
Redet Wahrheit – handelt gerecht. 100 Jahre Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands
Festrede zum hundertjährigen Jubiläum – Meersburg am Bodensee 2026 gehalten am Empfang nach dem Gottesdienst von Prof. Dr. Dr. habil. Wilhelm Schwendemann, Mitglied im Vorstand des BRSD
Sehr geehrte Frau Landesbischöfin, sehr geehrte Frau Pfarrerin Süss-Egervari, lieber Bruder Genosse Jan Rudy Kristensen Präsident der Internationalen religiösen Sozialist: innen aus Norwegen, lieber Bruder und Genosse aus der Schweiz, Gerold Roth, lieber Genosse Domenico Ferraro, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Schwestern und Brüder aus der Ökumene, sehr geehrte Gäste,
Redet Wahrheit – handelt gerecht als Motto dieser Veranstaltung passt recht gut. Vor hundert Jahren, in den ersten Augusttagen des Jahres 1926, kamen hier in Meersburg am Bodensee Menschen zusammen, die etwas wagten, das in ihrer Zeit fast undenkbar war. Sie verbanden zwei Worte, die man damals für unvereinbar hielt – „Gott“ und „Sozialismus“ – und gründeten den Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands, nachdem in den drei Jahren vorher eher lose Versammlungen stattfanden.
Wir feiern heute nicht bloß ein rundes Datum. Wir feiern eine Treue: die Treue zu der Überzeugung, dass der Glaube an den einen Gott und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft zusammengehören – untrennbar.
Der biblische Prophet Sacharja hat diese Untrennbarkeit in ein Bild gefasst, das für unseren Festtag wie gemacht scheint: „Redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten; richtet recht … in euren Toren.“ Im Stadt-Tor – dem Ort der Rechtsprechung und der Gemeindeversammlung, nicht in der stillen Kammer – werden Wahrheit und Recht verhandelt.
Was 1926 hier in Meersburg begann, steht in dieser Traditionslinie: Wahrhaftigkeit, die sich nicht öffentlich in Recht übersetzt, bleibt folgenlos.[1]
Die Wurzeln – woher wir kommen
Der Bund ist nicht vom Himmel gefallen. Seine geistigen Wurzeln reichen zurück in die Schweiz um 1900, zu Leonhard Ragaz, Hermann Kutter und dem jungen Karl Barth. Ragaz, der Bündner Pfarrer, der 1903 mit einer Predigt zum Basler Maurerstreik eine breite Öffentlichkeit erreichte und 1906 mit der Zeitschrift Neue Wege das Organ der Bewegung schuf, hat den religiösen Sozialismus als das „Verständnis des ganzen Christentums als dessen sozialer Sinn“ bestimmt.
Vorbereitet hatten ihn die beiden Blumhardts aus Bad Boll, Vater und Sohn, mit ihrem Glauben an ein Reich Gottes, das schon hier und jetzt beginnt.
Noch weiter zurück steht eine fast vergessene Gestalt: Wilhelm Weitling, der Schneidergeselle, der 1843 in Zürich auf Betreiben des Kirchenrats vor Gericht gestellt wurde, weil er das Evangelium aus der Sicht der Armen auslegte.
Er war es, der das Wort „Kommunist“ in die deutsche Sprache einführte, und er bekannte: „Ich fing bei der Nächstenliebe an. Dadurch bin ich Kommunist geworden.“[2]
Schon damals wurde sichtbar, was sich durch unsere ganze Geschichte zieht – dass die Kirchen den sozialen Aufbruch lieber bekämpften, als ihn zu hören oder ihn aufzunehmen.
Die Gründung 1926 – ein Bund von Laien und Pfarrern
Der deutsche Bund der religiösen Sozialisten und Sozialistinnen wuchs aus zwei Strängen zusammen: aus der christlichen Friedensbewegung des Ersten Weltkriegs und aus Kreisen christlicher Sozialdemokraten/Sozialdemokratinnen, die zugleich Heimatrecht als Sozialisten/Sozialistinnen in der Kirche und als Christen in der Arbeiterbewegung suchten.
1919 entstand in Berlin die erste Gruppe, 1924 schlossen sich die regionalen Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen – und vom 1. bis 5. August 1926 wurde hier in Meersburg der Bund der religiösen Sozialisten und Sozialistinnen Deutschlands gegründet.
Zum geschäftsführenden Vorsitzenden wählte man den badischen Pfarrer Erwin Eckert; im ersten Vorstand wirkten neben ihm Emil Fuchs und Bernhard Göring.
Der Bund war zunächst eine Laienbewegung, und er war ökumenisch wie keine andere kirchlich orientierte Organisation der Weimarer Republik: Quäker, Katholiken, Protestanten verschiedenster Prägung – und jüdische Menschen, die als eigene Arbeitsgemeinschaft dazugehörten. Anfang 1933 zählte der Bund elf Landesverbände mit rund 25.000 Mitgliedern.
Das theologische Herz
Was diese Menschen zusammenhielt, war kein Parteiprogramm, sondern eine Glaubensüberzeugung. Eckert hat sie in den Richtlinien des Bundes so formuliert:
„Die Religiösen Sozialisten kämpfen in bewusster Verantwortung vor Gott und den Menschen in und mit dem revolutionären Proletariat um die sozialistische Neuordnung … Gott will es, dass wir alle Kräfte einsetzen für die neue, kommende Ordnung der Gerechtigkeit, des Friedens und der brüderlichen Gemeinschaft.“
Erwin Eckert, Richtlinien des Bundes[3]
Was Eckert hier fordert, hat sein biblisches Urbild in der Frage, wer in Gottes Gegenwart bestehen kann: Nach Psalm 15 darf nur bleiben, „wer ohne Tadel lebt und tut, was recht ist, und redet die Wahrheit von Herzen“.
Erwin Eckert übersetzte diese kultische Bedingung in eine politische: Wer der kommenden Ordnung der Gerechtigkeit dienen will, muss Wahrhaftigkeit und Tat zusammenhalten.[4]
Tiefer noch hat es ein Mann ausgesprochen, der dem Bund freundschaftlich nahestand, ohne ihm je formal anzugehören: Martin Buber. Für den Juden Buber war eine Mitgliedschaft in der christlich geprägten Bewegung ausgeschlossen – dem Geiste nach aber war er religiöser Sozialist und, wie Paul Tillich sagte, „immer ihr Freund und Ratgeber“. In seinen Drei Sätzen eines religiösen Sozialismus, die er 1928 Leonhard Ragaz widmete, hat er das Wesentliche gesagt:
„Verbundenheit zu Gott und Gemeinschaft zu den Kreaturen gehören zusammen. Religion ohne Sozialismus ist entleibter Geist … Sozialismus ohne Religion ist entgeisteter Leib.“
Martin Buber, 1928[5]
Bubers Wort trifft sich mit einer johanneischen Wendung, die im Griechischen eigentümlich hebräisch klingt: ποιεῖν τὴν ἀλήθειαν, „die Wahrheit tun“.
Auch dort ist Wahrheit kein Satz, den man für richtig hält, sondern ein Handeln, das sich bewährt – genau jene Untrennbarkeit von Glaube und Tat, die Buber dem religiösen Sozialismus ins Stammbuch schreibt.[6]
Auf der Tagung der religiösen Sozialisten und Sozialistinnen 1928 in Heppenheim, an der auch Paul Tillich teilnahm, hat Buber daraus die Konsequenz gezogen: Zur Verwirklichung des Sozialismus komme es nur, „wenn sich Menschen der bestehenden gesellschaftlichen Realität entgegenstellen, geleitet von dem Ziel einer anderen, einer gerechten Gesellschaft“.
Und am Ende seines Werkes Pfade in Utopia stellte er die beiden Pole des Sozialismus einander gegenüber: den einen nannte er „Moskau“, den anderen wagte er – trotz allem – „Jerusalem“ zu nennen. Das ist der Sozialismus, von dem wir herkommen: nicht der des Zwangs und des Staatsapparats, sondern der der freien, solidarischen Gemeinschaft.
Das ist der Herzschlag unseres Bundes bis heute: Glaube, der nicht in die Innerlichkeit flüchtet, und gesellschaftliches Engagement, das nicht zur bloßen Technik des Machbaren verkommt.
Die Bewährung – Widerstand gegen den Faschismus
Der Bund war kein Debattierklub. Schon im November 1930 erschien der Aufruf: „Christentum und Faschismus sind unvereinbar.“ Erwin Eckert warnte von Ende 1930 bis Mitte 1931 in unzähligen Versammlungen quer durch Deutschland vor der Gefahr des Nationalsozialismus – er galt als „der erfolgreichste Redner Süddeutschlands gegen den Faschismus“ und als „der von der Reaktion und den Nazis bestgehasste Mann in Baden“. „Werdet des Abgrunds gewahr!“, hatten die religiösen Sozialisten gerufen. Doch die verblendeten Eliten hörten nicht.
Der Kirchenhistoriker Walter Bredendieck hat den Bund die wichtigste und geschlossenste antifaschistische Gruppe im deutschen Protestantismus genannt.[7]
Dafür hat er einen hohen Preis gezahlt. 1933 wurde der Bund zerschlagen; führende Mitglieder gingen ins Exil oder wurden in Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt. Eckert wurde am 1. März 1933 verhaftet und 1936 zu drei Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt – wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“.
Eckerts Weg ist tragisch und gerade darin lehrreich. Er hatte versucht, die verhängnisvolle Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden und eine Einheitsfront von SPD und KPD gegen die NSDAP zu schmieden.
Dafür wurde er 1931 nach zwanzigjähriger Mitgliedschaft aus der SPD ausgeschlossen, trat einen Tag später der KPD bei und verlor daraufhin sein kirchliches Amt und seine Altersversorgung.
Auf seine Mannheimer Kanzel aber setzte die badische Kirchenleitung ausgerechnet ein Mitglied der NSDAP. Wer möchte da behaupten, die religiösen Sozialisten/Sozialistinnen seien gescheitert? Gescheitert ist eine Kirche, die das Hakenkreuz duldete und das Kreuz verriet. Bertolt Brecht hat 1933 das richtige Wort gefunden:
„Unsere Niederlagen nämlich beweisen nichts, als dass wir zu wenige sind, die gegen die Gemeinheit kämpfen.“
Bertolt Brecht, 1933[8]
Und hier, am Festtag, muss eine schmerzliche Wahrheit ausgesprochen werden: Die evangelische Kirche in Baden hat ihren Propheten im Stich gelassen.
Während sie nationalsozialistische Pfarrer in Amt und Würden ließ, entließ sie Eckert – „unehrenhaft“.
Erst 1999, siebenundzwanzig Jahre nach seinem Tod, hat die Badische Landeskirche eingeräumt, sie sei „auf einem Auge blind gewesen“, habe „parteiisch gehandelt und eine prophetische Stimme unterdrückt“.[9]
Doch diese Erklärung kann nicht das letzte Wort sein. Das Schandurteil von 1931 ist bis heute nicht förmlich aufgehoben. Unser hundertstes Gründungsjubiläum wäre die rechte Stunde für eine wirkliche Wiedergutmachung.
Der Prophet Jesaja hat genau diesen Zusammenhang von verlorener Wahrhaftigkeit und zerbrochenem Recht beschrieben: Wo die Wahrheit auf der Straße stürzt, kann das Recht nicht bestehen. Was die Badische Landeskirche 1999 eingestand, ist mit dieser prophetischen Diagnose zu lesen: Es lagen nicht zwei getrennte Verfehlungen vor, sondern eine einzige – der Verrat der Wahrheit als Verrat des Rechts.[10]
Kreuz und Rose
Unser Zeichen ist seit dem Aufbruch der siebziger Jahre im letzten Jahrhundert das Kreuz und die Rose. Das Kreuz – bei Luther ein „Skandalon“, ein Ärgernis – ist doch Zeichen der Versöhnung Gottes mit den feindseligen Menschen. Die rote Rose ist das Symbol des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, die einst im Streik der Textilarbeiterinnen „Brot und Rosen“ forderten. Kreuz und Rose zusammen: Versöhnung und Solidarität, in einem Bild.
Neuanfang und Gegenwart
1948 gründete sich der Bund in Kassel neu und grenzte sich strikt von jedem totalitären System ab. Religiöse Sozialisten wie Ludwig Metzger, vor 1933 hessischer Landesvorsitzender und nach dem Krieg Oberbürgermeister von Darmstadt, wirkten am Darmstädter Wort von 1947 mit.
Die deutsche Teilung zerrieb den Bund zwischen den Machtblöcken; 1977 kam es in Bochum zur Wiedergründung, ausdrücklich im Rückgriff auf das erste Programm von 1926. Heute hat der Bund seinen Sitz in Frankfurt, ist Mitglied der International League of Religious Socialists und vernetzt mit der Initiative Kirche von unten, mit Attac und und anderen Organisationen.
Von Meersburg nach Seoul – als die Losung ökumenisch wurde
Und hier schließt sich ein großer Bogen, der uns mit Stolz erfüllen darf. Erinnern wir uns an Eckerts Worte von 1926: Gott wolle, dass wir alle Kräfte einsetzen für die neue, kommende Ordnung „der Gerechtigkeit, des Friedens und der brüderlichen Gemeinschaft“.
Vierundsechzig Jahre später, im März 1990, versammelten sich in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul die Vertreterinnen und Vertreter der über dreihundert Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Weltversammlung für – und nun hören Sie genau hin – Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.[11] Was eine verfolgte Minderheit am Bodensee 1926 bekannte, wurde in Seoul zum weltweiten Konsens der Christenheit. Unser Bund war seiner Zeit voraus.
Der Weg dorthin war lang – und er hat eine Wurzel, die uns besonders nahegeht. Schon 1934, mitten in der heraufziehenden NS-Diktatur, hatte Dietrich Bonhoeffer auf der ökumenischen Konferenz im dänischen Fanø ein gesamtchristliches Friedenskonzil gefordert: Nur das eine große ökumenische Konzil der Kirche Christi, so rief er, könne der Welt das Wort vom Frieden so sagen, „dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss“.[12]
In denselben Jahren, in denen der BRSD gegen den Faschismus kämpfte, rang die Ökumene um dieselbe Stimme. Es dauerte ein halbes Jahrhundert: 1983 lud der Weltkirchenrat in Vancouver zu einem „konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung“ ein; 1989 trafen sich die Kirchen Europas in Basel; und in der DDR brachte die Ökumenische Versammlung mit ihrem Aufruf „Eine Hoffnung lernt gehen“ Zehntausende in Bewegung – ein Funke, der den friedlichen Umbruch von 1989 mit entzündete. In Seoul kam dieser Prozess zu seinem ersten Höhepunkt.
Die Versammlung fasste ihren Konsens in zehn Grundüberzeugungen. Die erste lautet – und sie hätte aus Eckerts Mund stammen können:
„Wir bekräftigen, dass die Art und Weise der Ausübung menschlicher Macht und Autorität unter dem Urteil Gottes stehen und vor den Menschen verantwortet werden müssen.“
Seoul 1990, Erste Affirmation
Die zweite Grundüberzeugung bekennt Gottes Option für die Armen – jene Parteinahme für die Geringsten, von der schon Wilhelm Weitling und Erwin Eckert gelebt haben. Doch Seoul blieb nicht bei Bekenntnissen stehen.
Die Versammlung schloss vier konkrete Bündnisse: für eine gerechte Wirtschaftsordnung und die Befreiung der Armen von der Last der Schulden; für die wahre Sicherheit der Völker und eine Kultur der Gewaltlosigkeit statt der Aufrüstung; für die Bewahrung der Erdatmosphäre und allen Lebens – ein prophetisches Wort, lange bevor das Wort „Klimakrise“ in aller Munde war; und für die Überwindung von Rassismus und Diskriminierung auf allen Ebenen.
Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung: das ist nichts anderes als der religiöse Sozialismus, übersetzt in die Sprache der weltweiten Ökumene.
Es ist derselbe prophetische Dreiklang, den schon der Prophet Micha kannte: Recht tun, Güte lieben, demütig wandeln vor Gott. Was Micha im achten Jahrhundert vor Christus forderte, was Eckert 1926 hier in Meersburg formulierte und was 1990 in Seoul zur ökumenischen Losung wurde, ist im Kern eine einzige, sich durch die Jahrtausende ziehende Wahrheit.[13]
Und der Kreis schließt sich ganz: Der konziliare Prozess speiste in der DDR jene Initiative Kirche von unten, der unser Bund bis heute angehört. Was 1926 in Meersburg begann, lebt in diesem weltweiten Bündnis weiter. Mit unserem Ehrenvorsitzenden Reinhard Gaede dürfen wir darum sagen: „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung können wir als Losung gemeinsam tragen.“
Manche Historiker sagen, die religiösen Sozialisten und Sozialistinnen seien gescheitert. Aber dieses Scheitern teilen sie mit den Parteien, den Gewerkschaften und den Kirchen jener Zeit – und ihre Fragen sind bis heute nicht beantwortet.
Wir leben in einer Vielfachkrise: ökologische Zerstörung, Kriege, wachsende Ungleichheit, die Krise der Sorgearbeit. Der Seouler Weg ging weiter: 2013 hat der Ökumenische Rat der Kirchen – wiederum in Korea, in Busan – erklärt, die wirtschaftliche Globalisierung habe den Gott des Lebens durch den Mammon ersetzt, und zu einem „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“ aufgerufen. Papst Franziskus sagt schlicht: „Diese Wirtschaft tötet.“
Und der alte Feind kehrt wieder. Im Jahr 2024 zählte der Verfassungsschutz 37.835 rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten – ein Anstieg um fast fünfzig Prozent.[14] Darum gilt der Satz von 1930 unverändert: Christentum und Faschismus sind unvereinbar. Wir sagen das auch deutlich im Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen.
Vergessen wir nicht: Zum Bund gehörte von Anfang an eine jüdische Arbeitsgemeinschaft, und Martin Buber war sein Freund und Ratgeber.
Der religiöse Sozialismus war nie blind gegen den Antisemitismus – er hat ihn als das erkannt, was er ist: eine „fanatische Religion völkischer und rassischer Selbstvergottung“. Wenn heute der Antisemitismus offen und verdeckt wieder wächst und Demokratie und Menschenwürde von neuem unter Druck geraten, dann ist die Verteidigung der Demokratie und der Schutz jüdischen Lebens kein Nebenthema unseres Bundes, sondern sein Kern.
Dorothee Sölle, die letzte große theologische Stimme für den Sozialismus, fragte angesichts des vermeintlichen Triumphs des Kapitalismus: Wer hat gesiegt? Wer hat verloren? Wo steht Gott? Und sie hat uns dieses Vermächtnis hinterlassen:
„Der Staatssozialismus ist tot, aber der Sozialismus als Utopie einer solidarischen Gesellschaft wird noch dringend gebraucht.“
Dorothee Sölle[15]
Dankbar rückwärts – mutig vorwärts
So stehen wir heute: dankbar für eine Tradition, die sich im Kampf gegen die Barbarei bewährt hat, und mutig für das, was noch zu tun bleibt. Ernst Bloch hat es gesagt: „Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist.“[16] Und Ernesto Cardenal hat uns das schönste Bild geschenkt: „Wir sind noch nicht im Festsaal angekommen, wir hören aber schon die Musik.“[17]
Über der Todesanzeige Erwin Eckerts stand sein Wahlspruch – ich möchte ihn uns allen als Auftrag mitgeben: „Dem Ganzen dienen, sich selbst treu bleiben.“
Liebe Freundinnen und Freunde: Ich gratuliere dem Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten von Herzen zu hundert Jahren Gerechtigkeit, Solidarität und Widerstand. Brechen wir auf zu den nächsten hundert. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit – Schwestern, zum Lichte empor!
Ich danke Ihnen.
[1]Sach 8,16 (Lutherbibel 2017): „Redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten; richtet recht und schafft Frieden in euren Toren.“
[2]Präziser: Weitling bezeichnete sich 1841 in seinem Aufsatz „Die Kommunion und die Kommunisten“ erstmals selbst als „Kommunist“ (statt des bis dahin gebräuchlichen „Gemeinschafter“); vgl. Wolfgang Schieder, zit. nach bpb, APuZ 23/1969. Das hier angeführte Bekenntnis („Ich fing bei der Nächstenliebe an …“) ließ sich in der einschlägigen Forschungsliteratur (Seidel-Höppner, Waltraud (2014): Wilhelm Weitling (1808–1871) :Eine politische Biographie- Teil 1 und Teil 2, Berlin: Peter Lang, Weitling, Wilhelm(1967): Das Evangelium des armen Sünders, Text nach [d.] 2., vollst., verm. u. verb. Aufl. Birsfeld, Walser, 1846, herausgegeben von Waltraud Seidel-Höppner , Leipzig: Reclam; Seidel-Höppner Waltraud (1961): Wilhelm Weitling, der erste deutsche Theoretiker und Agitator des Kommunismus. Berlin: Dietz Verlag (Inst. f. Gesellschaftswiss. beim ZK d. SED, Diss. v. 23. März 1961); Haefelin, Jürg (1986): . Wilhelm Weitling : Biographie u. Theorie ; d. Zürcher Kommunistenprozess von 1843, Bern u.a.: Peter Lang.
[3]Richtlinien des Bundes, zit. nach Friedrich-Martin Balzer / Schnell, Karl Ulrich (1987): Der Fall Erwin Eckert, Köln, S. 24 f.
[4]Ps 15,1–2 (Lutherbibel 2017).
[5]Martin Buber, Drei Sätze eines religiösen Sozialismus (1928), in: Martin-Buber-Werkausgabe (MBW) 11.1, 2019, S. 230–232.
[6]Joh 3,21; 1 Joh 1,6 (ποιεῖν τὴν ἀλήθειαν); vgl. Eph 4,15.25.
[7] Bredendieck, Walter (2011): Kirchengeschichte von“ links“ und von „unten“. Studien zur Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aus sozialhistorischer Perspektive, Basel/Berlin: Leonhard-Thurneysser-Verl. ; Vgl. auch den Aufruf der religiös-sozialistischen Internationale, November 1930, in: https://brsd.de/100-jahre-brsd-2/, Abruf am 26.7.2026; 19:08..
[8]Bertolt Brecht, 1933 („Unsere Niederlagen …“), zit. nach dem Grußwort des Ehrenvorsitzenden Reinhard Gaede zum BRSD-Jubiläum, in: . https://erinnerungsort.de/lied/gegen-die-objektiven/, Abruf am 26.7.2026; 19:11.
[9]Erklärung der Badischen Kirchenleitung, unterzeichnet von Landesbischof Ulrich Fischer und Synodalpräsidentin Margit Fleckenstein, April 1999.
[10]Jes 59,14–15 (Lutherbibel 2017).
[11]Ökumenische Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Seoul, 6.–12. März 1990; Schlussdokument „Die Zeit ist da“. Konziliarer Prozess seit der ÖRK-Vollversammlung Vancouver 1983, europäische Versammlung Basel 1989.
[12]Dietrich Bonhoeffer, Morgenandacht auf der ökumenischen Konferenz in Fanø (Dänemark), 1934.
[13]Mi 6,8 (Lutherbibel 2017).
[14]Bundesamt für Verfassungsschutz, Zahlen für das Jahr 2024 (37.835 rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten, + 47,4 % gegenüber 2023).
[15]Dorothee Sölle, zit. nach micha.links 2/2026, Themenheft 100 Jahre BRSD; in: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/007910.html; Abruf am 26.7.2026; 19:14 Uhr.
[16] Vgl. https://www.kirche-im-swr.de/beitraege/?id=27822; Abruf am 26.7.2026; 19:16 Uhr.
[17] Vgl. https://www.publik-forum.de/extra-09-2018/die-winzige-huette-gottes; Abruf am 26.7.2026; 19:19 Uhr.