
Jubiläumsgottesdienst „100 Jahre religiöse Sozialisten“ Meersburg, Schlosskirche: Predigt der Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Geschwister,
Vor 48 Stunden bin ich von einer Partnerschaftsreise mit einer Delegation der Erzdiözese Freiburg aus
Peru zurückgekommen. Gemeinsam mit Erzbischof Burger haben wir Gemeinden und kirchliche Einrich-
tungen besucht, Projekte für die Ärmsten der Armen am Rand von Lima und das Dorf, das letzte Woche
vom Erdbeben zerstört wurde.
Immer wieder hatten wir Gespräche darüber, wo der Ort der Kirche ist: An der Seite derer, die den
Schrei der Erde auf den Lippen haben. An der Seite der Armen, derjenigen, die unter die Räder der aktu-
ellen politischen Verhältnisse kommen, an der Seite derer, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten.
Ganz konkret.
Genau dort lebt die Kirche Jesu Christi. Sie kümmert sich um die Kinder, die weder ein Zuhause noch et-
was zu essen haben. Sie steht denen bei, die um Recht und Gerechtigkeit kämpfen. Ich habe in Peru Kir-
chenleute erlebt, die befreiungstheologisch inspiriert hier und heute Menschen eine Zukunft geben. Und
die mitreißende Gottesdienste feiern.
Es passt gut, dass ich heute morgen mit Ihnen in Meersburg den 100. Geburtstag des Bundes der religiö-
sen Sozialisten feiern kann.
Als die religiös-sozialistisch Bewegten sich vor 100 Jahren hier in Meersburg getroffen haben, erschien
dem über diesen Kongress berichtenden Pfarrer Kappes Meersburg als der perfekte Ort: „Der Tagungs-
ort ist einzigartig, weil seine Geschichte und seine Natur in einer erregenden Spannung stehen zur Ge-
schichte und Natur der Menschen, deren geistige Kämpfe sich da abspielen. Die Zwingtürme und Rokoko-
schlösser der ehemaligen Fürstbischöfe reden von Macht und Verfall der Kirche zu einer proletarischen
Bewegung, die sich anschickt, die sich anschickt, die Kirche zu erobern. […] Vor den trunkenen Blicken der
Großstädter, die noch die Unruhe ihres gehetzten Daseins in sich tragen, den Rhythmus des Kampfs und
der Maschine liegen die traumhaft schönen Gestade des Sees: so harmonisch ist Gottes Schöpfung, das
Urbild der Menschenordnung, zu deren Verwirklichung wir als Gottes Mitarbeiter aufgerufen sind.“
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Der Ort und die Bewegungen kamen auch deswegen zusammen, weil einer ihrer besonders Engagierten
hier Pfarrer war: Pfarrer Erwin Eckert. Er hat in seiner Predigt zur Eröffnung des Kongresses in Worte ge-
fasst, dass die Zeit einfach reif war. Dass der Kairos gekommen war – um das Wort zur Zeit eines ande-
ren berühmten Religiösen Sozialisten, Paul Tillich, zu verwenden. In den Worten Erwin Eckerts klang das
so: „Keiner weiß eigentlich, warum unsere Bewegung da ist. Sie ist nicht ausgeklügelt, sie war plötzlich
da, als die Zeit dazu reif war. Es ist müßig, auf einzelne Männer oder gar Bücher hinzuweisen; die reli-
giös-sozialistische Bewegung ist nach dem Zusammenbruch des Alten in den verschiedenen Teilen
Deutschlands unter verschiedenen Formen in verschiedener Lebendigkeit ausgebrochen. Im Norden, im
Herzen Deutschlands, im Süden und im Westen. Alles kam ohne Absicht, ohne Konstruktion ohne Macht.
Darin liegt ein Beweis, dass Gottes Geist uns gerufen hat.“
Aus dem ganzen Land waren Teilnehmende zum Kongress nach Meersburg gekommen, die meisten aus
Süddeutschland und davon wiederum die meisten aus Baden. Ein arbeitsloser Arbeiter war sogar zu Fuß
von Berlin nach Meersburg gekommen.
Pfarrer Eckert hatte ein klares Gespür dafür, dass der Ruf Gottes sich bei den verschiedenen Menschen
unterschiedlich hören lassen kann und wird. Gegen eine Eindeutigkeit, die in moralische Selbstüberhe-
bung kippen kann hält er den Blick für die fruchtbaren Graubereiche offen. Zugleich fasst er das Unbeha-
gen an der Lage seiner Zeit in Worte.
„Wie aber ruft uns Gott, und wozu ruft er uns? [… – fragt Erwin Eckert] Er ruft jeden wieder anders, den
so, den so. Alle aber werden wir durch ihn unruhig gemacht; alle spüren wir den Widerspruch zwischen
dem, was Gott von der Welt verlangt, und dem, was in der Welt ist, was im menschlichen Leben, in der
Wirtschaft und Gesellschaft heute sich uns aufdrängt. Nirgends ist Christusgeist, überall sehen wir den
Geist Kains, der durch Profit und Konkurrenz den Bruder erschlägt, sehen wird den Geist der Machtsucht
im politischen Leben, sehen wir Lüge und Verdrehung im gesellschaftlichen Leben, Heuchelei und Niedrig-
keit.“
So vielfältig wie das Unbehagen an der Lage der Zeit war, so vielfältig war die Bewegung der Religiösen
Sozialisten. Und wie oft bei engagierten Bewegungen gab es in der Vielfalt auch eine inhaltliche Zersplit-
terung. Das hat sich hier in Meersburg geändert. 1926 – vor genau 100 Jahren – kam es zum Zusam-
menschluss zu einem Bund der religiösen Sozialisten, der – so sagte es Pfarrer Eckert in einem Radiobei-
trag am 28. Juli 1930 – „in seinen Reihen alle gläubigen Christen, die sich zum sozialistischen Kampf be-
kannten, vereinigte.“
Das und der leidenschaftliche Einsatz für die Sache der Armen und Unterdrückten speist sich aus der ei-
genen Erfahrung und dem klaren Hinsehen auf die Verhältnisse, in denen Menschen leben und arbeiten.
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„Wir wollen in die dumpfen Säle gehen, in die stickige Luft der Wirtshausstuben und dort im Kampfe ste-
hen, in den Hallen und Kontoren, auf die Straßen wollen wir gehen und zu den Ausgestoßenen. Wir wer-
den uns auch nicht abhalten lassen, wenn andere sagen, das geht doch nicht, das tut man doch nicht,
das verdirbt den Charakter, das ist so schmutzig und grob, so ungeistig.“
Dorthin gehen, wo es stinkt und wo es unappetitlich ist, dorthin, wo der Staub und der Dunst der Arbeit
davon zeugen, wie hart das täglich Brot errungen ist – auch das gehört zu dieser Bewegung. Es gehört
auch heute zu einer glaubwürdigen Kirche. In den Anden in der letzten Woche hat mich Bischof Luis Al-
berto beeindruckt, der im Staub des zerstörten Ortes Pumpunya mit uns Hilfsgüter ausgeteilt hat. Und
die Engagierten der Gemeinde Buen Pastor im Callao im Vorort von Lima – die für die Armen kochen
und die sich nicht scheuen durch die Straßen zu gehen, wo es an der Tagesordnung ist, dass Menschen
erschossen werden, weil sie die überhöhten Summen für ihre kleinen Marktstände nicht bezahlen kön-
nen.
So wichtig es ist, die Stimme zu erheben, auch heute in den aktuellen Debatten – noch wichtiger ist es,
konkret dazu beizutragen, dass die, die nicht im Licht stehen, die ihr Leben nur dank Tafel und Kleider-
kammer irgendwie bestreiten können, die sich nicht die Erstausstattung für das Schulkind leisten kön-
nen – dass sie gesehen werden als Menschen mit Würde und dass sie in den Kirchengemeinden und in
den Einrichtungen der Diakonie konkrete Hilfe erfahren. Dass sie sich in einer Kirche aufgehoben wissen,
die Salz der Erde und Licht für die Welt ist – und die sich nicht scheut, Salz in die Wunden der offenen
Fragen zu streuen.
Das bedeutet auch, dass wir den sicheren Boden von dem, womit wir bei niemandem anecken, verlas-
sen und uns aus der eigenen Komfortzone hinauswagen. Der Karlsruher Pfarrer Kappes hat in seinem
Bericht vor 100 Jahren davon gesprochen, dass „wir […] den Mut haben [müssen] zu der Sünde, die mit
jedem politischen, auch mit dem kirchenpolitischen Handeln immer verbunden ist. Uns treibt die zu dem
politischen Handeln die Liebe zu den Brüdern. Selbstgenügsamer Quietismus wäre größere Sünde.“
Erwin Eckert ist sowohl in seiner Leidenschaft für die Sache der Arbeiter und des religiösen Sozialismus
exemplarisch als auch als einer, an dem das Versagen der Kirchenleitung in den 30er Jahren abzulesen
ist.
Er war durch seine Kindheit in Mannheim geprägt, wo er ab dem 6. Lebensjahr lebte und was damals
eine aufblühende Industrie- und Arbeitergroßstadt war – und vor 1914 ein Zentrum der marxistischen
Linken in Baden. Erwin Eckert sah als Kind die Schattenseiten der aufblühenden Industriestadt. Sein Va-
ter war ehrenamtlich als Armenpfleger der Stadt engagiert. Jeden Mittwoch und Samstag nahm der Va-
ter Eckert seinen Sohn mit, „wenn er die hilfsbedürftigen, kinderreichen Familien, die Kranken, die al-
leinstehenden alten Leute in den engen dumpfen und überfüllten Wohnungen aufsuchte, um nach
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ihnen zu sehen, sie zu beraten und ihnen gegen die äußerste Not Unterstützung auszuzahlen.“1 Diese
Eindrücke haben ihn sein Leben lang geprägt und sein Engagement genährt. Zum Blick auf die soziale
Frage gehörte für Erwin Eckert auch das Eintreten für den Frieden. In einer Weihnachtsansprache 1926
beklagte er, dass die Forderung „Nie wieder Krieg!“ keine Selbstverständlichkeit geworden sei, auch und
gerade nicht unter den Christen. Eckert rief dazu auf, dass alle „vernünftig Denkenden, alle wirtschaft-
lich Erfahrenen, alle kulturell Empfindenden, alle sittlich und religiös Bestimmten danach trachten soll-
ten, „einen neuen Krieg zu verhindern“.2
Erwin Eckert hat die dunklen Wolken des Nationalsozialismus aufziehen sehen und seine eigene, unsere
Kirche eindringlich und radikal davor gewarnt. Nach seinem Eintritt in die Kommunistische Partei wurde
er einem eiligen Verfahren aus dem Pfarramt entlassen – und hat damit alle Bezüge und seine Ordinati-
onsrechte verloren. Argumentiert wurde mit der Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Angesichts
der auch in Baden zahlreichen Pfarrer, deren Mitgliedschaft in der NSDAP geduldet wurde und die – so
hält es die Erklärung der Badischen Kirchenleitung zur Rehabilitation von Pfarrer Erwin Eckert vom 22.
April 1999 fest – „zum Zeitpunkt der sonntäglichen Gemeindegottesdienste Feld- und SA-Gottesdienste
hielten und darin ungehindert für den Nationalsozialismus werben konnten“ – angesichts dieser Lage ist
mehr als deutlich, dass die badische Kirchenleitung in jener Zeit auf einem Auge blind gewesen ist.3
Die Frage, wie es gehen kann, dass wir als Christinnen Salz der Erde und Licht der Welt sind – diese Frage stellt sich auch heute. Das große Engagement der Kirche und der Christinnen für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung und das, was es heißt als Christ*innen in der Gesellschaft zu le-
ben und zu wirken – das ist die Spur, die sich von Meersburg vor 100 Jahren ausgehend auch durch un-
sere Kirche zieht. Dabei steht heute nicht weniger als vor 100 Jahren vor Augen, dass das Engagement
für eine bessere Zukunft nicht damit zu verwechseln ist, dass wir es seien, die das Reich Gottes aufrich-
ten.
Als der Theologe Karl Barth 1919 zu einem Vortrag bei der religiös-sozialen Konferenz in Tambach zum
Titel „Der Christ in der Gesellschaft“ eingeladen war, hat er diese Brechung in einer Weise eingetragen,
die auch in unsere heutige Situation spricht: „Der Christ – wir sind wohl einig darin, dass damit nicht die
Christen gemeint sein können: weder die Masse der Getauften, noch etwa das erwählte Häuflein der
1 Balzer, Friedrich-Martin (Hg.), Protestantismus und Antifaschismus vor 1933, 22.
2 A.a.O., 30.
3 A.a.O., 504.
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Religiös-Sozialen, noch auch die feinste Auslese der edelsten frömmsten Christen, an die wir sonst denken
mögen. Der Christ ist der Christus. Der Christ ist das in uns, was nicht wir sind, sondern Christus in uns.“4
Damit macht er weder die Türen der Kirche zu noch unser Engagement klein, im Gegenteil. Barth legt
den Finger darauf, dass es gerade Christus ist, der allem Abschließen der Kirche in die eigenen Kreise un-
ter sich entgegen steht: „Die Gemeinde Christi ist ein Haus, das nach allen Seiten offen ist; denn Christus
ist immer auch für die andern, für die, die draußen sind, gestorben.“5
Das Engagement der Kirche für alle, die offenen Türen und der selbstkritische Blick darauf, wo wir eigen-
mächtigen Zielen folgen, wo wir politische Absichten – und seien es die besten – religiös überhöhen und
so ideologisieren hat in Christus seinen Anfang und seine Grenze. Weil Christus an der Seite der Mühseli-
gen und Beladenen steht – deswegen ist es auch unsere Pflicht. Weil er sagt: „Frieden gebe ich euch!“
ist es unsere Aufgabe, dem Frieden nachzujagen und das Friedensdienliche zu tun.
Wo die gesellschaftlichen Herausforderungen und meine eigene Auffassung aber in eins gesetzt werden
mit der Botschaft, die wir zu sagen haben, da gibt es sogar in protestantischen Kreisen die Gefahr, wie
einst im Mittelalter die Gesellschaft zu klerikalisieren. Die Worte Karl Barths lassen sich hören als wären
sie für heute geschrieben: „Lasst uns eine neue Kirche errichten mit demokratischen Allüren und sozialis-
tischem Einschlag! Lasst uns Gemeindehäuser bauen, Jugendpflege treiben, Diskussionsabende und mu-
sikalische Andachten veranstalten! Lasst uns heruntersteigen vom hohen Kothurn der Theologen und da-
für die Laien hinauf auf die Kanzel! Lasst uns mit neuer Begeisterung den alten Weg gehen, der mit dem
Liebespietismus der inneren Mission beginnt und mit tödlicher Sicherheit mit dem Liberalismus
Naumanns endigen wird. Vielleicht dass wir über all den neuen oder wenigstens uns jetzt neuen Lappen
vergessen können, dass das alte Kleid immer noch das alte Kleid ist. Gewiss werden wir gerade diesen
Versuch ablehnen als den gefährlichsten Verrat an der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft wird um die
Hilfe Gottes, die wir doch eigentlich meinen, betrogen, wenn wir es nun nicht ganz neu lernen wollen, auf
Gott zu warten, sondern uns statt dessen aufs neue eifrig an den Bau unserer Kirchen und Kirchlein ma-
chen.“6
Das alles bedeutet nun gerade nicht, dass Kirche lau und von allen konkreten gesellschaftlichen Heraus-
forderungen fern sein soll. Aber wie wir sagen, was zu sagen ist, und in welcher Haltung wir uns dem Nö-
tigen und den Bedürftigen zuwenden – das macht einen Unterschied.
4 Barth, Tambacher Vortrag, 3f.
5 A.a.O., 4.
6 A.a.O., 8.
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Eine Kirche und eine Kirchenleitung, die sich anmaßt, im eigenen Interesse Urteil zu sprechen – die ver-
sagt und fällt Fehlurteile wie das gegen Erwin Eckert und später auch gegen Pfarrer Kappes.
Von Christus her sind wir gezogen dorthin, wo es finster und zerbrechlich ist. Wir sind aber auch zu radi-
kaler und unbequemer Selbstkritik gerufen. Und zur Demut. Das ist und bleibt ein Stachel auch für das
öffentlich hörbare Eintreten für die besten Ziele.
Wir sind noch längst nicht angekommen – und wir haben die Wahrheit nicht in den Händen. Aber wir
bleiben auf dem Weg der Gerechtigkeit. Dabei haben wir als Refrain die Bitte und Vision im Ohr und im
Herzen: Dein Reich komme, Gott. Dein Reich komme!
Und über allem und trotz allem trägt uns der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er be-
wahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
100 Jahre BRSD, Jubiläum, Meersburg, Prof. Dr. Heike Springhart, Schloßkirche Meersburg