
Reinhard Gaede: Rote Hefte. Die Wiederbelebung des Bundes der Religiösen Sozialist(inn)en seit 1977 (Teil I: 1977 – 1998)
Auf dem „Theo-Ball“, einem Fest der Student(inn)en an der Kirchlichen Hochschule Bethel in Bielefeld, trafen Ingelore, meine Ehefrau, und ich das Ehepaar Walter und Joan Grudszus. Walter war Sportstudent und Anglist, Joan kam aus Schottland und studierte Theologie.
Sie erzählten uns, sie gehörten zur Gruppe der Religiösen Sozialist(inn)en (RESOS) in Bochum. Wir waren sehr erstaunt. Die Bewegung kannten wir aus der Geschichte der Weimarer Republik. Die RESOS hatten die Demokratie und die christliche Botschaft verteidigt gegen die Nationalsozialisten. „Christentum und Faschismus sind unvereinbar“ lautete der im November 1930 gedruckte Aufruf der religiös-sozialistischen Internationale. Der Faschismus wird darin entlarvt als fanatische “Religion völkischer und rassischer Selbstvergottung”. Das Kreuz als “Sinnbild der vergebenden und rettenden Liebe Gottes” sei verkehrt in das Zeichen “selbstgerechter und hochmütiger Ausschließlichkeit, ja sogar des Hasses und der Gewalt”, das Hakenkreuz.. Neben der ‚Vergottung’ des Staates stehe die Unterdrückung der Gegner des Faschismus mit “Gewalt und Mord”. “Werdet des Abgrunds gewahr !” , hatten sie gerufen. Doch die verblendeten Eliten hatten nicht gehört und den Nazis „Opfermut der nationalistischen Jugend“ zugebilligt ( Theodor Wahl, Chefredakteur des deutschen Pfarrerblattes) Manche Historiker heben hervor, die religiösen Sozialisten seien gescheitert. Dieses Scheitern teilen sie mit den sozialistischen und liberalen Parteien, den Gewerkschaften und den Kirchen. Der Bund wurde 1933 zerschlagen. Führende Mitglieder gingen ins Exil oder wurden in Gefängnis und KZ verschleppt. Bertold Brecht hat recht mit seinem Gedicht aus dem Jahr 1933, in dem es heißt: “Unsere Niederlagen nämlich beweisen nichts, als dass wir zu wenige sind, die gegen die Gemeinheit kämpfen. Und von den Zuschauern erwarten wir,/ daß sie wenigstens beschämt sind.“
Die Begegnung mit dem jungen Ehepaar erinnerte mich an meine Dissertation „Kirche – Christen – Krieg und Frieden“ über die Weimarer Zeit. Als Assistent in der Systematischen Theologie bei Prof. Dr. Wolfgang Schweizer und Studentenpfarrer (m.d.V.b.) hatte ich die üblichen Kleinkreise der „Evangelischen Studentengemeinde“ gründen können. In einigen Aufsätzen hatte ich die religiösen Sozialisten als Säule der Friedensbewegung, als Verteidiger der Demokratie, als Kämpfer gegen Nationalismus und Faschismus, als Anwälte der Armen, als Theologen des Gottesreiches und ökumenisch gesinnte Christen gewürdigt. Auch hatte ich Gelegenheit, die Theologie der religiösen Sozialisten an der Kirchlichen Hochschule vorzustellen. Während ich das Studentenpfarramt „verwaltete” und die ESG Bethel gründete, gab es bei uns die „Gastgruppe 1″, später den „Initiativkreis Christentum und Sozialismus“. In der Systematischen Theologie hatte ich unter anderem auch solche Proseminare und Übungen angeboten: „Ethik und Eschatologie bei Leonhard Ragaz“, Ausgewählte „Texte zum Dialog Marxismus-Christentum“, „Atheismus als Anfrage an die Theologie“, „Liebe, Macht, Gerechtigkeit nach Paul Tillich“. Die Frage war, wie lange würden solche Impulse wirken? Dissertationen können in Magazinen verstauben. Die Kämpfer(innen) für Frieden und Gerechtigkeit, für kurze Zeit wiederentdeckt, könnten bald wieder vergessen sein. Oder im Zitaten-Schatz der Breviere als harmlose Fromme eingeordnet werden. Wie kann ihr Vermächtnis bewahrt werden und für die Gegenwart fruchtbar bleiben?
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Am 26.8.1975 trat ich der „Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus. Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands, E.V” bei. Ich erhielt eine grüne Bundessatzung, Unterschriften: Schleich, geschäftsführender Präsident, Else Martin, Bundessekretär (sic!). Der Mitgliederbeitrag betrug 6 DM. Die Mitgliederzeitschrift der Gemeinschaft hatte eine hell-, bisweilen dunkelgelbe Farbe. Von Heinz Röhr, Prof. in Frankfurt, Präsidiumsmitglied und Else Martin, Bundessekretärin, erhielt ich die meisten noch lieferbaren Hefte. Sie begannen 1948 als Sonntagsblatt für Religiöse und Gesellschaftliche Erneuerung des arbeitenden Volkes (so der alte Titel, in Kreuzform ergänzt). Die Bewegung nannte sich zuerst „Arbeitsgemeinschaft für Christentum und Sozialismus”. Der Name des Bundes war in Klammern gesetzt. Den Leitartikel hatte Eberhard Lempp geschrieben. Er zeichnete auch als verantwortlicher Redakteur.
Die Organisation hatte sich während einer Zusammenkunft der Arbeitsgemeinschaften vom 1.- 3. Juni 1948 in Kassel gebildet. Im Jahr 1949 erhielt sie den Titel „Christ und Sozialist”. Seit dem Heft 9/10 1950 fungierte als Schriftleiter und Herausgeber Heinrich Schleich, ein Jurist und Regierungsdirektor. Die Zeitschrift enthielt viele Andachten, historische und theologische Vorträge. Aktuelle politische Beiträge waren selten. Höchstens gaben die Bundesnachrichten Hinweise auf die Öffentlichkeitsarbeit in den Regionen.
Seit 1951 gab es eine Debatte um Emil Fuchs, der nach Leipzig übergesiedelt war und von H. Schleich kritisiert wurde, was zu Streitgesprächen mit Eberhard Lempp führte. Im Übrigen wurde der West-Integration Deutschlands das Wort geredet, Jusos und andere Linke in der SPD kritisiert, natürlich auch Willy Brandt.
Im April 1976 erhielt ich eine Einladung der Männerarbeit der Ev. Kirche von Westfalen, Bez. Minden-Ravensberg, in die Bildungsstätte Haus Reineberg, Thema „Kann ein Christ Kommunist sein?” Aurel von Jüchen, einer der ältesten noch aktiven religiösen Sozialisten, hatte abgesagt und mich empfohlen. Neben einem Vortrag über das Menschenbild bei Marx und Lenin und einer Predigt über Offb. 5 hielt ich einen Vortrag „Religiöser Sozialismus. Christliche Theorie und Praxis im Zeitalter des Massenelends und zweier Weltkriege”. Ich habe ihn im Bochumer Kohlenkeller im November 1976 wiederholt (gedruckt CuS 2/1977). Meine Begleiterin in Reineberg, Antje Vollmer, war der Meinung, dass man die gelben Hefte trotz ihres schönen Titels nicht verteilen könnte. Ich tat es mit schlechtem Gewissen unter Hinweis auf die Tradition.
Dass eine kleine Schar älterer Menschen im Bund der Religiösen Sozialisten noch übrig sei, hatte mir früher mein Mentor und Freund Günter Brakelmann, Prof. für Sozialethik, erzählt Also gab es doch ganz in der Nähe eine Schar junger Leute, die das Erbe des Religiösen Sozialismus weiter tragen wollten. Ich entschloss mich, sie kennen zu lernen. Am 28. Juni 1975 fuhr ich nach Bochum. Ich wohnte bei Georg Humbert, einem Freund von Walter Grudszus. Georg hütete einen Schatz: Das Rote Blatt der Katholischen Sozialisten (Hg. Otto Bauer, Heinrich Mertens) 1929-1931. Es war 1972 im Verlag Detlev Auvermann, Glashütten im Raubdruck erschienen. Georg war Theologe und Psychologe. Seine Forschungsergebnisse wurden später im Katholizismus-Heft (CuS 2/84) in verkürzter Form gedruckt. Was ich in Bochum sah, ist auch in einer kleinen Schrift von Günter Ewald beschrieben (Achtung Pietkong. Im Dickicht einer Hochschule – Gemeinde im Kohlenkeller, Bochum 1972). Ein Keller, eine Bar aus Kisten und Brettern gezimmert, ein Tisch, bestehend aus dem Unterbau eines rechten „Grubenhundes”, einer Kippe mit frisch geförderter Kohle und einer Glasplatte obendrauf, Schienen und Schwellen, ein Abbau-Hammer. Günter Ewald, Prof. für Mathematik, engagierter Christ, hatte ein Kontakt-Zentrum für Student(innen) eingerichtet, die sich in der Anonymität des Massenbetriebs der Universität und in den mächtigen Betonbauten einsam fühlten. Ein ökumenischer Kreis von aktiven Mitarbeiterinnen widmete sich ihnen. Wissenschaftliche Vorträge, Freizeiten, Gespräche über theologische und politische Fragen wechselten sich ab.
Bei meinen Besuchen im Bochum lernte ich einen kleinen Kreis von besonders Aktiven kennen. Ihre christliche Orientierung, verbunden mit politischem Engagement, beeindruckte mich. Rasch erfuhr ich die Geschichte dieses Kreises, die ebenfalls Günter Ewald beschrieben hat (Religiöser Sozialismus, Kohlhammer-Urban Tb 632, 1977). Im Sommer 1972 fiel ihnen ein Buch von Leonhard Ragaz in die Hände „Von Christus zu Marx – von Marx zu Christus”, zuerst aufgelegt von Johannes Harder 1929. Über weitere religös-sozialistische Literatur fanden sie den Einstieg in die Hochschulpolitik. Günter Ewald selbst wirkte als Rektor von 1973 bis 1975 an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1975 bis 1989 war er Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages. In seinem „Kohlenkeller“ versammelten sich Student(inn)en, die wegen ihrer pietistischen Orientierung den Spitznamen “Pietkong“ hatten. Ihnen waren Schriften von Leonhard Ragaz (1868-1945) in die Hände gefallen. Von Christus zu Marx – von Marx zu Christus. Ein Beitrag. Harder, Wernigerode 1929, Die Gleichnisse Jesu. Herbert Lang, Bern 1944. Die Bergpredigt Jesu. Herbert Lang, Bern 1945. Im Furche-Verlag waren die Schriften als kleine Taschenbüchlein neu gedruckt, zugänglich. Ebenso Schriften von Christoph Blumhardt (1842-1919), neu gedruckt im Jugenddienstverlag 1972 „Worte des evangelischen Pfarrers und Landtagsabgeordneten Christoph Blumhardt. Mitgeteilt von Johannes Harder“. Die Schriften begeisterten sie, und sie hielten diese für eine gute Grundlage für politische und ethische Statements.
Am 18. Juni 1977 trafen wir uns auf der Höhe vor Frankfurt: Student(inn)en aus Bethel; mit mir, Ingelore, meiner Frau, Student (inn)en aus Bielefeld mit Jürgen Finnern, Studentenpfarrer, und Dr. Siegfried Katterle, Prof. für Wirtschaftswissenschaften (1933-2019) und Mitglieder der Bochumer Gruppe mit Prof. Dr. Günter Ewald. Auch Joachim Schütz war hinzugekommen und berichtete, dass Heinrich Schleich eine Reihe seiner Angestellten, auch Mitglieder der CDU, als Mitglieder der Bundes der Religiösen Sozialisten aufgenommen hatte. Ca. 15 h begann die Mitgliederversammlung im Heinrich-Schleich-Haus in Frankfurt-Fechenheim. Als Geschäftsführender Präsident hatte Heinrich Schleich in CuS 2/1977, versandt am 1.6.1977, eingeladen. Beleuchtet stand er am Mikrophon und verlas zunächst Namen derer, die als Ehrenmitglieder des Bundes ernannt werden sollten.
Aus dem Internationalen Bund: Bertil Svenson, Christine Ragaz, Adrian van Biemen, Jens Addams, aus dem deutschen Bund: Heinz Kappes, Ludwig Metzger, Willi Huth, Karl Delorme, Tassilo Troescher, Emil Blum, Martha Herpel, Käthe Schenkel, Else Martin, Hermann Bachmann. Mit Applaus wurde zugestimmt. Achim Hohnbein schlug vor, einen Sitzungsleiter zu wählen. Siegfried Katterle wurde vorgeschlagen und von der Mehrzahl der Anwesenden gewählt. Dann schlug ich vor, die Tagesordnung zu ergänzen und darüber abzustimmen. Dem widersprach Heinrich Schleich: Eine Tagesordnung liege schon vor, sie könne nicht geändert werden. Er drohte mit seinem Hausrecht. Er könne der Versammlung Hausverbot erteilen sowie per einstweiliger Verfügung einem neu gewählten Präsidium verbieten, Schritte zu unternehmen. Dem wurde entgegengehalten; er selbst habe ja die Tagesordnung geändert, indem der die Ehrung alter Mitglieder an den Anfang gestellt habe. Im Übrigen sei nach § 5, IV die Mitgliederversammlung oberstes Bundesorgan und könne ihre Tagesordnung ergänzen. Über Punkte einer neuen Tagesordnung wurde jeweils abgestimmt. Als Protokollführer wurde J. Schütz vorgeschlagen und einstimmig gewählt. 41 Personen im Raum, durch Mitgliedsbuch ausgewiesen, galten als stimmberechnet. Einen Geschäftsbericht verweigerte Heinrich Schleich. Einen Kassenbericht über die Zeit vom 1.1.1976 – 25.2.1977 legte J. Schütz vor, ein Abschluss sei nicht möglich gewesen, da noch nicht alle Überweisungen eingegangen seien. Kassenprüfer K. Herzog teilte mit, die Kasse habe er bis zum 31.12.1975 überprüft. Günter Ewald beantragte, das Präsidium unter Vorbehalt bis zum 25.2.1977 zu entlasten und K. Herzog erneut als Kassenprüfer zu bestätigen, der dann auf der nächsten Mitgliederversammlung einen Prüfbericht bis zum 18.6.1977 vorzulegen habe. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Sitzungsleiter S. Katterle befragte den Geschäftsführenden Präsidenten H. Schleich noch einmal, warum er den Geschäftsbericht nicht erstatten wolle. H. Scheich erklärte, die Mitglieder hätten nicht rechtskräftig verfahren und er verweigerte deshalb die Mitarbeit. Es wurde festgestellt, nach der Satzung müsse das geschäftsführende Präsidium neu gewählt werden, da die Amtszeit des alten Präsidiums abgelaufen sei.
Vorschläge
- für den Geschäftsführenden Präsidenten:: G. Ewald, H. Knetsch, S. Katterle, H. Schleich, H. Röhr. Aber nur G. Ewald wollte kandidieren.
- -für den stellvertretenden Präsidenten: H. Röhr, H. Knetsch. Kandidieren wollte nur H. Knetsch
- für den Bundessekretär: J. Finnern
- für die Stellvertrende Bundessekretärin Else Martin
- für den Bundeskassierer: S. Katterle
- für den Stellvertretender Bundeskassierer : G. Humbert
Als Wahlvorstand wurden Else Martin und Joachim Schütz ernannt.
Wahlergebnis:
Geschäftsführender Präsident: G. Ewald
27 Ja -Stimmen
13 Enthaltungen
1 ungültig
Stellvertretender Präsident H. Knetsch
30 Ja-Stimmen
1 Nein-Stimme
10 Enthaltungen
Bundessekretär: J. Finnern
30 Ja-Stimmen
1 Nein-Stimme
9 Enthaltungen
1 ungültig
Stellvertretende Bundessekretärin: Else Martin
30 Ja- Stimmen
11 Enthaltungen
Bundeskassierer: S. Katterle
31 Ja- Stimmen
10 Enthaltungen
Stellvertretender Bundeskassierer: Georg Humbert
29 Ja-Stimmen
12 Enthaltungen
Alle gewählten Mitglieder nahmen die Wahl an.
Im Namen der Versammlung dankte ich dem bisherigen Geschäftsführenden Präsidenten und stellte den Antrag, ihn zu Ehrenpräsidenten zu ernennen.
H. Schleich lehnte diesen Antrag ab und wollte dieses Angebot nicht annehmen. Heinrich Knetsch sprach für die Frankfurter Gruppe, dankte ihm für seine Leitung der Gruppe und des Bundes. Satzungsgemäß waren noch 2 Beisitzer des Präsidiums zu wählen. Vorgeschlagen wurden: Christel. Beilmann, Ludwig. Delhees, Gerrit Funke und Joachim. Schütz .
In geheimer Wahl wurde so gestimmt
C. Beilmann 23 Simmen
l. Deelhees 12 Stimmen
G. Funke 9 Stimmen
J. Schütz 18 Stimmen, Damit galten C. Beilmann und J. Schütz als Beisitzende gewählt. Beide nahmen die Wahl an.
Eine Zeitlang war der Bund beim Amtsgericht nicht mehr als eingetragener Verein geführt.
H. Schleich erklärte, viele Mitglieder hätten gemeint, die Aufgabe des Bundes sei indirekt erfüllt .Es sei gut möglich, als Christ in der Sozialdemokratie tätig zu sein und auch als Sozialdemokrat in der Kirche anerkannt zu sein. G. Ewald stellte dann den Antrag den Bund als e.V. beim Amtsgericht Frankfurt wieder eintragen zu lassen. Diese Mitgliederversammlung sollte dann als Gründungsversammlung nach dem Vereinsrecht des BGB gelten. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
Es wurde gefragt, ob der Verlag bei H. Schleich verbleiben könnte. Dazu erklärte dieser, der neu entstandene Bund sei rechtswidrig entstanden. Von ihm nehme er keine Aufträge an.
Joachim Schütz schlug vor, H. Schleich noch einmal zu danken für finanzielle Opfer, um Hefte regelmäßig herauszugeben. Die Anwesenden applaudierten zustimmend. H. Schleich erklärte, Bezugsgelder für 1977 habe er erhalten. Auf Wunsch der Abonnenten werde er noch 2 Hefte des Jahrgangs 1977 herausgeben, aber nur, wenn er mit in den Redaktionskreis aufgenommen werde. Auf Antrag von G. Ewald wurde ein Redaktionsstab gewählt, S. Katterle als verantwortlicher Redakteur gewählt, H.Schleich könne als Mitglied des Redaktionskreis noch 2 Hefte des Jahrgangs 1977 verlegen, CuS solle über 1977 hinaus weitergeführt werden. H. Knetsch schlug vor, die Möglichkeit der Briefwahl in die Satzung aufzunehmen. K: Herzog erklärte, nur bis zu 18.6.1977 könne er als Revisor tätig sein. Für die nächsten 3 Jahre müsse ein neuer Revisor gewählt werden. Dafür wird P. Massalsky vorgeschlagen. Der erklärt sich bereit, wenn eine laufende Zusammenabeit mit dem Kassierer möglich sei. Das wird ihm zugesichert. Er wird winstimmig gewählt.. W. Hartmann dankt S. Katterle für die gute Führung durch die Tagesordnung. Die Sitzung endete um 17.15 h.
Die Versuche, H. Schleich durch Dank und Ehrenbezeugung zur Mitwirkung zu gewinnen, blieben erfolglos. Zusammen mit Angestellten seines Hauses gründete er einen Verein „Christ und Sozialist – Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands“ und meldete ihn beim Amtsgericht Frankfurt an. Unser Präsidium forderte ihn daraufhin auf, von diesem Versuch zur Spaltung des Bundes Abstand zu nehmen, gab ihm Gelegenheit zur persönlichen Äußerung nach § 4 der Satzung. Als er diese Gelegenheit nicht wahrnahm, wurde er von der Mitarbeit bei CuS ausgeschlossen und der Auftrag, noch 2 Hefte zu verlegen, gekündigt. Der in Rechtstreitigkeiten versierte Regierungsdirektor verklagte unsern Bund, verlor aber den Prozess. Das Gericht hatte festgestellt, dass die Mitgliederversammlung vom 18.6.1977 rechtmäßig verlaufen ist und das dort gewählte Präsidium ordnungsgemäß gewählt ist, auch dass unser Bund rechtmäßiger Inhaber und Eigentümer der seit 1949 erschienenen Zeitschrift Christ und Sozialist ist. Leider legte Heinrich Schleich gegen dieses Urteil Widerspruch ein, gab auch die Bundeskasse nicht heraus, so dass die roten Hefte mit Hilfe von Spenden der Mitglieder bezahlt werden mussten. Durch einen Vergleich wurde am 11.12.1979 schließlich der Rechtsstreit, der besonders die älteren Mitglieder bekümmert hatte, beendet. Bis zu seinem Lebensende durfte H. Schleich ebenfalls unter dem Namen ‚Christ und Sozialist’ seine Zeitschrift herausgeben, mit gelbem Umschlag und schwarzer Schrift. Die Kosten der 1. Instanz musste er tragen, die der zweiten wurden gegeneinander aufgehoben.
Die Trennung des Bundes von ihm war unvermeidlich geworden. Denn unser Vorstand hatte schon im Januar 1977 kritisiert, dass bei ihm die Solidarität mit den Unterdrückten im Kampf für soziale Gerechtigkeit fehle, er die NPD-nahe „Notgemeinschft evangelische Deutscher“ unterstützt, für das rechtsradikale „Robuch Kirche“ geworben und ständig die Jusos angegriffen hatte. Dass der Hochbetagte Reg.Direktor sich selbst als Sozialist verstand, hatten wir nicht bestritten. Nur wollten wir nicht zulassen, dass er als Präsident den Bund mit ins Grab nahm,
Zu Besuch bei den Schwedischen Religiösen Sozialisten
Vom 4.-8. August 1976 besuchten Ingelore und ich den Kongress der Sveriges Kristna Socialdemokraters Förbund – Broderskapsrörelsen in Skövde. Filip Wärnsberg, der Generalsekretär des schwedischen Bundes, hatte die Einladung an Heinz Röhr geschickt, und Else Martin hatte Heinrich Schleich zugeredet, meine Entsendung zu tolerieren. Die Reise war ein beeindruckendes Erlebnis. Wir lernten ein Land kennen, dem anders als Deutschland die Zerstörungsperiode von Faschismus und Krieg erspart geblieben war; Traditionen hatten sich ohne Bruch weiterentwickelt. Das sah man schon beim Anblick der Stadt und Dörfer. Religiöser Sozialismus war hier nicht eine Angelegenheit eines Häufleins der 60 Aufrechten oder einer wagemutigen Studentinnengruppe. Die Gruppe Uppsala allein war größer als der ganze deutsche Bund. Der Kongress arbeitete wie ein großes Parlament. Jede Region hatte Delegierte entsandt. Jede Region hatte Kontakt zu Gewerkschaft und Sozialdemokraten. Die Beschlüsse waren durch Studien zu den wichtigsten politischen Fragen vorbereitet, genauer dann durch Anträge, und wurden nach der Abstimmung mit Hammerschlag des Vorsitzenden bekräftigt. Alte Fahnen der Ortsgruppen waren zu sehen. Der Bund war 1929 gegründet worden und inzwischen auf 10.000 Mitglieder angewachsen. Evert Svensson war Präsident. Er engagierte sich sehr für den Frieden in Nahost. Viele Gäste kamen aus Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Olof Palme, Ministerpräsident, war auch da. Für kühne Vorstöße in der Außenpolitik z.B. gegen das Apartheidsregime in Südafrika nutzte er das Forum des Bundes, der auf dem linken Flügel der Sozialdemokratie agierte. Auch eine Demonstration gehörte zum Kongress. Mit dem klingenden Spiel einer Kapelle zogen die Mitglieder durch die Straßen des Städtchens, Olof Palme an der Spitze. Wir hatten die Ehre, ihn einmal beim Frühstück kennen zu lernen. Die Delegierten sangen die Internationale. Aber auch zu Gottesdiensten luden sie ein. Pfarrer und Politiker waren unter ihren Mitgliedern, eine beachtliche Minderheit gehörte zu protestantischen Freikirchen. Wir wurden herzlich empfangen und freundlich begleitet. In dieser Zeit entwickelte sich eine Freundschaft zu Filip Wärnsberg und Asja Granath. Beide sind leider nicht alt geworden. Ministerpräsident Palme wurde Märtyrer für seine christliche und sozialistische Überzeugung. Die Spuren für den bis heute nicht aufgeklärten Mordauftrag scheinen nach Südafrika zu weisen. Die Organisation des schwedischen Bundes schien mir vorbildlich.
Kurswende
Das Programm der ESG Bethel, das mit dem der ESG Bielefeld zusammen herausgegeben wurde, berichtete im SS 1976 über den deutschen und den internationalen Bund. Es zitierte auch den „Vorläufigen Programmentwurf” (später „Vorläufige Leitsätze”) der Bochumer, die bei uns diskutiert wurden. In den Artikeln I.4 über Hoffnung und Handeln mit Zitaten von Ragaz und Tillich und in 11.1 über die Dialektik Christentum und Sozialismus wurden unsere Intentionen aufgehoben. In dieser Zeit lernte ich auch Jürgen und Ursel Finnern ebenso Siegfried und Irene Katterle kennen. Als Studentenpfarrer hatte Jürgen immer der christlich-sozialistischen Tradition Raum gegeben, und Siegfried hatte als Prof. für Volkswirtschaft viel zur Aufklärung über Wirtschaftsethik beigetragen einschließlich der Werke von Eduard Heimann.” Politische Dimensionen des Glaubens. Auf den Spuren von Blumhardt und Ragaz – Vergangenheit und Zukunft des Religiösen Sozialismus” – so hieß die Tagung, die die Bochumer Gruppe vom 10.- 12.9. 1976 in der Europäischen Akademie Haus Lerbach veranstaltete. Johannes Harder referierte über Christoph Blumhardt. Hans-Ulrich Jäger über Leonhard Ragaz und die religiös-soziale Bewegung, Heinz Röhr über Geschichte und Utopie im Religiösen Sozialismus, Klaus Kreppel über Wilhelm Hohoff und die katholischen Sozialisten, Günter Ewald über die pädagogische Revolution, die Relevanz des Ragazschen Denkens für die heutige Bildungspolitik. Ein abschließendes Gespräch bezog sich auf zukünftige Möglichkeiten des Religiösen Sozialismus. Günter Ewald berichtete (Religiöser. Sozialismus, S. 16) Etwa 80 Teilnehmer aus verschiedenen Gegenden der Bundesrepublik kamen, mehr als erwartet; ein größerer Teil Studenten (teilweise aus ESG und SMD), aber auch Berufstätige verschiedener Altersstufen, insbesondere ältere Freunde aus dem Frankfurter Raum. Auch Johannes Rau traf seinen Freund Johannes Harder dort. Die Tagung und das die Vorträge veröffentlichende Buch machten die Quellen und die aktuelle Diskussion bekannt. Ich selbst habe an dieser Tagung nicht teilgenommen. Vor der Ev. Schülerarbeit auf dem Koppelsberg/Plön hatte ich ein Referat übernommen. Wolfgang Deresch hatte mich eingeladen. Er war durch einen Quellenband und Schriften zum Religiösen Sozialismus bekannt geworden.
CuS. Christ und Sozialist
1. Die Anfänge 1977 – 1983
Als “Blätter der “Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus” begann unsere Zeitschrift in neuer Folge.1977. Die ehemalige Zeitschrift, in gelber Farbe von Heinrich Schleich herausgegeben, hatte sich in ein rotes Blatt verwandelt. Sie trug außerdem den Namen des Bundes der Religiösen Sozialisten Deutschlands auf dem Titelblatt, nicht mehr wie früher klein gedruckt auf der ersten Seite. Schleichs Blatt war zuletzt ganz auf reaktionären Kurs gegangen, hatte zuletzt Diktaturen in Südamerika entschuldigt und wollte die jungen hinzugekommenen Mitglieder aus Bochum und Bielefeld hinausdrängen. Die ersten Nummern mussten wir aus eigener Tasche bezahlen. Ein teurer Prozess musste geführt werden, ehe die Übernahme der Zeitschrift anerkannt war. So war der Beginn gekennzeichnet vom Widerspruch gegen die reaktionäre Entartung des Bundes und von der Rückbesinnung auf die Wurzeln im Frühsozialismus, bei Blumhardt und Ragaz und von programmatischer Neuorientierung. Das erste Heft enthielt die Bochumer Leitsätze.
Aber auch andere Autoren, z.B. Wolf Biermann, kamen zu Wort. Damit war klar, dass der Titel dialogisch zu verstehen war: Jeder war eingeladen, mitzureden als Christ and Sozialist zugleich. CuS war von Anfang an ein Forum. Besonderen Reiz brachte die Begegnung. Unsere Ältesten sprachen: Zuerst Marie Hirsch und Aurel von Jüchen mit den Jungen, Protestanten, etwas später auch Katholiken, Theologen und Ökonomen. In CuS 2/1979 schrieb Aurel von Jüchen zum Thema: In welchem Sinne kann ein Christ Marxist sein? Auch ökologische Interessen meldete gleich die zweite Nummer an (Sonnenenergie, Skandal der Atomkraftwerke). Die theologischen Beiträge waren meditativ (Predigten) oder historisch (zum Verhältnis von Christen und Sozialisten in der Vergangenheit). Seit dem ersten Jahr kamen die Schweizer Freunde mit ins Gespräch, auch die schwedischen und österreichischen Freunde. Die Friedensfrage wurde als erstes Thema schwerpunktmäßig behandelt, Kontakte zu Friedens- und ökumenischen Gruppen entstanden… Das Land Nicaragua kam seit 1980 in den Blick. Regelmäßige Spalten widmeten sich Buchberichten, die relativ ausführlich waren, Anregungen deshalb auch unmittelbar weitergaben, ferner den Bundesnachrichten (Tagungsberichte, Resolutionen des Vorstands oder der Gruppen).
In der Auswahl der Themen lag ein Schwergewicht bei Aufsätzen zur Geschichte des Religiösen Sozialismus. Allerdings im Interesse heutiger Fragen. So schrieb Günter Ewald in CuS 2/1982 den Artikel Ragaz’ Pädagogische Revolution – eine Botschaft für unsere Zeit. Dass der Name “Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus“ seit 2/1982 wegfiel, signalisierte zweierlei. Die alten SPD-orientierten Arbeitsgemeinschaften aus der Nachkriegszeit waren ausgestorben, eine Kooperation mit der SPD fehlte fast völlig (sc. in den meisten Gegenden heute noch!). Die Weimarer Tradition war das Fundament für die Identität. – Trotz vieler Impulse aus der Ökonomie, vermittelt durch Siegfried Katterle, konnten Fragen der Wirtschaftsethik m. E. nicht genug in den Vordergrund gestellt werden. Die Zeitschrift ist auf den Dialog von Theologie und Sozialwissenschaften angewiesen. Unseren einzigen Arbeiter von Beruf verloren wir an die Blüm-Leute. Das damalige Defizit besteht heute immer noch. Ich erhalte meinen damaligen Vorschlag aufrecht, ideal wäre: Ein Team von 6 Redakteuren, die Mitglieder des Bundes sind, sollten als Bundesgenossen einen Redakteur einer sozialistischen Betriebszeitung in ihrer Mitte haben.
Die alte Redaktion bestand aus zwei Frauen: Erika Adolphy, Annette Muhr-Nelson und vier Männern, Siegfried Katterle (verantwortlich), Klaus Kreppel, Bruno Schmidt und mir. Zwar hätte das Verhältnis von Theologen und Ökonomen bzw. Sozialwissenschaftlern noch ausgeglichener sein können. Dennoch glaube ich, wir haben uns gut ergänzt. Die Redaktionsarbeit war bestimmt von freundschaftlichem Austausch, lebhaften Diskussionen zu den Beiträgen. Daran erinnere ich mich dankbar. Über Aufnahme von Artikeln wurde gemeinsam entschieden, Verbesserungsvorschläge kamen aus der Runde.
Die äußere Form der Hefte war einfach, das Titelblatt immer gleich bleibend. Allerdings informierte das Inhaltsverzeichnis auf den zweiten Blick übersichtlich. Die Form ermöglichte eine preiswerte Herstellung. Oft hat die Bielefelder Gruppe Hefte in Eigenarbeit zusammengelegt und geheftet. Es hat uns Freude gemacht, so ganzheitlich die Hefte herzustellen.
1981 war das Jahr der Friedensbewegung. Am 10. Okt. fand in Bonn die bisher größte Demonstration in der Bundesrepublik statt. Ca. 300 000 Menschen versammelten sich nach dem Aufruf von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden. Sie forderten den Verzicht auf die Aufstellung neuer Mittelstrecken-Raketen.
CuS 4/1981 enthielt die Ansprachen von Heinrich Albertz (1915-1993), Helmut Gollwitzer (1908-1993) und Erhard Eppler. Heinrich Albertz Rede hatte den Titel: „Wir wollen wissen, was kommt.“ Er stellte die Fragen: „Ist es richtig, dass Krieg heute in Europa die Vernichtung unseres Landes und allen Lebens bedeutet? An die Kirchen ging der Appell: „Die Schaukelformel vom ‚Friedensdienst mit und ohne Waffen’ ist nicht mehr haltbar.“ Helmut Gollwitzers Rede hatte den Titel: „Wir rücken ihnen auf den Leib.“ Als „echte Weise von Demokratie“ propagierte er, dass die Menschen sich selbst um ihre Sicherheit kümmern, für Abrüstung eintreten, dass die Welt nicht unbewohnbar wird und die Hungrigen nicht zugrunde gehen. Erhard Epplers Rede hatte die Überschrift: „Wer macht hierzulande Angst? Auch er wandte sich gegen Rüstungswettlauf und erklärte, dass beide deutsch Staaten angesichts der atomaren Bedrohung ein gemeinsames Interesse haben.
In den Bundesnachrichten berichteten wir von der Konferenz der ILRS 17.-20. Sept. in Wien. Günter Ewald, Jürgen Finnern und ich nahmen teil. Als Gäste Henning und Laura Gloyer, Arnold Pfeiffer und Burkhard Reichert, Kirchenreferent der SPD. ACUS – hieß damals noch Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialismus – hatte ins Karl-Renner-Institut eingeladen. Wir pendelten zwischen dem Stephansdom und den Wohnhöfen des roten Wiens. Wir sahen die kaiserliche Hofburg und die Ausstellung „Arbeiterkultur in Österreich“. „Ältere Mitglieder z.B. das Ehepaar Ragaz und Otto Bauer ließen den Geist der Gründerjahre gegenwärtig sein“, steht in meinem Bericht. „Bei Wein und Brot erzählte der ‚kleine Otto Bauer’ als 85jähriger den jungen Freunden vom österreichischen Bund und seiner Zeitschrift ‚Der Menschheitskämpfer’.“ Grußbotschaften brachten Prof. Walter Hacker, Internationaler Sekretär der SPÖ und Karl Blech, stv. Parteiobmann der SPÖ. Für die Öffentlichkeit bestimmt war der Vortrag des kath. Theologen Johann Baptist Metz zum Thema Glaube und Politik. Er sagte: „Religion hat eine innere politische Dimension. Als unpolitischer, politisch Neutraler wäre der Sohn Gottes nicht gekreuzigt worden.“. Während die „bürgerliche Religion“ „überwölbende Werte“ für die bürgerliche Gesellschaft formuliere, ist eine politische Prophetie von der Basis aus nötig.. Die Reformation des Weltchristentums erwartete er von den armen Kirchen. Der Schweizerische Friedensrat hatte eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel: „Wir wollen nicht zu Tode verteidigt werden.“ Die Arbeitsgruppe tagte bei Ehepaar Ragaz. Gruppe II beschäftigte sich mit Zielen und Strategien christliche Sozialisten in Europa. Dazu gehören sollte u.a.: Eigenständigkeit gegenüber Apparaten, Präsenz in den Kirchen. Gruppe III beschäftigte sich mit der Kritik des Kapitalismus. Wirtschaftsdemokratie und Wirtschaftsplanung wurde gefordert. Die Propheten haben uns gelehrt: „Gerechtigkeit, Erlösung ist immer konkret.“ Gruppe IV beschäftigte sich mit der Identität christlicher Sozialisten. „Die Verheißung des hereinbrechenden Reiches Gottes motiviert zur Hoffnung oft gegen jeden Augenschein. Sie dokumentiert die gemeinsame christlich-jüdische Vorstellung, dass die Welt zu verändern sei.“ Die Motivation ist Barmherzigkeit bis zur Feindesliebe. Henning Gloyer gab einen Überblick über die nationalen Organisationen. Resolutionen gegen die Stationierung von Atomraketen und zum „Anti-Rassismus-Programm des Weltkirchenrats wurden herausgegeben.
Das Heft enthielt auch eine Erklärung gegen den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Christiane Dannemann, damals Vikarin in Mörfelden, hatte in CuS 1/1981 ökologischen, ökonomische, politische und theologische Überlegungen vorgetragen. Mehr als 120 000 Menschen hatten gegen die Zerstörung des zusammenhängenden Waldgebietes protestiert, letztlich erfolglos, am 12. April 1984 wurde die Startbahn dem Verkehr übergeben.
Eindrucksvoll waren in diesen Jahren auch die Artikel von Aurel von Jüchens (1902-1991), z.B. Jesus und der Einbruch des Mammon in CuS 3/1981. Klaus Grammel und Ingeborg Drewitz haben in CuS 2/1982 ihn zu seinem 80. Geburtstag gewürdigt.
Auch heute noch interessant ist sicher der Artikel des deutsch-tschechischen Wirtschaftswissenschaftlers Jiri Kosta (1921-2015) in CuS 4/1983: Der Dritte Weg. Eine Alternative zu den sozialökonomischen Systemen in Ost und West. Ein „Plan-Markt-Modell als alternative Lebensform“ wird hier vorgestellt.
2. Die mittlere Phase 1984-1987
1984 konnte ich Klaus Kreppel als verantwortlichen Redakteur gewinnen. Er löste Siegfried Katterle in dieser Funktion ab. In Heft 1/1984 hat die Redaktion in einem Brief an die Leser Bilanz gezogen. Sie hat sich damals gewünscht, dass zu Aufsätzen, Berichten und Besinnungen, zu Dokumentationen, Nachrichten und Rezensionen auch andere journalistische Genres treten sollten: Kommentar, Glosse, Satire, mehr Interviews. Das Thema Dritte Welt müsse mehr in den Vordergrund treten, ebenso die Bereiche Pädagogik, Kultur-, Naturwissenschaften. Der Darmstädter Gruppe verdankt die Zeitschrift viele Anregungen in Ökologie (Thema Startbahn West) und Pädagogik (Freie Schulen).
Die äußere Form änderte sich: die Hefte waren übersichtlicher, da die Themen auf der Titelseite erschienen. Ab 1985 bildeten sich allmählich Schwerpunkt-Themen: Religiöse Sozialisten im Beruf, Befreiungstheologie, Nicaragua, Abrüstung, Genossenschaften, Judentum und Sozialismus. Einen Einschnitt bedeutete Nummer 3 im Jahr 1986. Sie wurde mit den Christen für den Sozialismus hergestellt wurde. Der äußeren Form nach trifft auf diese Nummer die selbstkritische Bezeichnung “Schülerzeitung” teilweise zu. Aber interessant war die Anregung, Karikaturen oder andere Zeichnungen aufzunehmen.
3. Die Phase 1988 – 1990
In der letzten Phase erhielt die Zeitschrift ihre bisher schönste Form. Themenhefte, an einer Überschrift kenntlich, abgesetztes Feld für Themen. Folgende kamen zur Sprache: Recht auf Arbeit, religiöser Sozialismus in Weimar, Flüchtlinge, Hunger, Südafrika, Frühe Sozialisten, Marx und Judentum, Befreiung, Gerechtigkeit, oder Mammon. Eine neue Rubrik “Lebenszeichen berichtete über Lebensformen , mit denen wir “uns verbunden wissen“. Ein Gewinn war auch die die Rubrik “Zeitansage“, mit aktuellen Kommentaren. Neue Autoren konnten gewonnen werden. Die neue Form fand Anklang. Erhard Griese, der jetzt verantwortlich redigierte, hatte maßgeblichen Anteil an diesen Verbesserungen. Dennoch gab es keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit. Die redaktionelle Arbeit steckte in der Krise. Desgleichen war eine finanzielle Krise heraufgezogen, seit der Bund seine Aufgaben erweitert hat.
In den letzten Jahren traten die Flugblätter, redigiert von Günter Ewald hinzu. Die Arbeit in Thematischen Zentren auf Kirchentagen fand große Beachtung, band aber auch Kräfte. Der Kreis der Redakteure war zu klein geworden. Nach dem Ausscheiden von Marlis Cavallaro und Sylvia Krautter sind andere Frauen nicht hinzugekommen. Die Krise hatte darin ihren Höhepunkt, dass immer mehr Aufgaben Erhard allein zufielen. Abgesehen von seiner Überlastung fehlt der bereichernde Austausch in einer größeren Runde.
Leserumfragen gab es noch nicht. Aber die Leser(innen), die der Zeitschrift die Treue gehalten haben, waren als Sympathisierende anzusehen. Viele hatten Tagungen des Bundes miterlebt. Einige gehörten sogar zu den Mitgründern nach dem Aufbruch 1976. Viele arbeiteten in anderen Organisationen mit und schätzten das Blatt als Forum. Entweder kamen sie eher aus der politischen oder aus der kirchlichen Arbeit. Auch Arbeiter waren dabei, allerdings wenige. Viele Leser(innen) hatten die Chance, Erkenntnisse aus CuS umzusetzen in ihrer Berufsarbeit.
Im Unterschied zu progressiven Zeitschriften mit unverfänglichem Namen (z.B. Junge Kirche) ist dieser Name CuS Signal für eine politische und religiöse Option, auch im internationalen Bund so einzigartig. Zwar ist Sozialismus derzeit kein beliebtes Wort, Aber die Zeitschrift konnte als Forum Menschen sammeln, die für sich an ihrem Ort in Projekten arbeiteten (Friedens-, Dritte Welt-,Betriebsgruppen). Der eigene Anspruch, christlicher Gesprächspartner für die Arbeiterbewegung zu sein, wurde noch viel zu wenig eingelöst. Allerdings waren wir gezwungen, in ihrem Interesse statt ihrer zu handeln, wo sie sich durch Parolen des Großkapitals blenden ließen. Die Veranstaltungen der Berliner Religiösen Sozialisten mit Vertretern der Gewerkschaften waren (nach früheren Aktionen von Günter Ewald auf der Universitätsebene) ein ermutigender Fortschritt.
So ergaben sich Forderungen für die Zukunft:
1. Größere Redaktion (möglichst 6 Personen), ein Redakteur aus der Gewerkschaft oder aus einer sozialistischen Betriebszeitung
2. Mindestens 4 Sitzungen im Jahr, gemeinsame Entscheidung umfassende und gleiche Information für alle Redakteure
3. Verstärkung der Werbung, Verkauf an Buchhandlungen (mit Gewinnspanne für sie), an Stadtbibliotheken, Flugblätter, Anzeigen in geistesverwandten Zeitungen
4. Preiswerte Herstellung von CuS
5 . (Fast) Kostendeckender Verkaufspreis
6 . Leser(innen)treffen in den Regionen, Umfragen wegen ihrer Wünsche
7 . Veranstaltungen mit sozialistischen Autor(inn)en (Idee von Filip Wärnsberg, Schweden)
8. Kooperation mit CfS
9. Kooperation mit anderen Organen im Internationalen Bund, besonders mit den deutschsprachigen
10. Ausweitung der Arbeit auf die DDR
Am 5. Mai 1990 habe ich in Hagen über die Entwicklung von CuS informiert.
4. Die Phase 1990-1995
Während alles Interesse sich auf die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten richtete, machte Heft 1/1990 Europa zum Thema. Gegenüber Kapitalkonzentration und Umwelt-Zerstörung gab es hier ein Hearing für die an denRand gedrängten Gruppen (Loretta Williams, Darmstädter Resos, Gert Rüppell). Ein zweites Thema war der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Osteuropas und die Frage nach derZukunft des Sozialismus (August Rathmann, Willy Spieler, Thomas Kremers-Sper). Auch zwei Lebensbilder enthält das Heft; Hartmut Hövelmann über Adolf Grimme, Erhard Griese über Rudi Dutschke.
Katho1isch hieß das Thema des zweiten Heftes, das zum Katholikentag in München auslag. Uns nahestehende Ansätze bzw. katholische Stimmen aus unserer Bewegung kamen zu Wort (Norbert Greinacher, Vekoslav Grmic, Klaus Kreppel, Manfred Böhm, Eugen Drewermann). Man kann eben keine Brücke von der Mitte her bauen, so hieß es kritisch gegenüber der Hierarchie. Es geht um den Mut zur Solidarität mit den Unterdrückten.,
Die letzte Doppelnummer des Jahres trägt den Titel “Rechenschaft”. Sie enthält eine Predigt (Dietrich Schirmer) und eine Rede (Jan Koopmans), Beiträge zum Glauben heute (Erhard Griese), zur Bibel im Kontext der Arbeitswelt (Isolde Böhm), Auch Beiträge zum Kollaps der DDR mit derklärenden Frage: “Welcher Sozia1ismus ist tot?” (Renate Müller, Dick Beer, Erhard Griese) Mit der Antwort derBundes-Resolution gesagt. “Das Ende der DDR bedeutet nicht das Scheitern des Sozialismus.” Zum Golf-Krieg nimmt Nr.1/1991 mit einer Resolution des Bundes Stellung. Ökologie ist dann ein Thema mehrerer Beiträge (Gerard Minnaard, Erhard Griese, Thomas Kremers-Sper). Die Darmstädter, diesem Thema verpflichtet, betonen ihre Selbständigkeit. Auch ein Bericht über Lateinamerika und unser Projekt in Nicaragua wurde gedruckt (Konrad Braun, Udo Fleige, Christoph Weidinger). Trauer über den Tod Aurels von Jüchen kommt zum Ausdruck.
Heft 2/1991 nimmt das Thema einer Bibelarbeit des Kirchentags auf: Zu was für einem Leben befreit Gottes Geist? (Ingo Baldermann) “Evangelium und Revolution” Im Kontext Nicaraguas (Olivia Alvarez), “Gedanken eines Arbeiters über das Reich Gottes” (Gunter Schwarze, N.N) heißen die Beiträge. “Soziale Marktwirtschaft auf dem Prüfstand” (Siegfried Katterle) – dieser wirtschaftspolitische Artikel weist den allmählichen Abbau sozialstaatlicher Steuerung nach und widerspricht kapitalistischer Normalität. Dass neben der Mehrzahl politischer und theologischer Beiträge wieder ein ökonomischer folgt, ist sehr wichtig. Ein Artikel Aurel von Jüchens erscheint posthum. Die Neuauflage des Bibelwerks von Leonhard Ragaz wird gewürdigt (Erhard Griese). Heinz Röhr, seit 30 Jahren Mitglied, bekommt einen Glückwunsch zum 60. Geburtstag (Uli Peter). Wegen der strukturellen Bosheit des Kapitalismus bleibt Sozialismus aus christlicher Verantwortung unser Ziel. So ein Beitrag von Willy Spieler aus der Schweiz.
Unter dem Thema Religion widmen sich Beiträge von Heft 3/1991 dem Judentum, dem Islam und der katholischen Soziallehre. Während der Dialog von Christ(inn)en, Juden und Jüdinnen seit Martin Buber und Leonhard Ragaz in unserer Bewegung immer schon eine Heimat hatte, ist die Begegnung mit dem Islam dem Interesse von Heinz Röhr und der Frankfurter Gruppe zu verdanken. Die Beiträge würdigen die islamische Mystik (Sufismus). (Heinz Röhr, Erhard Griese), und auf christlicher Seite entreißen sie die Tradition der Arbeiterpriester der Vergessenheit (Ferdinand Troxler). Das Heft klärt auch denWert der Anknüpfung an den Religionsbegriff in unserer Bewegung(Erhard Griese).
Gegen Aus1änderhass wenden sich zwei Beiträge des Heftes 4/1991 (Ulrich Peter), die durch eine Resolution des Bundes verstärkt werden (vgl. auch die derRegionalgruppe Neckar-Alb In 1/92). Sie analysieren Gründe der Pogrom-Stimmung und kennzeichnen das Ausmaß des Versagens herrschender Politik. Auf derGegenseite entsteht das Lebensbild von Chaim Seeligmann, eines jüdischen Sozialisten, unseres Dialog-Partners In Israel vom Kibbuz-Forschungs-Institut Yad Tabenkin (Theodor Schulze). Mein Beitrag über Umwe1t – Probleme in der Ostsee berichtet über eine Tagung des Internationalen Bundes, bei der sich 40 Männer und Frauen aus Ökologie, Kirche und Politik trafen. Sie kamen aus Polen, Litauen, Estland, Ungarn, Schweden und Deutschland.
Anlässlich der Ko1onisierung des amerikanischen Kontinents vor 500 Jahren ist das Heft 1/1992 eine kritische Reflexion von Eroberung und Mission (Cesar Jerez, S.J+, Norbert Greinacher). Buße statt Jubelfeier ist also angesagt. Aufbrüche zu Demokratie und Sozialismus werden gewürdigt (Frei Betto, Centro Ecumenico Antonio Valdivieso).
Das unaufgebbare Humanum, das im Sozialismus enthalten ist, ist Thema des zweiten Heftes. Es wehrt sich gegendas Triumphgeschrei über denSieg des Kapitalismus. Gegen negative Genüsslichkeit in der Darstellung gegenwärtigen und künftigen Unglücks wendet sich D. Sölles Predigt an die Linken und fordert, Hoffnungen zum Überleben zu suchen. Marie Veit bringt die drei Essentials des Sozialismus in Erinnerung. Brot und Arbeit, medizinische Versorgung, Bildung, alles dies für alle. Lebensrecht, Menschenwürde ist die Grund-Orientierung, Annemarie Schönherr gibt Ernesto Candenal Recht. Gescheitert ist der Kapitalismus, denn er hat bisher keins der großen Weltprobleme zu lösen vermocht. Udo Fleiges Artikel heißt entsprechend; Der erste Tag des Sozialismus. Zum Schluss kommen in meinen Interviews Partner aus Litauen (Jonas Siaurukas), Estland (Peeter Ernits, Rein Kitsing) und Polen (Nikodim Chlubek) zuWort, die sich für die Rettung der Natur einsetzen.
Auch in der Doppelnummer des Jahres richten Beiträge von Claudia Biehler den Blick auf das Ba1tikum. Die lettische Volkswirtschaft und der Alltag in Russland werden analysiert. Größere Aufmerksamkeit erreichte Ulrich Peters Artikel über das ehemalige Jugos1awien. Er untersucht die Geschichte seit 1878, um die Spannungen unter den Völkern zu erklären und nach dem Kollaps derÖkonomie das Zerbrechen der Partei und des Staates, den Bürgerkrieg und die Bildung der Machfolgestaaten in der Chronik der Ereignisse darzustellen. Deutlich wird auch der Mangel an Unterstützung für die Friedensbewegung. Zu den Überfällen auf Asylanten gibt es eine gemeinsame Resolution von BRSD und Initiative Christliche Linke (ICL) in den neuen Bundesländern. Die Christen für den Sozialismus (CfS) entschlossen sich nach langem Zögern zu einer Zusammenarbeit. Es blieb allerdings nur die Absichtserklärung.
Mit Nr. 1/1993 übernahm ich die Schriftleitung. F1ücht1inge schützen ohne Kompromiss”, war zuerst das Thema. Von der Demonstration am 14. Nov. 1992 im Bonner Hofgarten druckten wir die Rede von Volkmar Delle;” Grundrechte in Krisenzeiten bewähren» Für ein Europa der Humanität”. Ebenso das Statement des Komitees für Grundrechte und Demokratie.” Bonner Asylkompromiss verfassungswidrig”. Über Ursachen und Erscheinungsbild des deutschen Rechtsextremismus schrieb Claudia Biehler. Siegfried Katterle setzte sich mit der Wirtschaftsdenkschrift der EKD auseinander. Die US-Intervention in Somalia wurde kritisch dargestellt von Maho Aves, und Udo Fleige warnte vor hegemonialen Interessen, die die Friedenssicherung behindern.,
“Gegen Arbeitslosigkeit und Armut” war das Thema des zweiten Hefts 1993. Solidarität muss allen Notleidenden gelten. Ernst Ulrich Huster kritisierte mit dem Beitrag über “Lebenslage Armut” unser soziales System und beschrieb Ausgrenzungsmechanismen. Ulrich Peter sieht Im Unternehmerlager die Aufkündigung der Sozialpartnerschaft. “Arbeitslosigkeit und Wirtschaftssystem” heißt die Untersuchung der Regionalgruppe Hadop zusammen mit der Arbeitsloseninitiative Dortmund und der (katholischen) Initiative Kirche von unten. “Die letzten Jahre der Familie N” ist eine Sozialreportage, Willibald Jacob und Berliner Betriebsräte berichten über den Arbeitsplatzabbau in Berlin. Eine Tagung über religiösen Sozialismus in derAkademie Badens und derPfalz, reißerisch angekündigt, enthielt außer Referaten auch eine Kontroverse zwischen unserm Bundessprecher Ulrich Peter und einem Redakteur der “Welt am Sonntag”. Gegen fälschliche Beschuldigungen und unfaires Verhalten der Tagungsleitung musste Ulli sich wehren. Er würdigt in diesem Heft auch das Leben unserer Mitglieder Heinrich AIbertz (1915-1993) und Ludwig Metzger (1902-1993).
“Thesen gegen die Angst” von Paul Oesterreicher ist der Hauptartikel des Heftes 3/1993. Er möchte der Kirche neuen Mut für Ihren Auftrag schenken. Dazu gehört auch Sebastian Roses Andacht über Jesu Gleichnis vom Senfkorn. Über die Belegschaft von Bischofferode, die vor der Still-Legung der Kaligrube sie besetzte, schreibt U. Peter einen Artikel, und es folgt die Predigt von Pfarrer Zimmermann am Ort. Über das Mitarbeitervertretungsgesetz der EKD schreibt Wolfgang Kreil, Christa Peter berichtet über den Kirchentag, und Marie Hirsch erhält einen Glückwunsch zum 90. Geburtstag.(Klaus Bajohr)
Die Idee für CuS 4/1993 war, die Perspektive “der da unten” vor Weihnachten zu zeichnen.” Obdachlosigkeit und Wagenburgen in Berlin” – das Interview von Christa Peter und Oliver Vogelsmeier passte dazu. 30.000 Menschen, stellvertretend für mehrere Hunderttausend kamen so in den Blick, Notiert wurde die Brutalität der Regierenden, die räumen ließen, aber auch Solidaritätsaktionen, Ulrich Peter hat mit dem Artikel “Sparen bei den Reichen” auf Steuerhinterziehung in großem Ausmaß hingewiesen; Jährlich werden Steuern in Höhe von 50% der gesamten Lohnsteuern nicht entrichtet. Mittelständische Unternehmen werden statistisch gesehen nur noch alle 9,5 Jahre durchleuchtet. Der Bericht von Angela König “Bosnien – Drei Monate am Rand des Krieges” nimmt Partei für leidende Frauen. Die Evangelische Frauenarbeit hat Frauengruppen unterstützt, die ihrerseits den Kriegsopfern, besonders auch den vergewaltigten Frauen, helfen. Heike Bethe und Matthias Nauerth haben über Chi1e geschrieben, 20 Jahre nach der Niederschlagung des demokratischen Sozialismus in diesem Land. Ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz wurde von den USA mit Unterstützung der deutschen Regierung bekämpft. Der Aufsatz von Klaus Bajohr über Karl Barths Schrift “Theologische Existenz heute!” (1933) rechnet mit der unpolitischen Barth-Schule (Scholder u.a.) ab, indem er die Wahrnehmung H. Gollwitzers und der religiösen Sozialisten beachtet. Er beschreibt Barths Weg von einem impliziten (“im Raum der Kirche”) zu einem expliziten (“von der Kirche aus in die Welt hinein”) Widerstand. Dietrich Braun hat Helmut Go1Iwitzers Leben (1908-1993) gewürdigt unter der Überschrift “Befreiung zur Solidarität. “Solidarität heißt “Freiheit für den andern, wie Gott frei ist für uns. Der Artikel ist wertvoll für uns, weil “Golli” zusammen mit Heinrich Albertz, Kurt Scharf, Aurel von Jüchen, August Rathmann zu denverehrten Mitgliedern und Freunden unseres Bundes aus der älteren Generation gehörte. In diesem Heft erinnern wir auch anden Herbert Sorgius (1912-1993). Mit den Bildern von der Wagenburg und von “Golli” gehört dieses Heft zu den Glanzlichtern unseres Layouters Andreas Hesse.
5. Ein neuer Name CuS Christin und Sozialistin. Christ und Sozialist
Mit CuS Heft 1/1994 beginnt derneue Name. Die Graphik des Titels hatten wir gemeinsam beraten und diesem Entwurf von Andreas Hesse zugestimmt. Inhaltlich entsprechend der Ergänzung war das Heft Frauen-Themen gewidmet. Bischöfin Maria Jepsen, interviewt von Wolfgang Lünenbürger und Marion Bierig, schrieb zum Thema “Keine Kirche ohne Visionen vom Reich Gottes”, Luise Schottroff schrieb über “Paulus und die Frauen”, Friederike Stockmann-Köckert und Hella Hertzfeld haben den Blick auf Frauen gelenkt, die in den östlichen Bundesländern unter der Wirtschaftskrise besonders leiden. Conny Bücken schreibt über Frauen, die in Frauenhäusern vor Gewalt Zuflucht suchen. Die Landesarbeitsgemeinschaft der autonomen Frauenhäuser NRW muss mehr Unterstützung vom Land NRW bekommen. Der Artikel von Krista Schlegel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft Perus ergänzt das Bild im Blick auf die Länder der Dritten Welt. Notwendige Ergänzungen für die gesellschaftskritische Perspektive hat Udo Fleige gegeben. Ulrich Peters Lebensbild der Hildegard Wegscheider gibt unserm Frauenheft auch eine zeitgeschichtliche Perspektive. In der Geschichte von CuS Ist es eine bedeutende Nummer, weil sie in Themen und Sprache die Beiträge von Frauen für unsere Bewegung hervorhebt. Die Nummer war bald (trotz höherer Auflage) vergriffen.
Heft 2/1994 hat als Schwerpunktthema Katho1izismus . Die Nummer erschien zum Katholikentag in Dresden, wo unsere Bewegung sich am Kirchentag von unten beteiligte. Ralf Ostermanns Beitrag über Heinrich Mertens und das “Rote Blatt der katholischen Sozialisten” (1929-1930) entstammt seiner Magisterarbeit. Unser Mitglied Hermann Daniel hatte seinen Weg geschildert: Vom Arbeiterpriester zum Gemeindepfarrer. Hermann wirkte in einem Stadtteil Dortmunds, Arbeitslosenquote 25%, Ausländeranteil 33%, und versuchte, in Auseinandersetzung mit dem traditionellen Milieu, die Option für die Armen zu verwirklichen. Klaus Kreppels Rezension zur Biographie von Josef Rüter (1881-1972) gehört ebenfalls zum Thema. Erhard Grieses Artikel “Ein bisschen Religion für möglichst viele” setzt sich mit dem Dilemma derVolkskirche auseinander und plädiert für überschaubare, verlässliche Gemeinschaft. Ulrich und Christa Peter hatten nach ihrer Israel-Reise die Friedensbewegung dort skizziert. Einen Bericht unseres Freundes Chaim Seeligmann haben wir in kurzer Form als Brief weitergegeben. Nach dem Abkommen von Oslo (13..9.93) wuchs, trotz des Massakers von Hebron, die Hoffnung auf Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Unser Freund gab auch ein Lebensbild des politischen Pädagogen und Widerstandskämpfers Adolf Reichwein (1898-1944). Oliver Vogelsmeier hat den Bericht über unsere April-Tagung geschrieben. Dabei geht es um unser Verhältnis zur 1CL. Beide Gruppen verstehen sich als “Schwesterorganisationen”. “Unser kleines Projekt, das Würde baut”, heißt Udo Fleiges Bericht über Nicaragua.
Heft 3/1994 stellt wieder das Thema Asy1 in den Vordergrund, gleichsam als Testfall, ob wir aus den Feiern 60 Jahre (so die Korrektur des Druckfehlers) Theologische Erklärung Barmen etwas gelernt haben. Christa und Ulrich Peters Besuch auf dem Internationalen Kongress in England hat die Manuskripte von Karl Helmreich/Osterreich und Hilary Russel/England gebracht. Willy Spieler, Redaktion Neue Wege, hatte aus der Schweiz die Artikel von Beat Leuthardt und Andreas Schmutz besorgt. Die Artikel zeigen die Tendenz zur “Festung Europa”, die sich abgrenzt und Flüchtlinge abschiebt« Aber auch Mut und Ausdauer der Solidaritätsgruppen wird gewürdigt.
Ulrich Peter berichtet über die Situation Berlins, die von “Arbeitsplatz Vernichtung und sozialem Kahlschlag” geprägt war.
Heft 4/1994 hat als Hauptschwerpunkt den Entwurf für die neuen “Vorläufigen Leitsätze” des Bundes., Nach denWandlungen in Osteuropa, nach zunehmender Dringlichkeit ökologischer Orientierung war die Neubesinnung fällig. Die Thesen wurden im April 1994 auf der gemeinsamen Tagung mit der ICL vorgetragen und auf der Herbst-Tagung vertieft. Mit welchem Widerstand wir rechnen müssen, macht Ulli Peters Artikel über den Hegemoniegewinn der gesellschaftlichen Rechten deutlich. In der Asyl- Frage werden zehn EKD-Thesen kritisiert, dagegen die der Rheinischen Kirchenleitung gewürdigt. Auch der 100. Geburtstag unseres ältesten Mitglieds August Rathmann wurde gefeiert.
Mission und Entwicklung – dieser Artikel von Bärbel Fünfsinn informiert über eine Konsultation lateinamerikanischer und karibischer Kirchen.
1995 war ein Krisenjahr für unsere Redaktion. Rudi Laeger, unser Kassierer, ist bei der Vorstandssitzung am 7.10.95 in Herford zurückgetreten. Schon bei der Sitzung am 4.2.95 waren fehlende Außenstände zwischen 1.000 und 2.000 DM zu beklagen. Deshalb beschloss der Vorstand, die Auflage von 1.100 Exemplaren auf 1.000 zu senken, probehalber. Der Beschluss, aus Gründender Sparsamkeit auch den Mitgliederrundbrief einem Teil derExemplare einzuheften, blieb noch eine Absichtserklärung. Am 7.10.95 wurden die Außenstände immer noch auf 2.500 DM geschätzt,, Und wegen der Unklarheiten im Mahnungswesen war die finanzielle Lage unsicherer geworden. Der Vorstand reagierte mit einer Senkung der Auflage auf 700 Exemplare. So sehr diese Maßnahme mit Blick auf die Finanzen zu begrüßen war, so schmerzlich wird sie bereits in einigen Jahren fühlbar sein. Neue Abonnent(inn)en werden ältere Nummern, die programmatischen Wert haben, nicht mehr bekommen können. Dabei sind z.B. die Aufsätze über Religionsunterricht für viele Jahre weit über den Kreis der Resos hinaus interessant. Die für die Geschichte des Blattes beispiellose Senkung der Auflage sollte wieder von einem Wachstum abgelöst werden. Bisher wurden 464 Exemplare verkauft und 100 andie Gruppen geliefert. Neue Anstrengungen in derWerbung sind nötig. Z.B. die Präsenz in Buchhandlungen sollte besser werden. Unsere Kontakte zu örtlichen politischen Gruppen und Organisationen sollten mit Hilfe der Mitglieder verstärkt werden,
Auch die Zahl der aktiven Redaktionsmitglieder war rückläufig. Rolf Köhler und Wolfgang Lünenbürger waren mit ihrem Examen beschäftigt und hatten deshalb keine bzw. zu wenig Zeit. Lothar Bücken konnte bei der Redaktionssitzung am 18.2.95 noch teilnehmen, wollte aber im Herbst mit der Redaktionsarbeit aufhören. Erhard Griese hat als Autor eines wichtigen Beitrags mitgearbeitet.
Ermutigend dagegen war, dass Matthias Nauerth als Autor und Redaktionsmitglied uns verstärkte. Auch in diesem Jahr hatten Christa und Ulrich Peter die Last der Endredaktion getragen und mit Hingabe und Freude unser Blatt gefördert. Auch Andreas Hesse, unser Layouter, hatte wieder gute, passende Bilder gefunden.
Die verbleibenden Redakteure bzw. Redakteurin hatten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Uli Peter musste eine Zeit im Krankenhaus verbringen. Unsere Familie musste in diesem Jahr das zweitälteste der vier Kinder und den Großvater zu Grabe tragen. Gegen Ende des Jahres musste derZeitplan durch schnelle Produktion gehalten werden. Eigentlich sollte ja eine gemeinsame Beratung über allen vorliegenden Manuskripten bei ca. drei Redaktionskonferenzen pro Jahr stattfinden. Stattdessen kam es aus Zeitgründen nur zu einer Arbeitsteilung.
Für unsere “Deutschland-Redaktion” hatten sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert. 1996 wurde das Telefonieren teurer. Das Porto für Steifbandzeitungen wurde jährlich um 10 Pfennig erhöht. 1996 sollte es 1,30 DM betragen. Eine andere Vertriebsform kam wegen derZerstreuung unserer Leser/innen nicht in Frage. In den letzten Jahren haben wir eine ganze Reihe von Abonnements bei Institutionen verloren, wegen deren Sparmaßnahmen. 30 DM betrug der kostendeckende Preis. Ein großer Teil der Abonnenten hatte freiwillig ihre Zahlung entsprechend erhöht. Andere haben gespendet. Über unsere Beteiligung am Kirchentag hat Uli Peter in Heft 3/1995 berichtet. Das Heft Mr. 2 war rechtzeitig fertig geworden. Ebenso ein neues CuS Werbeblatt. Mehrere Hundert Hefte wurden als Werbeexemplare mitgenommen.
Unsere Themen: Dem Land Nicaragua wandte sich unser erstes Heft zu. Zur Spaltung der Sandinistischen Partei dokumentierten wir die Positionen uns nahestehender Menschen Ernesto Cardenal und O1ivia Alvarez Alvarado. Udo Fleige hat als Kenner von Land und Leuten Kommentare geschrieben. Der Katholizismus in Polen und Ex – Jugoslawien (Beiträge von Udo Fleige und Matthias Nauerth) waren andere regionale Schwerpunkte, die in derDiskussion Orientierung vermitteln sollten. Zu sozialen Brennpunkten gingen Reportagen von Christa und Ulrich Peter. Krise des Steinkohlenbergbaus und Kampf der Bergarbeiter-Frauen, ObdachIosigkeit und Wagenburgen in Berlin. Der schwache Zustand derSPD musste wahrgenommen werden (Matthias Nauerth, Uli Peter). Die kirchliche Sozialcharta wurde mit Zustimmung und Kritik bedacht (Karlheinz Lipp und Ernst-Ulrich Huster). Wieder geriet somit die Lage der Armen in denBlick, und sozialpolitische Optionen wurden vorgetragen, auch aus gewerkschaftlicher Sicht (Friedhelm Hengsbach). Auch dieser Jahrgang enthält wieder historische Beiträge – Lebensbilder von Willi Kobe, Helmut Gollwitzer, Wilhelm Schümer, Heinz Kappes, Leo Kofier, Theo Pirker, Ernst Mandel, der Bund seit 1945 und die religiösen Sozialisten in Berlin 1919-1933. Und schließlich war der Religionsunterricht ein Thema (Beiträge von Dieter Stork, Erhard Griese, Konrad Braun). Interessant war auch der Bericht über Ansätze feministischer asiatischer Theologie.
Unser Versprechen bei der Zielbeschreibung “Mischung aus aktuellen politischen Ereignissen, theologische und politische Diskussion, Aufarbeitung religiös-sozialistischer Geschichte” haben wir eingehalten. Aus Rückmeldungen konnten wir schließen, dass eine ganze Reihe von Artikeln bei der Orientierung über Zeitereignissen geholfen haben und als Argumentationshilfe unsern Leserinnen und Lesern dienen konnte.
6. Die Phase 1996 -1998 (Jubiläum CuS – 50 Jahre) Zum 50. Todestag von Leonhard Ragaz erschien CuS 1/96 mit einem Bild des Ehepaars Leonhard und Clara auf der Titelseite. Willy Spieler stellte sein Lebenswerk vor. Arnold Pfeiffer würdigte ihn als Pazifisten, Sozialisten, als Mensch der Naturliebe. Ulli Peter hob seine Unterstützung für die religiösen Sozialisten während der Nazi-Diktatur hervor.
Die Schriftleitung hatte ich. Die anderen Mitglieder der Redaktion waren: Lothar Bücken, Wetter, Rolf Köhler, Bad Schönborn, Wolfgang Lünenbürger, Hamburg, Matthias Nauerth, Ellerbeck, Christa und Ulrich Peter, Berlin.
In CuS 2/1996 zeichnete Christa Peter verantwortlich für die Redaktion. Udo Fleige und Jürgen Gorenflo kamen neu hinzu, während ich nach 20 Jahren ausschied. Der erste Schwerpunkt war die Krise des Sozialstaats. Ein zweiter Schwerpunkt das Thema auf der Jahrestagung in Bad Hersfeld Sozialismus: Ziel und/oder Utopie. Siegfried Katterles Referat informierte über grundlegende Ideen des Frühsozialismus, den so genannten „wissenschaftlichen“ Sozialismus nach Karl Marx und Friedrich Engels, den Reformismus, Fabianismus in England, Revisionismus (Eduard Bernstein) in Deutschland, humanitären Sozialismus (Jean Jaurès) in Frankreich, über die „bürokratisch-despotischen Entwicklungsdiktaturen des so genanten „real existierenden Sozialismus“, den demokratischen (freiheitlichen) Sozialismus nach dem religiösen Sozialisten Eduard Heimann und anderen und über ethische Gesichtspunkte
CuS 3/96 hatte den Schwerpunkt Internationalismus und Nicaragua. Gustavo Esteva aus Mexiko kritisiert den „Virus der Abhängigkeit bei Entwicklungshilfe“. Olivia Alvarez Alvarado gibt ihm recht: „Die Unterentwicklung kann nicht mit dem Geld der Solidarität überwunden werden.“ Dagegen sieht sie die Beziehung zu ihren deutschen Freund(inn)en von „Achtung, Rücksichtnahme und Zuneigung getragen“. Die Unterstützung der Ausbildung von Lehrer(innen) in Nicaragua bestand 1996 bereits 10 Jahre. Udo Fleige berichtet über Wahlen im Land und hat hauptsächlich die Verbindung zu diesem Projekt gehalten. Dorothee Sölle hat in einem Interview mit Bärbel Fünfsinn über „Hoffnungszeichen und Eco-Justice“ geschrieben. Im Mangel an Spiritualität bei progressiven Gruppen sieht sie einen „Mangel an Hoffnung“. Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung sollten Schwerpunkte einer ökumenischen Theologie der Befreiung sein. Mit Eco-Justice ist eine Wirtschaftsgerechtigkeit gemeint, zugleich ökologisch, zugleich ohne Zwang für ein Modell bei Entwicklungsländern.
CuS 4/96 feiert das Jubiläum 70 Jahre BRSD. Vorstandsmitglieder in diesem Jahr waren Wolfgang Lünenbürger, Hamburg, Dr. Martina Ludwig, Florian Hars, Hamburg. Mitglieder der Redaktion: Christa Peter (Geschäftsführung), Berlin, Udo Fleige, Tübingen, Jürgen Gorenflo, Karlsruhe, Matthias Nauerth, Ellerbeck, Dr. Ulrich Peter, Berlin
Ulrich Peter fragt: „Was bedeutet das ‚Erbe des religiösen Sozialismus für die Gesellschaft der BRD?“ Aurel von Jüchen (1902-1991) war Zeitzeuge Gesprächspartner von Ulrich Peter und mir. Ulrich Peter hat seine Biographie in einem Buch als exemplarische Zeitgeschichte beschrieben, ich habe sein Lebensbild im Zusammenhang mit seinem Buch über die Mammon-Worte und Geschichten im Neuen Testament geschrieben. Er konnte uns die politische Szene der Weimarer Zeit anschaulich erklären: Die Arbeiterbewegung war klar vom Bürgertum getrennt. Die Freidenkerbewegung stand den Kirchen gegenüber. Die religiösen Sozialisten waren die einzige linke Bewegung in den Kirchen. In der Kirche gab es eine vorherrschende Rechte, die auf jede andersgeartete Bewegung einschlug. Und der Begriff „Sozialismus“ war kein Schimpfwort wie heute.
Die Bedeutung des BRSD für die Gesellschaft lag im Widerstand gegen die Nazis, gegen Militarismus und im Kampf gegen Antisemitismus. Auch der Widerstand im Untergrund und die Rettung von Juden gehörten dazu. Von der Geschichtsschreibung wurde lange Zeit, meist bis heute ignoriert, dass das Wirken des Bundes stellvertretend für die Gemeinde Jesu Christi geschehen ist.
Nach 1945 war ein einheitlicher Aufbau der Organisation wegen der Teilung Deutschlands nicht möglich. Viele Genossen waren im Krieg oder im Widerstand umgekommen oder gesundheitlich geschwächt oder in der Emigration geblieben. Versuche, die Organisation im Osten neu aufzubauen, waren nur 1947/48 erfolgreich, mussten aber beendet werden, weil die SED ein Monopol für sozialistische Politik und Kultur beanspruchte. So gab es im Westen nur noch kleine Zentren in Frankfurt, in der Pfalz und in Württemberg. Die bewährten Menschen der religiös-sozialistischen Tradition wurden gebraucht für Ämter in allen Ebenen, wurden aber nicht Leiter von religiös-sozialistischen Gruppen. Zwar blieb die Organisation nominell zwar erhalten, wurde aber – wie schon dargestellt – erst 1976/77 wiederbelebt. Zwischen Kirchen und SPD entstanden neue Kontakte, in der ev. Kirche, vermittelt durch die kirchlichen Bruderschaften, die aber von der Tradition Karl Barths geprägt waren und die religiös-sozialistische Tradition nicht kannten. Auch von Seiten der SPD kam es seit dem Godesberger Programm von 1959 zu einer Annäherung an die Kirchen.
Ulrich Peter sieht die Lage so: „Seit 1989 hat sich die Mehrzahl der linken Gruppen innerhalb und außerhalb der Kirchen aufgelöst, und fast alle ihre Zeitschriften wurden aufgelöst. Unsere Entwicklung und Konsolidierung verlief insofern völlig antizyklisch.“ (32) Auch die Arbeiterbewegung trägt aktuell nicht sozialistische Bestrebungen. Das Scheitern der DDR hat vielen Menschen auch Hoffnung geraubt. U. Peter urteilt: „Die linke Bewegung ist heute keine Parteienbewegung mehr, sondern eine Strömung, in der sich unterschiedlichste Tendenzen, Motivationen und Konzeptionen treffen. In dieser pluralen und bunten Gesamtheit haben wir unsern Platz im Spannungsfeld von Kirche und Gesellschaft. Wir sehen für die Zukunft die Notwendigkeit der Herausbildung eines fortschrittlichen Blocks über die Parteigrenzen hinweg… aus einer ökologisch neuorientierten Arbeiterinnenbewegung, den sozialen Bewegungen und den progressiven Teilen der Kirchen. Hieran und bei der Gewinnung der gesellschaftlichen Hegemonie für ökologische und sozialistische Positionen mitzuwirken, ist Hauptziel unserer Arbeit.“ (32) Der BRSD soll den Auftrag der christlichen Gemeinde mit dem Erscheinungsbild der Kirche in der spätkapitalistischen Gesellschaft vergleichen und zu Umkehr und Erneuerung beitragen, denn noch immer gibt es viele Christ(inn)en, die unter Hinweis auf äußere Feinde „eine Politik der militärischen Stärke, der wirtschaftlichen und politischen Abschottung in der ‚Festung Europa’, der Rassendiskriminierung und der Privilegiensicherung betreiben.“ U. Peter meint: „Heute in der Kirche und der Gesellschaft SozialistIn zu sein, ist wieder ein Risiko.“ (33) Er schließt mit dem Hinweis auf den Mut und die Hoffnung der Gründerväter Christoph Blumhardt und Leonhard Ragaz. Im selben Heft hat Aurel von Jüchen über Am 7,7-9 eine „Meditation zum politischen Engagement der Kirche“ geschrieben. In seinen Thesen kommt er zu dem Ergebnis: „Politik ist kein Privileg von Ständen oder von Berufspolitikern, sondern es ist die tätige Sorge um das Ergehen der Menschen in einem Volk, eine Frage, die uns allen obliegt.“
A. von Jüchen sieht den Maßstab des Politischen“ herausgefordert durch die Menschenfreundlichkeit Gottes, Recht und Gerechtigkeit im Leben der Völker zu erreichen und für die „ärmsten und schwächsten Glieder“ des Volkes zu sorgen. (6)
CuS 1/1997 hatte den Schwerpunkt Bildungs- und Sozialarbeit. Udo Fleiges Beitrag „Religionsunterricht in Zeiten des nachkirchlichen Christentums“ informierte über aktuelle Entwicklungen, besonders aus Württemberg. Guido Dia berichtet aus der Berliner Ev. Berufsschularbeit über den Kontakt mit jungen Türken. Rainer Pinks Beitrag aus der Schulpraxis in Berlin fragt: „Bildung wohin. Die Veränderung in Diakonie und Caritas von Zeiten der Liebestätigkeit zu Zeiten der Kundenorientierung, der Effektivität und des Controlling kommt in den Beiträgen von Hans-Jürgen Benedict und Harald Ihmig zur Sprache.
CuS 2/97 erscheint zum Kirchentag in Leipzig. Erhard Griese schreibt die Andacht zur Losung des Kirchentags „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben.“ (Spr. 12,28) Dorothee Sölle (1929-2003) hielt im März 1997 auf der Jahrestagung des Bundes in Bad Hersfeld Das Hauptreferat „Wovon leben wir Linken? D. Sölle stellt die Welt des Casino-Kapitalismus so dar, wie er sich 20 Jahre später auch entwickelt hat: Millionäre im Land des Königs Midas, dem, was er anfasst alles zu Gold wird, Diktatur monetaristischer Art auf die Dritte Welt, Privatisierung der Erziehung bei den Reichen, heruntergekommene Schulen für die Armen in den USA, Spekulation mit Geld als Sport, 90 % des Geldes für spekulative Zwecke, Abkoppelung der Finanzgeschäfte von der Waren-Welt, globales Casino, Weltherrschaft der multinationalen Konzerne, Abbau der sozialen Angebote des Staates. Der homo oeconomicus ist nicht mehr am Gemeinwesen interessiert. Bedürfnis-Manipulation herrscht. Eine Gegenbewegung sind Nichtregierungsorganisationen, die Gipfel-Konferenzen kritisch begleiten oder der Vorschlag des Nobelpreisträgers James Tobin, Milliardengewinne sollten von der UNO mit 0,01% versteuert werden. D. Sölle plädiert für Mystik und Widerstand. New Age mit ständig wechselnden Angeboten zeige nur den Hunger nach Mystik. Die Sprache haben wir als Erben der jüdischen und christlichen Tradition. Während die Eliten des Staatssozialismus, religionsfeindlich immer Autoren ihrer selbst waren, knüpfen religiöse revolutionäre Bewegungen „an das Wissen von dem, wie es gemeint war, wie es in der Schöpfung gemeint war“: an den Menschen als Ebenbild Gottes, an die Erneuerung der Gestalt der Erde, an die Gegenwart des Reiches Gottes, an die Erziehung zum Gebet, beginnen mit Liedern, Geschichten und Gebeten am Bett der Kinder. Hildegard Keller berichtete: Der Vortrag inspirierte die Teilnehmenden, an Stundengebeten (9, 12, 15, 18, 21 h) teilzunehmen, sich Glaubensgeschichten zu erzählen und die Eucharistie zu feiern.
Heft 3/4/97, eine Doppelnummer enthielt eine Andacht der feministischen Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel und den Artikel ihres Ehemanns Jürgen Moltmann über die Zukunft der Theologie, die eine „Theologie des Lebens“ sein soll als „Wiedergeburt zu einer lebendigen Hoffnung“. Ein anderer bedeutsamer theologischer Beitrag war der Artikel von Peter Winzeler über „Zinsverbot und Halljahrzyklus, die Grundlagen biblischer Marktwirtschaft“. Dank Werner Nauerth war CuS auch im Internet vertreten. Asta Pusch,+20.3.2016, unsere treue Freundin aus Österreich, berichtete über die ILRS-Tagung in Helsinki. Matthias Nauerth berichtete über unsern Auftritt auf dem Kirchentag in Leipzig. Martina Ludwig, ehemals Bundessekretärin, hatte einen gut besuchten Gottesdienst vorbereitet.
In CuS 1/98 schreiben Christa und Ulrich Peter das Editorial: „Diese Frühlingsheft von CuS enthält passend zur Jahreszeit einen bunten Strauß von Artikeln: Von Nordkorea bis zum Studierendenstreik reicht die Farbpalette, und sowohl Ost wie West kommen zu Wort. Frank Ziesche zeichnet ein Lebensbild Georg Wünschs, der im Weimarer Bund ungemein wichtig war und bis heute als Sozialethiker gleichermaßen geschätzt ist wie aufgrund seiner ambivalenten Rolle dem NS-Staat gegenüber inkriminiert. Nobert Greinacher hat sich intensiv mit den Perspektiven von Sozialismus und Christentum im Übergang ins nächste Jahrtausend beschäftigt und stellt seine Ergebnisse vor.Die Ausgabe enthält auch die Resolution zur Rehabilitation des Pfarrers Erwin Eckert (Mühlheimer Erklärung)
Den Artikel über Nordkorea verfasste Albert Petersen, Leiter der Medikamentenabteilung des Deutschen Institutes für Ärztliche Mission. Er gab einen Überblick über Staatsideologie, Transportsystem, bisherige Naturkatastrophen, Nahrungsmittel und Landwirtschaft, Hunger und Unterernährung, Gesundheitswesen, Trinkwasser, Internationale Hilfe und die Kirche.
Norbert Greinachers Beitrag über Christentum und Sozialismus geht ein auf geschichtliche Perspektiven, die Theologie der Befreiung und die katholische Soziallehre. In systematischen Bemerkungen sieht er vier Elemente des Begriffs Sozialismus: 1.Sozialismus wendet sich gegen Sanktionierung von Herrschaft in der Klassengesellschaft und lässt nur zeitlich begrenzte und ständig kontrollierte Machtausübung zu. 2. „Fundamentaldemokratisierung ist notwendig.“ (33) 3. Soweit zur Demokratisierung notwendig, ist Abbau des Privateigentums an Produktionsmitteln und Dienstleistungsbetrieben zu verwirklichen. 4. Die politischen und ökonomischen Abhängigkeitsstrukturen auf internationaler Ebene, vor allem im Nord-Süd-Konflikt sind anzugehen. Zur Verhältnisbestimmung von Christentum und Sozialismus: Es gibt einen hohen“ Grad an Entsprechungen“: 1. Im Alten Testament finden wir Solidarität mit den Entrechteten und Opfern von Herrschaft als Leitmotiv. 2. Die Propheten erinnern an das Gebot der Gleichheit und sozialen Symmetrie. 3. Indem Jesus das Kommen der Herrschaft Gottes proklamiert, „relativiert er jegliche Machtausübung“. Der katholische Theologe möchte es bei dem hohen Grad an Entsprechungen bewenden lassen und eine vorschnelle Identifizierung von Christentum und Sozialismus vermeiden. 1. Es gab „schlimme, zum Teil grauenhafte Erfahrungen mit verschiedenen Formen des Sozialismus“ (34) 2. Die „alteuropäische Menschenwürde (Habermas) „darf nicht preisgegeben werden. Deshalb verbietet sich ein Anspruch „allein selig machend“ zu sein. 3. Konkret ist zu bezeichnen, welcher heute politisch relevante Sozialismus gemeint ist. Damit kann aber eine konkrete Form des Sozialismus nicht mit dem Christentum identifiziert werden. 4. Wegen menschlicher Begrenztheit kann eine Person sich nicht mit einer politischen oder religiösen Bewegung total identifizieren. 5. Wenn man postuliert, jede(r) Christ(in) müsse Sozialist(in) sein, Christentum aber ohne Kirche nicht denkbar ist, würde man die Kirche zur Sekte machen. 6./7.Weil christlicher Glaube keine totalitäre Ideologie ist, kann man kein konkretes politisches Programm aus ihm ableiten. 8. Zwischen Vollendung der Herrschaft Gottes und der klassenlosen Gesellschaft des kommunistischen Manifestes „besteht ein qualitativer Sprung“. Norbert Greinacher hat sich deshalb für den demokratischen Sozialismus entschieden, möchte das aber nicht allen Christen vorschreiben, denn zuerst kommt das Gewissen. (37)
Ulrich Peter nimmt in diesem Heft Abschied von der Redaktion.
CuS 2/98 hat den Schwerpunkt 150 Jahre Kommunistisches Manifest. Vorstandsmitglieder waren Dr. Martina Ludwig, Chemnitz, Matthias Nauerth, Ellerbek, Philipp Stratmann, Tübingen. Zur neuen Redaktion gehörten Darius Dunker, Aachen, Maik Eisfeld, Schlotheim, Udo Fleige, Tübingen, Jürgen Gorenflo, Karlsruhe, Matthias Nauerth, Ellerbek, Christa Peter, Berlin, Oliver Wildner , Hamburg.
Frank Deppe, * 1941, em. Prof. f. Politikwissenschaft, heute in der Redaktion Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung, schrieb den Artikel: Hat der Sozialismus eine Zukunft? Ausgehend vom Zusammenbruch des sog. „Realsozialismus“ erinnert er an den Begriff „Siegkrise“ von Ulrich Beck und sieht ein „globales Katastrophenprogramm“ vor uns. Freilich ist dem Sozialismus sein „Fortschritts- und Geschichtsoptimismus“ abhandengekommen. Eine Renaissance der Konzepte der revolutionären Arbeiterbewegung ist für ihn ausgeschlossen. (5) Jedoch werden auch „in der Zukunft gewerkschaftliche und politische Organisationen“ gegen die „Despotie des Kapitals“ notwendig sein. Gegenüber früheren Zeiten wird der „ ‚Block der progressiven Kräfte’ bunt, pluralistisch, autonom in Bezug auf die Artikulation von Interesse usw. sein müssen.“ Der Marxismus-Leninismus hatte einen monistischen Wahrheits- und Führungsanspruch, litt an etatistisch-bürokratischer Verknöcherung und „Reformunfähigkeit“ Die Gründe für sein Scheitern sind zu ermitteln: Lag es an der „Staatsfixiertheit“? Staatseigentum plus Planwirtschaft war nur in der Aufbauphase effizient. Zentral ist die Frage nach dem Verhältnis von Sozialismus und Demokratie „Wie sind Vergesellschaftung, Produzentendemokratie und Formen der repräsentativen und der direkten Demokratie zusammen mit dem Schutz der Menschenrechte und der Sicherung der Rechtsstaatlichkeit miteinander zu verbinden?“ (6) Während früher im Sozialismus der Traum vom Ende der Geschichte in einer klassenlosen Gesellschaft nach quasi naturgesetzlichem Prozess vorherrschte, möchte er nun als sozialistisch bezeichnen „die Bewegungen zur Verwirklichung der Menschenrechte, der Gleichheits- wie der Freiheitsrechte.“ Immer noch bzw. nach dem Sieg des Kapitalismus über den Staatssozialismus bestehen zentrale Widersprüche: globale Spaltungen zwischen Armut und Reichtum, Zerstörung der Natur, Belastungen des Klimas, Wassers, der Böden usw., Schwächung der Nationalstaaten, Aufblähen des fiktiven spekulativen Kapitals, Wachstumsschwäche, Armut, Ausgrenzung von Schichten der Bevölkerung, Krise der politischen Kultur. Zerstörung der Demokratie als Folge der Vorherrschaft globaler Märkte und der Privatisierung des öffentlichen Dienstes“ (Pierre Bourdieu). „Totalisierung des Kapitalismus bedeutet zugleich seine zunehmende Verwundbarkeit durch seine eigenen Widersprüche und durch oppositionelle Politik“. (9/10) Gewaltige Verteilungskämpfe in globalen Dimensionen stehen an um die Verteilung von Macht und Ressourcen zwischen Staaten und Staatengruppen, zwischen Klassen und Verbänden. Proteste und Widerstand gegen den „Primat der Deflations- und Austeritätspolitik“ gab es massenhaft.
Ein anderer bedeutender Artikel kommt von Wolfgang Ruge: Zu den Wirkungen des ‚Kommunistischen Manifests’“ Sein Leben ist mit diesem Thema tragisch verbunden. Bei Wikipedia erfahren wir: „Ruge wuchs in einem kommunistischen Elternhaus auf (Ruge ist der Ururenkel von Arnold Ruge), er war junger Pionier und Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes. Nach der NS-Machtübernahme flüchteten er und seine Familie 1933 in die Sowjetunion. Dort wurde sein älterer Bruder Walter Ruge >(http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-044)> verhaftet und der Vater Erwin Ruge im Frühjahr 1938 in das nationalsozialistische Deutschland abgeschoben <(Wolfgang Ruge: Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion, Reinbek: Rowohlt Verl., 2012, S. 83-84)>. Ruge studierte nach seinem Abitur Geschichte in Moskau <(Wolfgang Ruge: Lenin. Vorgänger Stalins. Matthes & Seitz Berlin 2010, S. 8.)> Fassungslos erlebte er dort mit, wie sich unter dem Terror Mitte der 1930er Jahre die Reihen der Altkommunisten und Emigranten lichteten <(Frank Quilitzsch: Verbannt auf ewige Zeit. Erschütternde Lektüre: Wolfgang Ruges traumatische Erlebnisse in Stalins Lagern. Thüringische Landeszeitung, 7. Juli 2012)>. Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion wurde er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau wegen seiner deutschen Herkunft nach Kasachstan deportiert, ein Jahr später von ihr getrennt und als Zwangsarbeiter in ein Straflager des Gulags in den Nordural verschickt. Dort wurde er unter Bedingungen der völligen Willkür und Essenzuteilung nach Normerfüllung zu Schwerstarbeit, wie Holzfällen, eingesetzt <(Frank Quilitzsch: Verbannt auf ewige Zeit)>. Drei Jahre nach Ende des Krieges zerschlugen sich Ruges Hoffnungen, das Lager als freier Bürger verlassen und zu seiner Frau in die Steppe zurückkehren zu können. Seine Strafe wurde in „Ewige Verbannung“ umgewandelt. Er durfte den Lagerort per Dekret zeitlebens nicht mehr verlassen. Ruge konnte jedoch 1948 unter Umgehung des Verbannungsregimes ein Fernstudium der Geschichte in Swerdlowsk absolvieren. Im Nordural-Straflager Soswa fristete Ruge ein karges Leben zusammen mit seiner dritten Frau.
Erst 1956 gelang Ruge zusammen mit seiner Frau und zweijährigem Sohn Eugen die Ausreise in die DDR. Ihm wurde eine Stelle am Institut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften in Berlin angeboten. Ruge wurde einer der bekanntesten Historiker der DDR mit dem Spezialgebiet Weimarer Republik und Aufstieg des Faschismus. Ruge wurde Mitglied in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und blieb auch nach 1990 Mitglied der SED/PDS <(http://www.stiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=2941 Abgerufen 20. März 2012)>. 1959 promovierte Ruge in Berlin über die Besetzung des Ruhrgebiets 1923 (Die Stellungnahme der Sowjetunion gegen die Besetzung des Ruhrgebietes 1923 und die deutsch-sowjetischen Beziehungen während derZeit des passiven Widerstandes. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1962). Ruge erhielt später eine Professur für Geschichte.
Ruge wurde Nationalpreisträger und erhielt den Vaterländischen Verdienstorden in Silber sowie die Ehrendoktorwürde der Universität Jena.
Wolfgang Ruges Sohn ist der Autor und Regisseur Eugen Ruge. Dieser unterstützte seinen inzwischen alten Vater bei der Herausgabe der zweiten Auflage seines autobiographischen Berichts im Rowohlt-Verlag (2012): Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion. Wolfgang Ruge hatte zur DDR-Zeit darüber nicht publiziert, aber Aufzeichnungen angefertigt, die er später verwerten konnte< (Frank Quilitzsch: Verbannt auf ewige Zeit.)>. In Eugen Ruges preisgekröntem Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts trägt der Historiker Kurt Umnitzer Züge Wolfgang Ruges.“
Der Artikel gibt ein Referat W. Ruges wieder, das er bei einer Veranstaltung der Vereinigten Linken (Die Vereinigte Linke verstand sich als basisdemokratische Bewegung von der Gründung 4. Sept. 1989 bis zum Zerfall und zur Auflösung 19. Okt. 2013) „In der Geschichte gibt es keinen Endpunkt“, anders als Marx und Engels meinten, die den Klassenkampf schon vor der Entscheidung sahen, stellt W. Ruge gleich zu Beginn klar unter der Überschrift: „Sie glaubten, zu wissen. Andererseits die Tendenzen des Kapitalismus beschrieben zu haben „Herausbildung des Weltmarktes, Herrschaft des ‚nackten Interesses’“ und „eine der gesellschaftlichen Triebkräfte“, den Klassenkampf, beschrieben zu haben, wertet er als „die größte geisteswissenschaftliche Leistung des wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhunderts“. „Der Glaube der Kämpfer, mit ihrem Einsatz im Klassenkonflikt das entscheidende Glied des Weltgeschehens gepackt zu haben, vermittelte ihnen die Gewissheit, für eine gerechte Zukunft zu streiten.“ Entsprechend kam es bereits im 19. Jahrhundert zur Bildung proletarischer Organisationen, was – wie Franz Mehring 70 Jahre später in seiner Biographie über Karl Marx schrieb – die Wahrheit des Manifests bestätigte, wenn auch breite Schichten eine mit Kleinbürgern vergleichbare Verbesserung ihrer Lage erreicht hatten. (15) Als die Sowjetunion sich unter schwierigen Bedingungen behauptete, „stellte sich für den Kapitalismus die Überlebensfrage, auf die er mit unterschiedlichen Methoden reagierte – von der Abwiegelung von Revolutionen (z.B. der deutschen Novemberrevolution) über politische Zugeständnisse an den gemäßigten Flügel der Arbeiterbewegung bis hin zu Etablierung faschistischer Regimes.“ Es gelang der bürgerlichen Gesellschaft, „die von Marx und Engels als nächste Aufgabe der Kommunisten bezeichnete ‚Bildung des Proletariats zur Klasse’ weitgehendrückgängig zu machen.“ Seit 1945 hat sich der Lebensstandard infolge zivilisatorischer „Leistungen der Klassengesellschaft“ so erhöht, dass die Arbeitenden mehr zu verlieren haben als nur ihre Ketten. W. Ruge fragt deshalb: Wie konnte es zu solchem Paradigmenwechsel kommen? Bei der Rückständigkeit des Zarenreichs hatte die Revolution in Russland den „Höhegrad der Entwicklung der Produktion nicht erreicht, der – nach Engels – vorauszusetzen war. „Hatten Marx und Engels 1948 erklärt, ‚der erste Schritt der Arbeiterrevolution … ist die Erkämpfung der Demokratie’, so konnte von einer wirklichen Mitbestimmung der Produzenten unter Stalin keine Rede sein, erst recht nicht von der ‚freien Entfaltung eines jeden’, die nach dem Kommunistischen Manifest ‚die Bedingung für die Entfaltung aller“ sein sollte. Es herrschte nicht das Proletariat, nicht einmal die Partei, sondern die dem Diktator liebdienernde Nomenklatura und deren Spitze, die Geheimpolizei.“ (18) Nach bekannt Werden der Verbrechen des Stalinismus „zerfielen die Reste der revolutionären Weltbewegung.“ Als „Großtat“ des Manifests bleibt, „das Wesen des Klassenkampfs ergründet zu haben.“ Sowie das „humanistische Anliegen“. (20)
Ulrich Peters Beitrag heißt: Kommunistisches Manifest: Was bleibt heute? U. Peter zitiert den Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der das Manifest „bestürzend aktuell“ nennt. In der wirtschaftlichen Globalisierung degeneriert ein Land zum „Standort“, Menschen werden als ‚freizusetzende Kräfte’ verdinglicht“. Die Utopie von Gerechtigkeit dürfe „nicht aufgegeben werden“. Eine neue fundamentale Gesellschaftskritik solle kommunistische Ideen aufnehmen, „allerdings geläutert durch die Erfahrungen unseres Jahrhunderts. Nie wieder dürften dabei Freiheit und Gleichheit gegeneinander ausgespielt werden, an die Seite des ‚Gleichheitsmanifestes‘ müsse ein ‚Freiheitsmanifest’ gestellt werden.“ (21) U. Peter meint: „Die Analysen der objektiven Grundstrukturen des Kapitalismus und seiner Entwicklungsdynamik waren wesentlich genauer als ihre politischen Schussfolgerungen“. Was 1948 revolutionär klang, „kann heute als eine knappe Beschreibung des Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts gelesen werden.“ Dagegen die Verelendungstheorie „ist gerade durch die Klassenkämpfe widerlegt worden“. Dass Krise im Kapitalismus das „proletarische Bewusstwerden“ quasi gesetzmäßig fördert, hat sich als „nicht realistisch“ erwiesen. Allerdings – nach Peter von Oertzen – wirken „auf der Basis einer objektiven Klassenlage“ „ökonomisch-soziale Interessen, kulturelle Traditionen, die Erfahrung politisch-sozialer Kämpfe und bewusste organisatorische und politische Anstrengungen“ zusammen als „Resultat eines historischen Lernprozesses“ (23)
In CuS 3/98 werden Lebensbilder religiöser Sozialisten vor Augen gestellt. Ulrich Peter erinnert an Harald Poelchau (1903-1972) Pfarrer – Sozialist – Humanist. Harald Poelchau wuchs in Brauchitschdorf (heute Ortsteil Chróstnik von Lüben) auf. In dem kleinen schlesischen Ort war sein Vater evangelischer Pfarrer. Nach dem Abitur studierte er ab 1922 evangelische Theologie in Bethel, Tübingen und Marburg. In Tübingen war er Sekretär des Köngener Bundes. Als Werkstudent bei Bosch in Stuttgart erhielt er Einblick in die industrielle Arbeitswelt. Nach dem ersten theologischen Examen 1927 in Breslau studierte er Wohlfahrtspflege und staatliche Fürsorgepolitik an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin. 1928 heiratete er die Bibliothekarin Dorothee Ziegele. Poelchau war als Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe in Berlin und Assistent von Paul Tillich in Frankfurt/Main tätig. 1931 absolvierte er in Berlin sein zweites Staatsexamen und promovierte bei Tillich in Frankfurt/. Die Diss. erschien 1932 als Buch „Das Menschenbild des Fürsorgerechts: Eine ethisch-soziologische Untersuchung“. Er gehörte auch zu den Autoren der „Neuen Blätter für den Sozialismus“. Harald Poelchau bewarb sich Ende 1932 um eine Stelle als Gefängnisseelsorger und trat am 1. April 1933 seine Stelle als erster vom NS-Regime eingesetzter Geistlicher in einer Strafanstalt an, eine Möglichkeit noch frei arbeiten zu können. Als Justizbeamter arbeitete er am Berliner Gefängnis Tegel sowie an verschiedenen anderen Gefängnissen wie Plötzensee und Moabit. 1934 schloss er sich der Bekennenden Kirche an. 1938 wurde sein Sohn Harald geboren. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Oppositionelle zum Tode verurteilt. Bis 1945 sollte Poelchau etwa eintausend Menschen zur Hinrichtung begleiten. Er schmuggelte heimlich Briefe und Nachrichten aus bzw. ins Gefängnis. Bei der Deportation von Juden seit Oktober 1941 aus Deutschland vermittelte das Ehepaar Unterkünfte in seinem großen Bekanntenkreis. zustande. Ruth Andreas-Friedrich, Mitgründerin der Widerstandsgruppe „Onkel Emil“, und der Gefängnispfarrer arbeiteten zusammen. Seit 1941 gehört er zum Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und nahm an den Tagungen der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis teil. Nach dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 betreute der Gefängnisseelsorger viele der am Attentat Beteiligten. Die umfangreiche oppositionelle Arbeit von Harald Poelchau blieb bis Kriegsende unentdeckt. Als die Strafanstalt Tegel aufgelöst wurde, erlebte er den Zusammenbruch des NS-Staats in Süddeutschland. Gemeinsam mit Eugen Gerstenmaier baute er 1945 in Stuttgart das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen auf und wurde dessen Generalsekretär. Ab 1946 wieder in Berlin, engagierte sich Poelchau in der Sowjetischen Besatzungszone im Gefängniswesen der Zentralen Justizverwaltung. Als Poelchau seine Vorstellungen nicht durchsetzen konnte, ging er in den Westen. Von 1949 bis 1951 war er erneut Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel. 1951 ernannte ihn Otto Dibelius zum ersten Sozial- und Industriepfarrer der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Dieser Aufgabe widmete sich Harald Poelchau bis zu seinem Tod im Jahr 1972.
Auf der Tagung des BRSD gemeinsam mit der Kommende (Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn), Dortmund, am 1./2. Mai 1998 zum Thema „Kirche und Arbeiterbewegung – ein (un)gebrochenes Verhältnis? hielt Klaus Kreppel ein Referat „Brauchen wir wieder Sozialistinnen und Sozialisten? Er sagte: Persönlichkeiten brauchen wir „als Anknüpfungspunkte für persönliche Identitätssuche“ und „nachwachsende“ Sozialist(inn)en brauchen sie, um Legitimität nachzuweisen. (21) Deshalb stellte er „das Beispiel Walter Dirks vor. Walter Dirks wurde am 8. Januar 1901 in Hörde geboren. Die Mutter, die sein Verständnis für die Arbeiterbewegung weckte, arbeitete als Fürsorgerin. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten Paderborn und Münster Theologie und trat dem Quickborn bei. Neben anderen veranlassten Dirks insbesondere die Schriften Wilhelm Hohoffs zum Studium des jungen Karl Marx. Dirks war der Sekretär Romano Guardinis.1924 wurde er Redaktionsmitglied der Rhein-Mainischen Volkszeitung. Von 1928 bis 1931 betreute der die Zeitschrift des Friedensbundes Deutscher Katholiken. Er setzte sich im Gotteslästerungsprozess gegen den Maler George Grosz in der Weimarer Republik als Gutachter der Verteidigung für die Freiheit der Kunst ein. Seit 1934 war Dirks Musikkritiker der vom Regime geduldeten Frankfurter Zeitung, ab 1938 deren stellvertretender Feuilletonchef. Obwohl er in dieser Zeit keine politischen Kommentare abgab, erhielt er 1943 Schreibverbot und arbeitete für den Verlag Herder. Er kritisierte die Wiederaufrüstung Deutschlands und war Pazifist. Gemeinsam mit Eugen Kogon und Clemens Münster gab er ab 1946 die Frankfurter Hefte heraus, die den Aufbau einer Demokratie auf der Grundlage eines christlichen Sozialismus anstrebten. Seit 1949 war er innenpolitischer Kommentator beim Südwestfunk, gleichzeitig arbeitete er 1953 bis 1956 am Frankfurter Institut für Sozialforschung und gab dort zusammen mit Theodor W. Adorno die Frankfurter Beiträge zur Soziologie heraus. 1956 bis 1967 leitete er das Kulturressort des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Walter Dirks starb am 30. Mai 1991 in Wittnau.
Das Beispiel Wilhelm Hohoff. Über ihn hat Klaus Kreppel seine Diss. geschrieben, als Buch „Entscheidung für den Sozialismus. Die politische Biographie Pastor Wilhelm Hohoffs 1848-1923“ Schriftenreihe des Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung 114, Bonn-Bad Godesberg 1974.
Wilhelm Hohoff wurde 1848 in Medebach geboren. Von 1866 an studierte er Theologie und Philosophie in Münster, Bonn und Marburg, Paderborn und wurde er 1871 zum Priester geweiht. Er war zwischen 1871 und 1885 Kaplan auf Schloss Hüffe (Kreis Lübbecke), danach Vikar in der kleinen Diasporagemeinde Petershagen bei Minden, ehe er wegen dauernder Krankheit 1905 die aktive Seelsorge aufgeben musste. „Hohoff glaubte, nachdem er bereits im Jahr 1873 den ersten Band des Marx’schen „Kapital“ gelesen hatte, dass hier eine alte ökonomische Wahrheit wiederentdeckt worden sei, die bereits Aristoteles und Thomas von Aquin formuliert hatten; sie besagt, dass allein die menschliche Arbeit Faktor („causa efficiens“) und Maßstab („communis mensura“) ökonomischer Werte sei. Hieraus leitete Hohoff den Bewertungsmaßstab für den Austausch unterschiedlicher Güter ab und fand ihn im thomistischen Äquivalenzprinzip, das sich an der Ausgeglichenheit von Leistung und Gegenleistung orientiert. Das, was Thomas von Aquin noch als ethische Norm für den Wert eines Produktes deklamiert hatte, erklärten bürgerliche Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo zum ‚Produktionsfaktor’, und dies wiederum dürfte Karl Marx inspiriert haben, die Arbeitskraft als Quelle von mehr Wert zu charakterisieren, als sie in ihrem verdinglichten Charakter in Lohn zurückerhält. …Und Hohoff interpretierte diesen von Marx aufgezeigten ‚Mehrwert’ mit seinem bescheidenen scholastischen Begriffsinstrumentarium als Differenz zwischen hohem ‚Gebrauchswert’ der Arbeit an sich und niedrigem Tauschwert der konkreten Lohnarbeit unter den gegebenen kapitalistischen Produktionsbedingungen.“ (25) „Daraus folgerte Hohoff, dass der Streit („Klassenkampf“) um die gerechte Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums zugunsten des Wertfaktors Arbeit sittlich gerechtfertigt sei. Hohoff lieferte sich mit August Bebel 1874 eine öffentliche Kontroverse, die unter dem Titel „Christentum und Sozialismus“ veröffentlicht wurde. Mit seinem bekannten Satz: „Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser“ erteilte Bebel den Hoffnungen Hohoffs auf ein Zusammengehen zunächst eine klare Absage. Hohoff hingegen versuchte, durch sein gesamtes wissenschaftliches Werk Bebel vom Gegenteil zu überzeugen, nämlich, „dass nicht Christentum und Sozialismus, sondern Kapitalismus und Christentum sich einander gegenüberstehen wie Wasser und Feuer“. Wilhelm Hohoff war der erste und einzige katholische Theologe, der Teile der Marx’schen Thesen öffentlich verteidigte und für eine Verständigung zwischen Christentum und Sozialismus eintrat. Aufgrund dessen wurde Hohoff in der öffentlichen Auseinandersetzung als der „Rote Pastor“ bekannt. Als Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts bekannt wurde, dass sich viele Katholiken unter Berufung auf Hohoffs Schriften der SPD und den Freien Gewerkschaften anschlossen, sollte Hohoff nach Aufforderung des Paderborner Generalvikars öffentlich dagegen Stellung nehmen. Dieser Aufforderung kam er nicht nach, sondern gab folgende Stellungnahme ab: „Ich erkläre hiermit, dass ich Sozialist und Demokrat bin. Ich gehöre der sozialdemokratischen Partei aber nicht an. Insbesondere will ich nichts wissen von Unglauben und Atheismus. Ich bin gläubiger katholischer Priester.“ Nach Hohoff habe ein Katholik das Recht, Sozialdemokrat zu sein. Nur wenn eine Glaubensgefährdung bestünde, sei es „zweifellos moralisch unzulässig, sich solchen Kreisen anzuschließen“. Hierauf wurde Hohoff am 8. August 1922 im Kirchlichen Amtsblatt gerügt, wogegen er protestierte. Die Auseinandersetzung Hohoffs mit dem Generalvikar stellt Klaus Kreppel detailliert dar. Wikipedia schreibt über die Wirkung , die bis zu Klaus Kreppel reicht: „Auch die Gruppe der „Katholischen Sozialisten“ um das „Rote Blatt“, das von Heinrich Mertens und Ernst Michel herausgegeben wurde, berief sich auf Hohoff. Die Generation der „Achtundsechziger“ um die Zeitschrift Kritischer Katholizismus, vor allem ihr Redakteur Klaus Kreppel, setzte sich mit Wilhelm Hohoffs Sozialismus-Rezeption auseinander.“
Andere Artikel in diesem Heft waren: Darius Dunker: Weg ohne Ziel? Deutschland nach der Wahl (Die Wahlbeteiligung betrug 82,2%. SPD 40,9% (+4,5 %) 298 (+46) Mandate, zum ersten Mal seit 1972 stärkste Bundestagsfraktion; CDU/CSU, 35,1% (−6,3 %) Mandate 245 (−49) Erstmals seit 1949 unter der 40-%-Grenze; Bündnis 90/Die Grünen 6,7% (−0,6 %), Mandate 47 (−2); FDP 6,2% (−0,7 %) Mandate 43 (−4) Das bis dahin zweitschlechteste Ergebnis auf Bundesebene überhaupt; PDS 5,1% (+0,7 %) Mandate 36 (+6) erstmals Fraktionsstatus, Sonstige 6,0% (+2,4 %), u. a. Republikaner 1,8%, DVU 1,2%, insgesamt 669 Mandate, darunter 13 Überhangmandate (alle für die SPD).)
Siegfried Böhringer: Als Hunderttausend aufstanden für eine andere Politik (Großdemonstration in Berlin 20. Juni 1998 (Basisgruppen, Kircheninitiativen, Träger(innen) der Erfurter Erklärung), Siegfried Böhringer: Das Europäische Kairos-Dokument, Heinz Halm: Islam und Islamismus – Eine notwendige Begriffsklärung, Jürgen Schübelin: Pinochet vergessen? Chile, 25 Jahre nach dem Militärputsch, Jürgen Schübelin: Gero Cemballa über die Colonia Dignidad, Dörte Münch: Auf dem Weg zu einer neuen Sensibilität. Dorothee Sölles „Mystik und Widerstand“, Erhard Griese: Sorgt euch nicht zu sehr um das Reich Gottes!
In CuS 4/98 wurde an das 50jährige Bestehen der Zeitschrift erinnert. In einem Grußwort schrieb ich: „Religiöse Sozialisten/innen und ihre Zeitschrift muss es immer wieder geben. Diesen Eindruck kann man bei der Rückschau gewinnen. „Sonntagsblatt des Arbeitenden Volkes” war der Traditionsname während der Weimarer Zeit vom Erscheinungsjahr 1924 bis zum Ende während des totalitären Staates 1933. Die Probenummer 1 im September 1948 nimmt die Tradition wieder auf und betont die Notwendigkeit religiöser und gesellschaftlicher Erneuerung, nachdem Kapitalismus und Militarismus, Mammons- und Molochdienst für Weltkrieg und Massenelend verantwortlich zu machen waren (Eberhard Lempp). Im April 1949 heißt die Zeitschrift „Christ und Sozialist” und gibt Mitteilungen von 9 Arbeitskreisen oder Landesarbeitsgemeinschaften für Christentum und Sozialismus weiter.
Als wir im Jahr 1975 mit einer Schar von Lehrenden und Lernenden an der Universität hinzukamen, war wieder ein Neuanfang nötig. Die Gruppe Bielefeld forderte im Januar 1977 vom Bund Kritik an repressiven Strukturen, Solidarität mit Unterdrückten, Kampf für soziale Gerechtigkeit, für eine Entspannungspolitik, für Durchsetzung von Menschenrechten u.a.m. Auf der Mitgliederversammlung in Frankfurt, 18. Juni 1977, sorgten die Gruppen Bochum und Bielefeld, verbündet mit 4 Mitgliedern des alten Vorstands, für den notwendigen Kurswechsel. Im Sinne genannter Forderungen wurde das Gelb der von Heinrich Schleich herausgegebenen Hefte durch die Signalfarbe Rot ersetzt. Die „Vorläufige Leitsätze” bekannten sich zu den „historischen Wurzeln des Religiösen Sozialismus”.
Für die junge Generation war es wichtig, eine Tradition kennen zu lernen, die sich im Kampf gegen den Faschismus bewährt hatte. Bisher war immer nur von der Bekennenden Kirche die Rede gewesen, die doch zunächst rein defensiv unter der Losung „Kirche muss Kirche bleiben” Übergriffe des totalitären Staates abgewehrt hatte. Aber die religiösen Sozialisten hatten von Anfang an die Nazis in politischer und theologischer Argumentation mutig bekämpft, vor Antisemitismus und Militarismus gewarnt. Glaubwürdig waren die religiösen Sozialisten, weil ihre politischen Analysen zutreffend waren, ihre Politik den demokratischen Staat verteidigen und sozial gestalten wollte und ihre theologische Einsicht christliches Hoffen und Handeln in der Zeit völkischen Heidentums bewahrte. Unvergesslich blieben uns Gespräche mit den alten Kämpfern auf unseren Jahrestagungen.
Unser historisches Interesse verstanden wir im Sinne Ernst Blochs: „Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist. Die religiös-sozialistische Tradition für die Gegenwart fruchtbar machen, hieß für uns: Gesellschaftliche Zustände sollten wir nicht als unveränderlich ansehen oder gar verklären. Ausrufen sollten wir dagegen die umstürzende und verwandelnde Kraft des Gottesreiches, das Gerechtigkeit will, dem wir uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stellen sollen. Das war unser religiöser Impuls. Die Tradition eines demokratischen und freiheitlichen Sozialismus sollten wir unserer Gesellschaft neu bewusst machen und sie weiterentwickeln. Das war unser politischer Wille. Christentum und Sozialismus sollten wir dialektisch aufeinander beziehen: Die Tat der Nächstenliebe auf den Weg zu einer menschenwürdigen Gesellschaft, die Hoffnung auf einen „neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt” (2. Petr. 3,13) auf die Utopie von einer Gesellschaft der freien und gleichberechtigten Menschen. Darin sahen wir eine dauernde Aufgabe. Wir fanden, dass die schwedischen Freunde an der Seite von Ministerpräsident Olaf Palme uns in vielem ein Vorbild sein konnten.
Ein Forum ist diese Zeitschrift gewesen für Christinnen und Christen, Sozialistinnen und Sozialisten. Es spiegelte oft ihre Wut über menschenunwürdige und Umwelt verwüstende Zustände und ihre Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit, Frieden und Ehrfurcht vor dem Leben. Manche haben unsere Bewegung wieder verlassen, andere sind uns in die Ewigkeit vorangegangen, andere sind hinzugekommen. Weggenossinnen und Weggenossen sind wir gewesen, bei der Lektüre zu gegenseitiger Anregung, auf Demonstrationen, Brüder und Schwestern, katholisch und protestantisch zusammen feiernd in Abendmahls- bzw. Eucharistie-Gottesdiensten, Vorhut der Ökumene. In unserm großen Land, in vielen Ländern überall Freundinnen und Freunde zu haben, die von einander lernen und gemeinsam Gutes tun können, erfüllt mit Freude. In den letzten Wochen haben wir mit Olivia aus Nicaragua das 10 jährige Bestehen unseres Volksbildungsprojekts gefeiert. Wir haben den Wechsel zugunsten einer rot-grünen Regierung gefeiert. Es ist zu hoffen, dass unsere Forderungen mehr Widerhall finden. Zu tun bleibt genug, für jede(n) an seinem /ihrem Platz. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Schwestern, zum Lichte empor!”