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Reinhard Gaede: Rote Hefte. Die Wiederbelebung des Bundes der Religiösen Sozialist(inn)en seit 1977  (Teil I: 1977 – 1998)

…..Am 26.8.1975 trat ich der „Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus. Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands, E.V“ bei. Ich erhielt eine grüne Bundessatzung, Unterschriften: Schleich, geschäftsführender Präsident, Else Martin, Bundessekretär (sic!). Der Mitgliederbeitrag betrug 6 DM. Die Mitgliederzeitschrift der Gemeinschaft hatte eine hell-, bisweilen dunkelgelbe Farbe…..

1926 Gründung des BRSD in Meersburg am Bodensee

Der erste Vorstand: Pfr. Erwin Eckert aus Meersburg, Pfr. Emil Fuchs aus Eisenach, Bernhard Göring aus Berlin Landesverbände:Anhalt: Pfr. Wilhelm Küsell Altenburg Baden: Prof. Dr. Heinrich Dietrich KarlsruheBayern: Pfr. Matthias Simon, Arzberg (Oberfranken) Hessen, Hessen- Nassau: Jenzsch, Oberinspektor, Frankfurt a.M.Preußen: Bernhard Göring, Gewerkschaftsbeamter BerlinPfalz: Pfr. Georg Wambsganss NeuhofenSachsen: Pfr. Otto Dost, Wechselburg Thüringen: Pfr. Emil […]

Grußwort (entnommen aus „Micha links“ Rundbrief verschiedenser Organisationen des linken religiösen Spectrums https://www.die-linke.de/fileadmin/1_Partei/zusammenschl%C3%BCsse/bag_linke_christen/micha.links/2026_2_micha.links_BRSD.pdf

Hartmut Futterlieb für die Christinnen und Christen für den Sozialismus, CfS

100 Jahre Zeitgenossenschaft. Grußwort zum hundertjährigen Bestehen des BRSD. Es ist nicht leicht gewesen, den Bund der religiösen Sozialisten 1926 zu gründen. In den Kirchen herrschte zumeist ein reaktionärer bis monarchistischer Geist. Nicht nur die Kriegspredigten waren noch in allen Ohren, der Kaiser als oberster Bischof war in Preußen bei vielen Kirchenleuten nicht vergessen. Wie konnten sich Christen, die sich als Sozialisten verstanden, von einer rückwärtsgewandten Kirche emanzipieren?

So waren die verschiedenen Gruppen, die einen religiösen Sozialismus vertraten, Minderheiten in einem christlich-konservativen Umfeld. Gegründet wurde der Bund auf einer Tagung, die in  Meersburg vom 1. bis 5. August 1926 stattfand. In dieser Tagung wurde Erwin Eckert zum geschäftsführenden Bundesvorsitzenden gewählt. Erwin Eckert war freiwillig in den ersten Weltkrieg gezogen. Diese Erfahrung militärischer Unmenschlichkeit hatte ihn zur radikalen Umkehr im Denken und im Handeln bewegt. Er trat der SPD bei und entwickelte sich vor allem im süddeutschen Raum zu einem führenden Redner der linkssozialistischen Richtung der SPD. Provokativ wurden seine Äußerungen in der offiziellen Kirche verstanden, wenn er sagte:

  1. „Die Religiösen Sozialisten kämpfen in bewusster Verantwortung vor Gott und den Menschen in und mit dem revolutionären Proletariat um die sozialistische Neuordnung;(…)
  2. Das privatkapitalistische System bedingt den Klassenkampf in der Wirtschaft, im Staate und in allen Beziehungen des gesellschaftlichen Lebens. Die besitzende und darum herrschendem Klasse sucht das Bestehende zu sichern, die abhängige und besitzlose Klasse zu unterdrücken und zu ihrem Vorteil auszunützen. Die unterdrückten Massen aber suchen sich zu befreien und eine bessere Art des Lebens der Menschen untereinander zu erzwingen. Das Proletariat führt diesen Klassenkampf gemäß den Erkenntnissen, die es Karl Marx verdankt …
  3. Die besondere Aufgabe der religiösen Sozialisten ist es, die Kräfte des Evangeliums für das Leben des einzelnen Menschen und für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft wirksam zu machen …. Gott will es, dass wir alle Kräfte einsetzen für die neue, kommende Ordnung der Gerechtigkeit, des Friedens und der brüderlichen Gemeinschaft.“

(Zit. in: Friedrich Martin Balzer / Karl Ulrich Schnell, Der Fall Erwin Eckert, Köln 1987, S. 24 f.)

Wenn auch ein Teil der religiösen Sozialisten in der Weimarer Zeit sich stärker auf theoretische Schriften konzentrierte, so waren viele im Widerstand, der von der entstehenden Verbindung zwischen Kirche und Nationalsozialismus massiv unterdrückt wurde. Erwin Eckert wurde später von der badischen Landeskirche suspendiert. Die Nazis sperrten ihn ins Zuchthaus. In Berlin gab es Widerstandsstrukturen. Der BRSD sei die wichtigste und geschlossenste antifaschistische Gruppe im deutschen Protestantismus gewesen, schreibt Walter Bredendieck in seiner „Kirchengeschichte von „links und von unten“. Es ist Zeitgenossenschaft, von der zu lernen ist.

Der Armen Rechte. Leeres Wort: Der Reichen Pflicht“ gelten auch heute noch. Dazu kommt, dass sich die kapitalistische Gesellschaftsform, der wir unterworfen sind, religiös überkleidet (Walter Benjamin). Die Lebenspraxis, die die Zielrichtung der biblischen Schriften in Worten wie „Gerechtigkeit und Recht“, Geschwisterlichkeit und Solidarität“ ausdrückt, wird unterlaufen durch „Gott“-Gestalten, denen wir unbedingten Gehorsam leisten wie der Akkumulation des Kapitals und den verführerischen Tempeln des Internets, die uns eine überwältigende Fülle von Waren anbieten, die wir gar nicht brauchen, die aber den Kapitalbesitzern dazu dienen, sich den Mehrwert nzueignen.

Ich erinnere an den dritten Punkt des Zitats von Erwin Eckert. Was ist die Aufgabe von Christ:innen und Sozialist:innen heute? Sie kann sich nicht in Analysen der gegenwärtigen Form des Kapitalismus erschöpfen. Zeitgenossenschaft heißt, die Erzählungen aufzugreifen, in denen christliche und sozialistische Praxis sichtbar wird. Angefangen bei der jesuanischen Praxis mit ihren Impulsen für einen menschenfreundlichen Weg unter den heutigen ökonomischen, politischen und ideologischen Verhältnissen, weitergeführt durch eine prophetische Praxis, die nicht nur feststellt, wie „die heutige Wirtschaft tötet“ (Papst Franziskus), sondern auch Szenarien entwirft, wie ein zukünftiges Gemeinwesen lebenswert gestaltet werden kann.

Mit der Zeitschrift „Christ und Christin / Sozialist und Sozialistin“ hat der BRSD eine Plattform dafür geschaffen. Was noch fehlt, sind vielfältige Vernetzungen in die Lebenspraxis hinein.

Im Namen von CfS (Christinnen und Christen für den Sozialismus) wünsche ich Euch ein gutes Gelingen für die nächsten 100 Jahre.

Grußwort des Ehrenvorsitzenden Dr. Reinhard Gaede, Herford: Dankbar rückwärts – mutig Vorwärts!

Namen sind wie ein Signalruf. Viele politische und religiöse Bewegungen werben um Zustimmung möglichst vieler Menschen. Unser Name steht für Neuorientierung.

„Mammonsdienst“, „Molochdienst“ – mit diesen biblischen Begriffen für Götzendienst schaute der Religiöse Sozialist Eberhard Lempp (1886 – 1971) kritisch auf die Zeit der Weltkriege und des Elends der Massen zurück und meinte damit: Es widersprach Gott wie ein  Götzendienst, dass Menschen mit nationalen Begründungen Kriegszielen und wirtschaftlichen Zielen geopfert wurden. Der Name „religiöse  Sozialist(inn)en“ sollte die Bindung an Gott und an das soziale Wohl der Menschen zum Ausdruck bringen. Eingeschlossen war die Zuwendung zu jüdischen Menschen, die als Arbeitsgemeinschaft zum Bund gehörten. „Verbundenheit mit Gott und Gemeinschaft zu den Kreaturen gehören zusammen. Religion ohne Sozialismus ist entleibter Geist, also auch nicht wahrhafter Geist. Sozialismus ohne

Religion ist entgeisteter Leib, also auch nicht wahrhafter Geist.“  (Martin Buber, 1878-1965)

 

Kreuz und Rose – unser Symbol. Kreuz und Rose war seit unserem Aufbruch 1976 das Symbol, getragen auf Buttons, Aufklebern, Holz-Ansteckern. Nach einer Diskussion im Vorstand und Redaktionsbeirat schien uns das Symbol geeignet. So wird es nicht nur gelegentlich im Bild gezeigt, sondern auch im Wort angesagt als Einladung zur Meditation, auch für Fernerstehende. Das Kreuz – eigentlich ein »Skandalon«, »Ärgernis« (Luther) – ist doch Zeichen der »Kraft und Weisheit« Gottes (1. Kor. 1,23.24), Zeichen der Versöhnung Gottes mit den feindseligen Menschen durch die opferbereite Liebe Jesu
Christi. Es enthält die »Botschaft von der Versöhnung« für die in Klassen, feindselige Nationen und Religionsgruppen oft tief gespaltene Welt. Das Kreuz versammelt Christinnen und Christen. Die rote Rose ist Symbol für den Sozialismus, der das alte christliche Symbol der Paradieses Rose aufnahm. 1911 wurde in Schweden die rote Rose zum offiziellen Symbol des Maifeiertags erkoren. 1912 entstand das Lied „Bread and Roses“ während des großen Streiks der Arbeiterinnen in den Textilfabriken von Lawrence, Massachusetts/USA. Die Sozialistische Internationale, die Sozialdemokratische Partei Europas und die Jusos zeigen die Rose. Die Religiösen Sozialisten in Norwegen baten darum, unser Symbol Kreuz und Rose, etwas verändert, auch übernehmen zu dürfen. Mit der roten Rose zeigen wir Solidarität mit der Arbeiter(innen)bewegung und dem Sozialismus. In christlicher Perspektive wird das Kreuz zum Lebensbaum, der Blüten und Früchte trägt, wie in der Tradition der Basisgemeinden Lateinamerikas. Der Bund ist, wie die Satzung schreibt, Mitglied bei der International League of Religious Socialists (ILRS).
Für die junge Generation war es wichtig, eine Tradition kennen zu lernen, die sich im Kampf gegen den Faschismus bewährt hatte. „Christentum und Faschismus sind unvereinbar“ lautete der im November 1930 gedruckte Aufruf der religiös-so­zialistischen Internationale. Der Faschismus wird darin entlarvt als fanatische “Religion völkischer und rassischer Selbstvergottung”. Das Kreuz als “Sinnbild der vergebenden und rettenden Liebe Gottes” sei verkehrt in das Zeichen “selbstgerechter und hochmütiger Ausschließlichkeit, ja sogar des Hasses und der Gewalt”, das Hakenkreuz.. Neben der ‚Vergottung’ des Staates stehe die Unterdrückung der Gegner des Faschismus mit “Gewalt und Mord”. “Werdet des Abgrunds gewahr !” , hatten sie gerufen. Doch die verblendeten Eliten hatten nicht gehört und den Nazis „Opfermut der nationalistischen Jugend“ zugebilligt ( Theodor Wahl, Chefredakteur des deutschen Pfarrerblattes) Manche Historiker heben hervor, die religiösen Soziali­sten seien gescheitert. Dieses Scheitern teilen sie mit den sozialistischen und liberalen Parteien, den Gewerk­schaften und den Kirchen. Der Bund wurde 1933 zerschla­gen. Führende Mitglieder gingen ins Exil oder wurden in Gefängnis und KZ verschleppt. Bertold Brecht hat recht mit seinem Gedicht aus dem Jahr 1933, in dem es heißt: “Unsere Niederlagen nämlich beweisen nichts, als dass wir zu wenige sind, die gegen die Gemeinheit kämpfen. Und von den Zuschauern erwarten wir,/ daß sie wenigstens beschämt sind.“
„Im Vergleich zum Jahr 2023 (25.660) stieg die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten deutlich um 47,4 % auf 37.835 Delikte. Auch die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten stieg im Jahr 2024 um rund 11,6 % gegenüber dem Vorjahr (2024: 1.281, 2023: 1.148). Bei den rechtsextremistisch motivierten Körperverletzungsdelikten mit fremdenfeindlichem Hintergrund ist eine Steigerung von 4,8 % festzustellen (2024: 916, 2023: 874). Ebenso stieg die Zahl der fremdenfeindlichen Gewalttaten um 5,4 % (2024: 983, 2023: 933).“(Bundesamt für Verfassungsschutz)

Unsere Jahre sind geprägt von der Aufgabe, die Demokratie zu verteidigen gegen Angriffe von neofaschistischen und antisemitischen Gruppen. Wir können dankbar sein, dass wir in einer Tradition stehen, die sich bewährt hat, an die wir anknüpfen können.
 

Wettbewerb darf nicht das einzige Prinzip unserer Wirtschaft sein. Ordnungselemente einer wirtschaftlichen Demokratie sind nötig. Demokratische Kontrolle des politischen, aber auch des wirtschaftlichen Systems ist notwendig. So nützlich Märkte sind, um Bedürfnisse und Produktionsmöglichkeiten zu koordinieren, so sehr bedürfen Eigentums-, Unternehmens-, Arbeits-, Wirtschafts-und politische Verfassung der Veränderung, damit folgende Ziele erreicht werden:• Gerechte Verteilung der Einkommen und Vermögen (Differenzierung hinsichtlich Leistung und Motivation muss einsehbar funktional und glaubwürdig sein.),
• Humanisierung der Arbeit (Arbeitsbedingungen, die die Entfaltung der Persönlichkeit fördern.),• Versorgung mit meritorischen Gütern (z.B. Recht auf Bildung, berufliche Ausbildung, Zugang zu kulturellen Einrichtungen und Kulturgütern),• Recht auf angemessene Wohnung • konjunkturelle Stabilisierung des Wirtschaftsprozesses, • Erreichen eines hohen Beschäftigungsstandes (Recht auf Arbeit als Staatsziel, Vergesellschaftung des Beschäftigungsrisikos),• Erreichen eines sozial und umweltverträglichen wirtschaftlichen Entwicklungspfades, entsprechender Umbau der Produktionsstruktur,
• qualitatives Wachstum (Nachhaltigkeit), • Vereinbarung international verträglicher Austauschbeziehungen zwischen den Ökonomien der Ersten Welt und den Ländern der Dritten Welt.

Weggenossinnen und Weggenossen sind wir gewesen, bei der Lektüre zu gegenseitiger Anregung, auf Demonstrationen, Brüder und Schwestern, katholisch und protestantisch zusammen feiernd in Abendmahls- bzw. Eucharistie-Gottesdiensten, Vorhut der Ökumene. „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung können wir als Losung gemeinsam tragen.

 In unserm Land, in vielen Ländern überall Freundinnen und Freunde zu haben, die von einander lernen und gemeinsam Gutes tun können, erfüllt mit Freude.. Es ist zu hoffen, dass unsere Forderungen auch in Zukunft Widerhall finden. Zu tun bleibt genug, für jede(n) an seinem /ihrem Platz. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Schwestern, zum Lichte empor!”

Allen Genossinnen und Genossen, Brüdern und Schwestern. gratuliere ich herzlich zum Jubiläum, wünsche ein frohes Fest, gute Gemeinschaft und schöne Tage in Meersburg und Umgebung.

Euer Reinhard Gaede