Kloos, Dominic: Gesellschaftskritik und Theologie. Versuche aus den Studienjahren in Koblenz und Vallendar, AJZ-Verlag Bielefeld 2025, 212 S.
Zehn „Versuche aus den Studienjahren in Koblenz und Vallendar“ “ hat Dominic Kloos, Geschäftsführer des Ökumenischen Netzes Rhein Mosel Saar, unter dem Titel „Gesellschaftskritik und Theologie“ veröffentlicht und damit präzise den theo-politischen Kontext seiner neuesten Veröffentlichung benannt. Die Themenpalette dieser „Versuche“, entstanden im Rahmen seines berufsbegleitenden Studiums der Theologie in den Jahren 2017 bis 2024, umfasst Einzelbereiche fast aller theologischen Fächer; entstanden aus Studienaufgaben, aber für diese Veröffentlichung „zugeschnitten“ und „ausgeweitet“ (vgl. 8). Der Umfang der Beiträge ist sehr unterschiedlich; herausragen(d) die Texte „Neuer Exodus und neue Landnahme. Eine theologische Reflexion der paradoxen Singularität des Staates Israel“ (10-41), „Der heilige Josef. Seine Verehrung und das arbeitsame Patriarchat der Neuzeit“ (81-112), „Ohne Kapitalismuskritik kein Heil? Götzenkritik kontextuell: Unterscheidung zwischen Gott und Götzen als roter Faden der ‚Großen Erzählung‘“ (127-148; eine erweiterte Fassung in Zusammenarbeit mit Herbert Böttcher erschien bereits 2024 in „Christ und Sozialist“), „Keine Nebensächlichkeiten: Frauen als Priesterinnen! Ein Beitrag zum Amtsverständnis und zur Gottesdienstqualität“ (149-188) sowie „Sterben im Kapitalismus: Auferweckungshoffnung und Reinkarnationsglaube als Hilfen zur Bewältigung?“ (189–212). Alle Beiträge sind alleine schon aufgrund ihres Entstehungskontextes hilfreich für Studierende der Theologie – nicht zuletzt auch durch die ausführlichen Anmerkungen und das jeweilige umfangreiche Literaturverzeichnis, welche bei allen Lesenden Lust auf vertiefende Eigenstudien machen. Gerade die Anmerkungen wecken vielfach diese Neugier, da Kloos in ihnen vorbildlich auch einzelne Veränderungen seiner Sichtweisen zur früheren (Entstehungs-)Phasen seiner Darlegungen/Argumentation darlegt!
Die Vielfalt der Beiträge und der inhaltlichen Überlegungen schenkt beim Lesen darüber hinaus immer wieder prinzipielle Einsichten und Grundlagen für das eigene „Theologietreiben“. An erster Stelle ist hier das Grundanliegen des Sammelbandes zu nennen, der Aufweis, dass theologisches Nachdenken und Theologie als Rede von Gott prinzipiell auf die „Fremdprophetie“ (E.Schillebeeckx) einer kritischen Gesellschaftstheorie angewiesen ist. Aber auch viele weitere Aspekte, die für jedes theologische Denken/jede Theologie eine unabdingbare Vertiefung mit sich bringen, werden von D. Kloos aufgezeigt, so: „Angesichts der gegenwärtigen globalen Leiden von Gott zu reden, verbindet die Frage nach Gott mit der Frage nach der Form der kapitalistischen Gesellschaft.“ (31) und „Jede pastoralpsychologische [und theologische, Anm.d.R.] Deutung, die Menschen auf ihr individuelles Dasein reduziert und sie nicht in einem dialektischen Zusammenhang als gesellschaftliche Individuen versteht, reproduziert die der (Spät-)Postmoderne inhärente atomistische Individualisierungstendenz und untergräbt das, was sie will, nämlich heilsames Handeln und Reflektieren,…“ (45)
Wenn auch als Hin- oder Einführung in ein kritisches Theologiestudium hoch interessant und gut nutzbar, steht im Mittelpunkt aller Beiträge des Sammelbandes eindringlich die deutliche Herausarbeitung der unerlässlichen Verwiesenheit einer glaubwürdigen Gottesrede heute – auf den Spuren der Neuen Politischen Theologie von J.B. Metz sowie von bestimmten Befreiungstheologien – auf den Dialog mit kritischer Gesellschaftstheorie. Dies bedeutet zunächst konkret: Aufnahme der emanzipatorischen Traditionen der Bibel (Exodus, Gottesreichbotschaft, Götzenkritik) für eine „zeitgemäße“ theologische und kirchliche Rede von Gott in den multiplen Krisen der Gegenwart mit ihrer zunehmenden Zerstörung ökologischer und sozialer Lebensgrundlagen (zerfallenden Staaten, Krieg, Flucht, Migration), denn nur so wird „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ (Metz) ernst genommen (vgl. 7). Und „da die biblische Botschaft nicht ‚zeitlos‘, sondern mit geschichtlich-gesellschaftlichen Kontexten verbunden ist, bleibt die Theologie darauf angewiesen, von der Empfindsamkeit für das, was Menschen zu erleiden haben, sich ein angemessenes Verständnis gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse zu erarbeiten.“ (166) Von daher ist für die theologische Reflexion und für eine wirksame Verkündigung der biblischen Befreiungsbotschaft prinzipiell eine „Reflexion des Evangeliums mit ‚Zeitindex‘“ notwendig, d.h. aber konkret der Dialog mit kritischer Gesellschaftsanalyse.
Zentraler „Dialogpartner“ ist dabei für Dominic Kloos die von Robert Kurz und Roswitha Scholz entwickelte Kritik der Wert-Abspaltung als Reflexion gesellschaftlicher Totalität. In diesem Versuch, die gegenwärtige kapitalistische Krise/ngesellschaft theoretisch zu fassen, wird der Kapitalismus bzw. seine konkrete Totalität bestimmt als Prozess der Kapitalakkumulation (bestehend aus der Verausgabung von Arbeit in der Produktion sowie der Zirkulation von Waren auf dem Markt) mit dem Ziel der Kapitalvermehrung. Ist die Warenproduktion dabei ursprünglich männlich konnotiert tritt von Anfang an auch die weiblich konnotierte Reproduktion hinzu. Der Kapitalismus ist somit die Gesellschaftsform des (real-)abstrakten, irrationalen Selbstzwecks der Geldvermehrung um ihrer selbst willen und seiner abgespaltenen Momente. (vgl. 88f., Anm. 3) Doch dieser scheinbar unendliche und unaufhaltsame Verwertungsprozess gerät gegenwärtig immer deutlicher an seine inneren und äußeren Grenzen: Der Kapitalismus ist dabei, seine eigenen Grundlagen und fortschreitend die Grundlagen allen menschlichen Lebens zu zerstören. Damit wird seine Überwindung zur Überlebensfrage. (vgl. 54)
„Unter der Voraussetzung, dass diese Überwindung gewollt wird, wäre nach praktischen Wegen seiner Überwindung zu fragen. Theologisch ist damit die Nähe zwischen Fetischismusanalyse (i.S.d. Wert-Abspaltung-Kritik, Anm. d. R.) und der Unterscheidung zwischen Gott und Götzen ebenso angesprochen wie die prophetisch-apokalyptischen Traditionen, die auf dem Ende von Herrschaft und Gewalt in der Geschichte und über die Geschichte hinaus bestehen.“ (54) In diesem Sinne versuchen die einzelnen Texte von Kloos immer wieder, das subversive Gottesgedächtnis der biblischen Schriften und die Erinnerung an den Messias Jesus mit zentralen Einsichten kritischer Gesellschaftstheorie, konkret der Kritik von Wert und Abspaltung, zu vermitteln. (vgl. 8)
Die zentrale Aufgabe, den Strom der Befreiung, den die biblischen Traditionen bewahren, in einer leid- und zeitempfindlichen Theologie für die Rede von Gott angesichts der Opfer der finalen Krise des Kapitalismus aus zu buchstabieren, verlangt dabei neben dem Aufzeigen des Götzencharakters des Kapitalismus durch säkulare „Reflexion auf den Fetischcharakter der kapitalistischen Vergesellschaftung“ (141) auch immer wieder grundlegend ein Aufsprengen der immer mehr erdrückend wahrnehmbaren Herrschaftszusammenhänge der geschlossenen Immanenz des Kapitalismus durch „Unterbrechung“ (W. Benjamin, J.B. Metz). Der originäre Ort für D. Kloos, an dem die Inhalte des Gottesnamens als gefährliche Erinnerung (Metz) theologisch und gesellschaftskritisch als „Unterbrechung“ zur Geltung gebracht werden müssen, „ist die Kirche“ (142). Eine ihrer zentralen Aufgaben wäre deshalb „unter den heutigen katastrophischen Fetischverhältnissen das Glaubensbekenntnis im Blick auf ‚Ich widersage‘ und ‚Ich glaube‘ aktualisiert durchzubuchstabieren. Welchen Götzen widersage ich, wenn ich an Gott glaube. Und was glaube und worauf hoffe ich, wenn ich den Glauben an Gott im Gegensatz zur Unterwerfung unter Götzen formuliere?“ (142)
Insgesamt zeigen die Beiträge des Sammelbandes auf vielfältige Weise im Dialog mit kategorialer Kapitalismuskritik eindrücklich, wie theo-logisch produktiv eine Vermittlung zwischen den gefährlichen Erinnerungen der Bibel (Exodus, Götzenkritik, Tod und Auferweckung Jesu) und zentralen Einsichten der Theorie der Wert-Abspaltung von R. Kurz und R. Scholz ausfallen kann. Dabei wird den Leserinnen und Leser immer wieder (ver-)deutlich(t), welche große Bedeutung das Erinnern sowie das theologische und gesellschaftskritische Zur-Geltung-bringen der Inhalte des Gottesnamen für die Suche nach Befreiung aus der geschlossenen Immanenz des Kapitalismus (des pragmatischen Immer-weiter-so) und der Geschichte haben – „und das nicht abstrakt in zeitlosen Wahrheiten, sondern mit Zeitvermerk, in kritischer Reflexion der aktuellen Verhältnisse und des damit verbundenen Leids“ (141).
Gottesgedächtnis als unterbrechender Einspruch gegen eine geschlossene, zweifach bestehende Immanenz – zum einen gegen die des kapitalistischen Fetischzusammenhangs und seiner Zerstörungspotentiale, zum anderen gegen die Immanenz der Geschichte als „Siegergeschichte, die erinnerungslos über die Opfer hinweg walzt – sprengt beide Formen der Abgeschlossenheit auf. Denn der Gottesname (wie er sich in den gefährlichen Erinnerungen der Bibel offenbart, transzendiert „gewissermaßen als doppelte Transzendierung (…) (H.Böttcher) – Geschichte und Schöpfung als ganzes, in der Hoffnung, das alle Opfer der Geschichte bei ihm Gerechtigkeit erlangen.“ (142)
Gerade in der heutigen Zeit, in der für viele Menschen ein „Außerhalb“ des Kapitalismus unvorstellbar ist und sein tödliche Zwangscharakter vielfach übersehen wird, wirkt das Buch von Dominic Kloos – durchaus in der Tradition der Veröffentlichungen und der Arbeit des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar – aus der Zeit gefallen. Im Widerstand gegen die immer deutlicher zutage tretender Zerstörungspotentiale der kapitalistischen Vergesellschaftung und der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Situation ist es aber – gerade, weil es aus der Zeit fällt! – ein vielfach inspirierender Beitrag zur fetischismuskritischen Wende der Theologie, der mittels Götzenkritik mit Zeitindex (vgl. zentral: 135-143) die angebliche Alternativlosigkeit von Herrschaft und (Selbst-)Unterwerfung der Lüge überführt und erste Schritte einer Suche nach Wegen der Befreiung aufzeigt.
P.S. Das Buch kostet 18,30 €; Käuferinnen und Käufer des Buches unterstützen mit dreißig Prozent des Verkaufspreises die wichtige Arbeit des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar.
Johannes Michael Helsper