrien.

Bis die Geschichten von Jesus aufgeschrieben wurden, erzählten die Menschen der Gemeinden sie einander. Zwei Generationen nach Jesu Tod entstand offensichtlich das Bedürfnis, schriftlich festzuhalten, was bislang nur mündlich tradiert wurde. Dass der Name ›Markus‹ für die später eingefügte Überschrift gewählt wurde, soll die Autorität des Evangeliums hervorheben (einer der Missionare um Paulus hieß Markus). Die Vorstellung eines Evangelisten, der in Abgeschiedenheit und für sich allein schreibt, entspricht eher einem mittelalterlichen Mönchsleben als der antiken Welt.

Vielmehr ist das Markusevangelium an der Basis, in der Gemeinde, entstanden. Sie wählte die schriftlich festzuhaltende Variante der Geschichten aus und gemeinsam wurde die Entscheidung über ihre Anordnung getroffen.

Das Markusevangelium beginnt mit der Taufe des erwachsenen Jesus und lässt seine Kindheit aus. Jesus erzählt Geschichten von Gott und den Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens, er heilt und begeistert Menschen. Er zieht umher und sammelt eine Gruppe von Anhängerinnen und Anhängern um sich. Das Markusevangelium berichtet von Jüngerinnen Jesu (Mk 15,40 f; 16,1-8), aber Frauen werden nicht durchgängig positiv geschildert: Dass reiche Frauen für die Ermordung des Täufers Johannes verantwortlich sein sollen, lenkt den Blick geschickt vom Täufer und dessen Nachfolgekreis ab, die mit Jesus, dessen Jüngerinnen und Jüngern und den frühchristlichen Gemeinden konkurrierten.

Nach der Beschreibung von Jesu Tod am Kreuz endet das Markusevangelium mit dem leeren Grab und der panischen Flucht der Jüngerinnen. Die Leserinnen und Leser werden aufgefordert, den Text nochmals zu lesen – so als ob die Gestalt im Grab sagen würde: »Geht in euren Gedanken zurück nach Galiläa, in den dort handelnden Geschichten werdet ihr Jesus finden.«

Das Markusevangelium ist eine schnörkellose, konzentrierte Version der Erzählungen über das Leben und die Bedeutung Jesu.

Dr. Irene Dannemann, Pfarrerin in Viernheim, Ev. Kirche in Hessen und Nassau

Quellenvermerk:

Dr. Ulrike Bail / Frank Crüsemann / Marlene Crüsemann (Hrsg.), Bibel in gerechter Sprache
© 2006, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Wir danken für die freundliche Genehmigung!

Textauszug aus: „Bibel in gerechter Sprache“, Hg.: Ulrike Bail, Frank Crüsemann, Marlene Crüsemann, Erhard Domay, Jürgen Ebach, Claudia Janssen, Hanne Köhler, Helga Kuhlmann, Martin Leutzsch und Luise Schottroff; Gütersloh 3. Auflage 2007; S. 1890

 

Bild: aus einer Familienbibel, neunzehntes Jahrhundert, Illustration von Gustav Doré

 

Unsere Bibelarbeiten zum Leitwort “Schaut hin” (Mk 6,38)

Auslegungen: Eine Vorbereitungsgruppe für das Lehrhaus hat folgende drei Texte ausgewählt, welche die Biblische Geschichte der „Speisung der Vielen“  interpretieren bzw. „auslegen“:

  • Leonhard Ragaz: „Die Speisung der Fünftausend“
  • Reinhard Gaede: „Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend
  • Gerard Minnaard: Das grüne Gras

 

Bibelarbeit zu Leonhard Ragaz: Die Speisung der Fünftausend

Leonhard Ragaz: „Die Speisung der Fünftausend“, Zürich, o.J.

 

Einführung in den Text von L. Ragaz “Die Speisung der Fünftausend”

(von Johann Bauer)

Brotvermehrung, wunderbar

Als Leonard Ragaz, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, über die Speisung der Fünftausend schrieb, waren die Schrecken des Vernichtungskrieges, der Hunger, die Abweisung der Flüchtlinge auch durch die “neutrale” Schweiz und die Ausrottung “Minderwertiger” der Erfahrungshintergrund, vor dem er über den biblischen Text nachdachte. Seine Hoffnung: “vielleicht gerade durch die erlebte Gottesferne” eine neue Gemeinschaft zu begründen, die nicht spirituelle (“Das Wort”) und materielle Bedürfnisse (das Brot) gegeneinander stellt, wie so oft in der Geschichte des Christentums, sondern deren gegenseitiges Aufeinander-Angewiesen-Sein erkennt. “Brot und Rosen” würde auch passen, um noch eine weitere Dimension anzudeuten. Er sieht in der biblischen Geschichte “die tiefste Lösung der sozialen Frage”, den Materialismus des Reiches Gottes ausgesprochen, hat aber ein Problem, wie er das Wunder verstehen soll, denn unser Glaube an Übernatürliches oder direktes Eingreifen Gottes in seine Schöpfung ist erschüttert. So bezieht er sich auf Erfahrungen aus seiner Zeit: Auch bei den Blumhardts wurden alle satt, selbst wenn die (materiellen) Vorräte nie gereicht hätten: “es war etwas von Christus her da, was den Hunger stillte”. Wer intensiv arbeitet, liest, nachdenkt, kann darüber leicht das Essen vergessen. Auch die Gemeinschaftserfahrung kann das Hungergefühl schwinden lassen. So kann man das erklären. Das rational nicht auflösbare bleibt. Ragaz nähert sich dem Problem, “wie aus Wenigem viel und aus Mangel Überfluss wird” von einer unerwarteten Seite, dem kapitalistischen “Gegenwunder”: “wie aus ungeheurem Überfluß ungeheurer Mangel” wird.

Den Kapitalismus ein “Gegenwunder” zu nennen, bedeutet zunächst: er ist nicht “alternativlos”, nicht einmal “historisch notwendig”, sondern höchst erklärungsbedürftig; wenn man von den scheinbaren Selbstverständlichkeiten und verinnerlichten Alltagsgewohnheiten etwas zurücktritt, kann man ihn sogar als höchst unwahrscheinlich betrachten. Und unwahrscheinlich ist, dass eine Gesellschaftsordnung von Dauer ist, die Mangel fortgesetzt im Überfluss erzeugt und ihre natürliche Umwelt zerstört. Für Ragaz schwingt auch die Rede vom “Anti-Christ” mit, gegen das herrschaftslose und solidarische Reich Gottes gerichtet. Seine Betrachtung ähnelt stark Gandhis bekannter Aussage, die Erde habe genug um die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen, aber nicht genug für die Gier der Gierigen.

Viele Anthropologen vertreten heute die Ansicht, dass die früher so erbarmungslos ausgemalte “Steinzeit”-Ökonomie gar keinen Mangel kannte, der dann erst durch viele Jahrhunderte der Plagerei – Entwicklung der Produktivkräfte, teuer erkauft durch Sklaverei jeder Art – aufgehoben werden musste, sondern eine Überflussgesellschaft war, nicht zuletzt dank des gemeinschaftlichen Teilens. Die “Vertreibung aus dem Paradies” setzt also ein mit Ackerbau, Städten, dem Zaun ums Grundstück, beginnender Hierarchie, Gegenwundern aller Art. Bis zu Wunderwerken der Propaganda und der Verblendung. Man könnte sogar das “moderne Individuum” als eine Art unwahrscheinliches Gegenwunder betrachten, denn in Wirklichkeit hat es so etwas wie isolierte Einzelne nie gegeben. Aber wenn man Kernspaltung kann, kann man auch atomisierte Individuen erkennen.

Kapitalismus als Gegenwunder muss vielleicht aber auch in der religiösen Dimension, die der Kapitalismus hat, wahrgenommen werden. Ragaz spricht von der “schwarzen Magie”: Der Dienst am Mammon, die tägliche Andacht vor den Wechselkursen, die Pflicht des Selbst-Optimierers “sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen” mögen als Hinweise genügen. Der “Geist des Kapitalismus” kommt schon lange nicht mehr aus der protestantischen Berufsethik oder der Annahme, irdischer Reichtum sei als Hinweis auf Auserwähltheit zu verstehen; aber dass es die Leistung ist, die zum Erfolg führt, wird doch weiterhin geglaubt. Und “Erfolg” kennzeichnet Auserwählte. Es könnte scheinen, dass der aus der religiösen Sphäre vertriebene Wunderglaube sich in den Massenmedien festgesetzt (“Wunder von Bern” und andere Schlagerwelten) und an die Börse begeben hat, der Glaube richtet sich an “Wunder der Technik”, “Wirtschaftswunder” und – Anfang (denken wir an die Eroberung der Kolonien) und Ende des Gegenwunders –  “Wunderwaffen”.

Ragaz schlägt den Weg von der Verschwendung zum Überfluss und von den autorisierten Spezialisten zur Gemeinschaft vor. Keine Konsumgesellschaft wird je den Mangel beseitigen – bis sie nicht nach Gerechtigkeit hungert und dürstet!

Ein Aspekt des “Gegenwunders”, der bei Ragaz vielleicht etwas vernachlässigt wird, ist aber auch dieser: Das Kapital als höchste Macht. “Diesseitigkeit und Macht” werden durch Wunder bezeugt, und so wie Wundertätigkeit Anlass für religiöse Konversion war und lange Zeit Gottes Macht eben durch Wunder demonstriert wurde, so sind es nun die Wunder der Technik, der Produktivität, der Geschwindigkeit, die tatsächlich überzeugen, den Kapitalismus legitimieren, seine Macht vor Augen führen, attraktiv sind, kurz: “Gegenwunder” bedeutet auch Kreativität, Hoffnung, Bereicherung – sonst könnte das Unwahrscheinliche nicht bestehen und überzeugen.  Vielleicht ist deshalb Mondfahrt so wichtig, aber sicherlich auch um einen Fluchtpunkt “nach uns die Sintflut” zu finden, Erden die man noch ausbeuten kann.

 

Wer war  Leonhard Ragaz?

Leonhard Ragaz (* 28. Juli 1868 in Tamins; † 6. Dezember 1945 in Zürich, Schweiz) war ein evangelisch-reformierter Theologe und Pfarrer. Er war Professor für Systematische und Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich – von diesem Lehrstuhl trat er zurück um in einem Arbeiter*innen-Viertel zu leben und Arbeiter*innen-Bildung zu betreiben.

Er war einer der Mitbegründer*innen der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz und inspirierte auch die deutsche Organisation der Religiösen Sozialist*innen aus der später der BRSD entstand. Von daher ist er einer unserer Ahnväter.

Er war verheiratet mit der Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Clara Ragaz-Nadig.

Ragaz war ein unbequemer Theologe und radikaler Kritiker der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Im Gegensatz zum etablierten kirchlichen Christentum folgt Ragaz der biblischen Sicht, nach der Gottes Heil der ganzen Welt gilt, mit Einschluss der angeblich „autonomen“ Bereiche der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft. Ragaz – und wir als Religiöse Sozialist*innen – nehmen die soziale Dimension der Bibel und des Evangeliums ernst. Sozialistisch wurde das Engagement von Ragaz in dem Sinne, dass er jeder und jedem Einzelnen in seiner sozialen Bedrängnis und Not nicht solidarisch werden konnte, ohne die Herrschaftsstrukturen der kapitalistischen Gesellschaft grundlegend zu kritisieren und in Frage zu stellen. Der Begriff „sozialistisch“ muss also vom prophetischen Auftrag der Bibel her verstanden werden – genauso wie aus einer kritischen Gesellschaftsanalyse.

 

Hier können Sie, hier kannst du den Text von Leonhard Ragaz “Die Speisung der Fünftausend” herunterladen!

Hier können Sie sich eine Bibelarbeit zum Text von Leonhard Ragaz anschauen!

 

Bibelarbeit: Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend

Reinhard Gaede: „Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend“, Predigt über Luk.9,10-17 am 7. Sonntag nach Trinitatis, o.O., o.J.

Personalie: Reinhard Gaede Jg. 1942, Dr. theol., nach dem Vikariat wissenschaftliche Tätigkeit in Münster und Bethel und nach der Ordination 1976-2005 Gemeindepfarrer in Herford-Laar, Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen, Mitglied des Ausschusses für Mission und Ökumene und des Theologischen Ausschusses im Kirchenkreis Herford, beauftragt als Seelsorger für Kriegsdienstverweigerer. Seit 1975 Mitglied im Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V. sowie 2005-2017 Schriftleiter und Bundessprecher. Ehrenvorsitzender des BRSD. Veröffentlichungen zur kirchlichen Zeitgeschichte und Sozialethik.

 

Einführung in Dr. Reinhard Gaede: Predigt über Lukas 9, 10-17

(von Wilfried Gaum)

Unsere Zeit braucht Denkimpulse, wie sie Gaedes Predigt zahlreich liefert. Die Predigt zeigt uns eine befreiungstheologisch und sozialethisch orientierte Auslegung einer der bekanntesten Geschichten über das Leben Jesu‘.

Jesus, in Bethlehem, dem „Haus des Brotes“ geboren, wird in der Geschichte von der Speisung der 5000 in den Evangelien zum Brotgeber, in dem aus 5 Broten und 2 Fischen eine solche Masse dieses Grundnahrungsmittels wird, dass am Ende sogar noch zwölf Körbe übrigbleiben. Gaede weist zu Recht darauf hin, dass eine solche Mehrung von Materie naturwissenschaftlich ganz und gar unmöglich ist und konzentriert sich daher auf eine sozial und befreiungstheologisch inspirierte Auslegung dieser Geschichte, die sich in allen vier Evangelien findet (Mt 14,15-21; Mk 6,30-44; Lk 9,12-17; Joh 6,5-15). Dies verbürgt zumindest die Bedeutsamkeit, die die Evangelisten dieser Geschichte beimaßen. Das Gaede hier den Text des Lukasevangeliums zur Grundlage seiner Predigt macht, mag damit zusammenhängen, dass hier, wie die „Bibel in gerechter Sprache“ uns nahebringt, der Schwerpunkt auf der sich „durchsetzenden Gerechtigkeit Gottes, die Beschreibung des Anbruchs des Reiches Gottes,“ die Zuordnung Jesus‘ zur „jüdischen prophetisch-messianischen Befreiungsbewegung der Zeit unter römischer Herrschaft“ (op.cit.; S. 1924) liegt.

Wichtig ist in der Predigt der deutlich herausgearbeitet Bruch mit der lutherischen Traditionslinie, des Menschen Wohl und des Menschen Heil als zwei voneinander geschiedene und zu scheidende Sphären christlicher Lehre anzusehen, so wie Luther das Reich Gottes und die Freiheit eines Christenmenschen in himmlischen Sphären verorten mochte, aber wenig daran auszusetzen hatte, den leibhaftigen Menschen aber der noch so grausamen Obrigkeit und jedem Kriegsgeschrei auf Erden auszusetzen. Nein: „Reden und Handeln, Glauben und Dienen gehören zusammen“, widerspricht Gaede zu Recht. Ihm ist die Geschichte eine Predigt vom Eingreifen Gottes…“Und über das Teilen belehrt uns die Geschichte.“ Teilen aber meint: Gemeinschaft und letzten Endes „den Materialismus des Reiches Gottes,“ dass Gaede mit dem Wort Sozialismus beschreibt. Warum? „Erst die freie Seele, erst der freie Mensch kann wirklich geben.“ Und ist dies nicht eine „Erinnerung an die Zukunft“, das heißt eine Reminiszenz an das Leben unserer Ahnen vor dem Heraufkommen von Staat, Militär, Eigentum und Patriarchat, in denen es die wechselseitige Gabe war, die uns Menschen verpflichtete und sozialisierte zur Gemeinschaft?

So wichtig es ist, an dieser Geschichte und dem Wärmestrom in ihr festzuhalten, an sie zu erinnern und uns immer wieder zu mobilisieren, es nicht beim Hören des Wortes Gottes zu belassen. Nimmt die Auslegung der Geschichte nicht  ihren symbolischen oder auch mythischen Kern, der sich gerade einer eindeutigen Verortung und Verknüpfung mit der materiellen Gerechtigkeitsfrage entzieht? Könnten die Zahlen in dieser Version des Brotwunders nicht ebenso ein Hinweis auf die feste Verankerung der Worte, der Lehren und des Lebens Jesu im Judentum gelesen werden  – gerade um den Vorwurf der Häresie seitens anderer jüdischer Lehrschulen zu begegnen? So können die fünf Brote ebenso auf die fünf Bücher der Tora, die beiden Fische für Nebiim (Prophetenbücher) und Ketuvim (Schriften) stehen und die zwölf Körbe, die mit dem übrigen Brot gefüllt werden, können auf die zwölf Stämme Israels ebenso hinweisen wie auch auf den Zwölferkreis um Jesus. Dies wäre für eine Auslegung ein Unterschied ums Ganze. So ist für mich Gaedes Predigt eine wichtige, mögliche, aber keineswegs alternativlose Interpretation der Speisung der 5000.

Hier können Sie/hier kannst du den Text von Reinhard Gaede: Lk. 9, 10-17, 7. So.n.Trin.2013 RGaede, Predigt über Luk.9,10-17 am 7. Sonntag nach Trinitatis, o.O., o.J. als pdf-Datei herunterladen

Hier können Sie/hier kannst du die Bibelarbeit Lesung von Reinhard Gaede als Video anschauen

 

 

Die Speisung der Fünftausend, unbek. Meister

Bildnachweis: Gemeinfrei in Europa und USA: Speisung_der_F%C3%BCnftausend_c1750.jpg#metadata

 

Bibelarbeit Gerard Minnaard: Das grüne Gras

Gerard Minnaard: „Das grüne Gras“ in: ders., „Das Geheimnis der Humanität – Eine nicht religiöse Auslegung der Bibel für Menschen, die vielleicht an Wunder, aber nicht an Mirakel glauben“, Uelzen 2020

Personalie: Gerard Minnaard ist Sozial-Pädagoge und Reformierter Theologe. Er ist Geschäftsführer der Woltersburger Mühle und Mitherausgeber der Zeitschrift Junge Kirche.

 

Rezension Das Geheimnis der Humanität von Pfarrer Thomas Klein, erschienen in der Zeitschrift des BRSD Christ*in und Sozialist*in Nr. 1-2020

In diesem Video können Sie sich/kannst du dir die Lesung “Das grüne Gras” von Gerard Minnaard ansehen

Wenn Sie das Buch von Gerard Minnaard erweben möchten – bitte hier bestellen:  https://www.woltersburger-muehle.de/produkt/geheimnis-der-humanitaet/

 

Bild: Codex Egberti

Abschluss- Gespräch zu den Inhalten des Lehrhauses – Was sagen uns diese heute und in unserer Situation?

Abschluss- Dialog von Pastorin Anneke Ihlenfeldt und Thomas Kegel

 

Drei Abschluss-Überlegungen und Forderungen:

Was heißt: Speisung der Vielen heute?

  1. Impf-Teams in die Stadtviertel schicken in denen arme Menschen wohnen – verbunden mit mehrsprachigen Informationen und in Zusammenarbeit mit den Selbstorganisationen der Menschen in diesen Stadtvierteln
  2. Impfstoffe an die Länder der Armen Welt liefern – am Besten die Patente auf die Impfstoffe für alle Länder freigeben (Info lesen und Kampagne unterstützen!)
  3. Aufbau nachhaltiger Gesundheitssysteme, die nicht profitorientiert arbeiten dürfen, sondern dem Gemeinwohl verpflichtet sein müssen (Info lesen, weitere Info lesen und Kampagne unterstützen!)
  4. Entschuldung der armen Länder – denn diese leiden am schwersten unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie (Info lesen und Initiative Erlassjahr unterstützen!)

 

Ein Lied, das zum Thema passt – Teilen wir uns unser Brot

Lied: Teilen wir uns unser Brot

Strophe 1

Teilen wir uns unser Brot, teilen wir uns auch die Arbeit,

Trinken zusammen vom Wein, wohnen gemeinsam im Garten,

teilen wir unseren Hunger, lindern wir so unser Elend,

Säen wir blühendes Leben und ernten mit allen die Früchte von Gott.

Säen wir blühendes Leben und ernten mit allen die Früchte von Gott.

Sieh, wie dein Glauben die Berge in Täler verrückt.

Sieh, dass dein Handeln dann Arme wie Reiche beglückt:

Teilt euch den einen Laib Brot,

teilt euch den einen Krug Wein.

Strophe 2

Rauben die einen sich Land, sitzen die andren in Asche,

horten die einen ihr Geld, zahlen die andren die Zinsen.

So wächst im Volke Gewalt, so wächst weltweit der Hunger,

stirbt uns die blühende Erde

und säen wir alle den gottlosen Tod.

Sieh, wie dein Glauben die Berge in Täler verrückt.

Sieh, dass dein Handeln dann Arme wie Reiche beglückt:

Teilt euch den einen Laib Brot,

teilt euch den einen Krug Wein.

Strophe 3 = Strophe 1

T: Friedrich Karl Barth
M: Pe. Zezinho (Brasilien): por un pedazo de pan

Hier finden Sie / findest du das Lied Teilen Wir Uns Unser Brot mit Akkorden für die Gitarren-Begleitung

 

Literaturliste:

  • Peter Antes: „Jesus – eine Einführung“, Wiesbaden o.J.
  • „Bibel in gerechter Sprache“, Hg.: Ulrike Bail, Frank Crüsemann, Marlene Crüsemann, Erhard Domay, Jürgen Ebach, Claudia Janssen, Hanne Köhler, Helga Kuhlmann, Martin Leutzsch und Luise Schottroff; Gütersloh 3. Auflage 2007
  • Darin: „Markusevangelium“, S. 1890 f.
  • Klara Butting, Gerard Minnaard, Luzia Sutter Rehmann (Hrsg.): „Die Bibel erzählt … Markus. Mit Beiträgen aus Judentum, Christentum, Islam, Literatur, Kunst“; Erev-Rav Verlag, Wittingen 2007
  • Frank Crüsemann, Kristian Hungar, Claudia Janssen, Rainer Kessler, Luise Schottroff (Hg.): „Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel“, Gütersloh 2009
  • Irene Dannemann: „Einleitung in das Markusevangelium“; Bibel in gerechter Sprache, a.a.O., S. 1890
  • Monika Fander: „Das Evangelium nach Markus – Frauen als wahre Nachfolgerinnen Jesu“, in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, a.a.O, S. 499 f.
  • Reinhard Gaede: „Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend“, Predigt über Luk.9,10-17 am 7. Sonntag nach Trinitatis, o.O., o.J.
  • Gerard Minnaard: „Das grüne Gras“ in: ders., „Das Geheimnis der Humanität – Eine nicht religiöse Auslegung der Bibel für Menschen, die vielleicht an Wunder, aber nicht an Mirakel glauben“, Uelzen 2020
  • Leonhard Ragaz: „Die Speisung der Fünftausend“, Zürich, o.J.
  • Luzia Sutter Rehmann: „Von Hunger und Überleben“, in: Butting, Minnaard, Sutter Rehmann, 2007, S. 73 f.
  • Luise Schottroff, Marie- Theres Wacker (Hg.): „Kompendium Feministische Bibelauslegung“, Gütersloh 1999, 2. korr. Auflage
  • Dorothee Sölle, Luise Schottroff: „Jesus von Nazareth“, München 2000

 

Rückmeldungen

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    Das Lehrhaus wurde vorbereitet und umgesetzt von Pastorin Anneke Ihlenfeldt, Pfarrer Thomas Klein, Vikar Dr. Tobias Foss, Pfr.i.R. Dr. Reinhard Gaede, Thomas Kegel, Wilfried Gaum, Johann Bauer, Hannes Kuefer – technische Begleitung Philip Borgmann und Perdita Wünsch – vielen herzlichen Dank für eure wertvolle Unterstützung!

     

     

    Bildnachweise: Es handelt sich um gemeinfreie oder selbst erzeugte Bilder.