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Kruck, Christoph: „Kommt her, mir nach!“ (Mk 1,17) – Aufbrechen und Unterwegsein als Kennzeichen christlicher Existenz, Hamburg 2026 (Verlag Dr. Kovac), 186 Seiten, 84,80 €. (Schriftenreihe THEOS. Studienreihe Theologische Forschungsergebnisse, Band 188)

Die aktuelle Kirchenkrise und die damit verbundene zunehmende Bedeutungslosigkeit und Beliebigkeit der Volkskirchen und vielfach des Christentums überhaupt erzeugt ganz unterschiedliche Prozesse der Kirchenentwicklung. In diesem Kontext – gerade bei der oft als Lösungsweg popagierten Anknüpfung an moderne Prozesse und Trends einer Service- und unternehmerischen Kirche – setzt das Buch von Christoph Kruck an: Denn Wandern, Pilgern, ja Wallfahrten sind bei vielen Menschen heute wieder „in“. Dabei ist sein theologischer Anspruch – wie der Titel seines Buches andeutet  – umfassender.

Unter dem Titel „‘Kommt her, mir nach!‘ (Mk 1,17) – Aufbrechen und Unterwegsein als Kennzeichen christlicher Existenz“ widmet sich der Autor dem Topos des Aufbruchs und Unterwegseins – prägend für die biblische Botschaft und für die christliche Existenz. Dabei Schrift (Kap. 2+3: AT, NT) und Tradition (Kap. 4-6: Aufbrüche im Ordenswesen, Geschichte des Pilgerwesens mündend in die ecclesia peregrinans des II. Vaticanums, pneumatologische Grundlegung der Kirche und ihres sakramentalen Wirkens) befragend, zieht C. Kruck im 7. Kapitel das „Resümee“ seiner Untersuchung. Danach hat er „die fundamentale Bedeutung der Haltung des Aufbruchs und des Unterwegseins als Charakteristikum christlicher Existenz (..) auf diese Weise herausgearbeitet und geschärft, indem sie deutlich von jeder Form eines reinen Aktionismus unterschieden wird, wie er in den gegenwärtigen Strömungen teilweise zum Ausdruck kommt. Authentischer Aufbruch gründet dagegen stets im dreifaltigen Gott und sucht allein ihn zu verherrlichen.“ (6f.) Immer wieder neu Aufbruch dabei schenkt der Kirche und den einzelnen Christen der Heilige Geist als Tröster und Beistand (vgl. 160), konkretisiert in den 7 Sakramenten der (katholischen!; JMH) Kirche: „Die Sakramente schenken Kraft zum Aufbruch ebenso wie für den Weg der Christen durch die Zeit auf Erden“ (160).

Der Autor versteht mit Walter Nigg das wirkliche (?; JMH) Pilgersein als quasi zeitloses Existential von Christ:innen. Das bloße Dasein des wirklichen Pilger ist dabei machtvolle Erinnerung an den vorläufigen Charakter irdischen Lebens, das nie endgültiges Sein in sich schließt. Und dies hat Folgen: „Diese Absage an die der reinen Endlichkeit verschriebene Lebensform greift letztlich viel tiefer als die sozialen Revolutionen (!; JMH), die meistens nur eine Vertauschung der Rollen innerhalb der Besitzverhältnisse bewirken, ohne sie in entscheidender Weise zu durchbrechen“ (8). Der Pilger erringt hingegen nach Nigg (und Kruck) die wahre Freiheit durch das Durchschauen des Haftens an den Dingen; mittels religiöser Überwindung der bloßen Diesseitigkeit gewinnt er ein reales Verhältnis zur Ewigkeit durch die er allein in der Todessituation vor Verzweiflung geschützt ist. (vgl. 8)

Die durchweg binnenkirchliche Sprache des Buches  – teilweise pastoral – homiletisch – katechetisch angehaucht – , aber auch die wenigen Abbildungen und diverse Hinweise/Warnungen des Autors- wirken katechismusartig, darüber hinaus z.T. stark vereinfachend und oft inhaltlich konturlos wie Leerformeln (z.B.: „authentischer Aufbruch gründet .. stets im dreifaltigen Gott“). Ein linearer, quasi bruchfreier Weg führt dabei in Krucks Untersuchung von Abraham zu Jesus und von ihm zur katholischen Kirche. Kritische Reflexion bleibt insgesamt vielfach außen vor, so z.B.:

  • Bei der Beschreibung Abrahams als singuläres Vorbild im AT wird die frag-würdige Erzählung von Isaaks Bindung (Gen 22) bis auf eine kurze Erwähnung als „abgründige Probe“ in einem Zitat (vgl. 13) nicht im Kontext des von Gott angestoßenen Aufbruchs des Stammvaters Israels gedeutet.
  • Die Aufnahme der Exodustradition bleibt – trotz der Betonung ihrer Wichtigkeit – weitgehend kontur- und inhaltslos: Dass keine Befreiung so grundlegend und nachhaltig gewesen ist (vgl. 20), wird gerade nicht am „Sklavenhaus“ Ägypten verdeutlicht, sondern bloß behauptet. „Ägypten“ als Chiffre für Verhältnisse, in denen Menschen immer wieder gesellschaftlicher und religiöser Herrschaft unterworfen werden, bleibt völlig ausgeblendet!
  • Die Wüstenwanderung zum Gottesberg hätte nach Kruck „theoretisch“ die Möglichkeit zur  inneren (!;JMH) Reinigung und Loslösung von den Mustern der Sklaverei bewirken können (vgl. 20), doch Israel scheitert immer wieder durch sein Murren. Exegetisch unsauber werden hierbei von Kruck die Unterschiede in den Murr-Erzählungen der Wüstenwanderung eingeebnet. Denn wenn die Existenz der Israeliten durch Mangel an Wasser oder Hunger gefährdet ist, straft Gott das Murren des Volkes nicht, vielmehr beseitigt er den Mangel! Kruck scheint es hier allerdings viel wesentlicher darauf anzukommen, durch Generalisierung der Ablehnung des Murrens durch Gott die Gläubigen (Katholiken) heute vor der bedrohlichen Gefahr des Murrens zu warnen! (vgl. u.a. 19-22, 33f).

Die Stärkung der Pilger im Glauben ist für den Autor – darauf verweisen die konkreten Warnungen gegenüber „Formen reinen Aktionismus“ als Menschenwerk (vgl. 156) und vor dem Laster des „Murrens“ (vgl. u.a. 34), d.h. dem zersetzenden Charakter des ständigen Klagens des Volkes Israel in der Wüste (vgl. 151) – aktuell scheinbar besonders notwendig. Denn heute steht (nach W. Nigg) „die Menschheit im Begriff (..), sich ihres (!; JMH) Christentums zu entledigen“ und wird „auch bereits weitgehend nicht mehr von dessen Gedankenwelt beherrscht“. (8)

Angesichts der Krise des Christentums bzw. der Kiche(n) befragt der Autor leider den Strom der Befreiung, der in den biblischen Traditionen und dem Gottesgedächtnis verbunden ist, nicht intensiv genug. So ignoriert er die von N. Lohfink bereits vor Jahrzehnten angemahnte Weltdimension der biblischen Botschaft, das „Jüdische am Christentum“, durch falsche Individualisierung, Privatisierung und Verjenseitigung des Evangeliums der Thora und des Gottesreiches fast weitgehend! Seine Ausführungen scheinen hierbei letztlich von Furcht vor der Welt und Furcht vor der revolutionären Kraft der biblischen Botschaft geprägt. Damit verbleiben sie im Rahmen des Christentums als bürgerliche Religion. Ob die Zukunftsfähigkeit des Christentums nicht „jenseits bürgerlicher Religion“ (J.B. Metz) liegt, ist für den Christoph Kruck in seinem Buch erst gar keine Frage.  Seine Untersuchung schließt vielmehr an die moderne Privatisierung von Religion an, bei ihm eingebettet in die sakramentalen Vollzüge der katholischen Kirche. Beleg für diese Privatisierungstendenz ist gerade auch die von Kruck dargebotene Sakramententheologie/-pastoral im Kontext des Topos von Nachfolge, Aufbruch und Unterwegssein: In ihr fehlt auffälligerweise weitgehend ein Reich-Gottes-Bezug der Sakramente – als Mangel in Theologie und Pastoral heute vielfach angemahnt (F. Kerstiens, N. Mette, U. Eigenmann, J. Kroth).

Horizont des Glaubens sind  in Krucks Untersuchung nicht Geschichte und Gesellschaft, sondern das private Leben der Einzelnen als Erdenpilger und der damit verbundenen Fragen nach dem Grund und Sinn ihres Lebens, der Endlichkeit ihrer Existenz (Pilgerschaft) und einer Hoffnung über den Tod hinaus. „Als Stärkung für den irdischen Weg hat Jesus seinen Jüngern und damit allen Christen den Heiligen Geist als Tröster und Beistande gesandt, der mit seinem ‚Hauch des göttlichen Lebens die irdische Pilgerschaft des Menschen durchdringt und die ganze Schöpfung – die ganze Geschichte – auf ihr letztes Ziel im unendlichen Meer Gottes ausrichtet‘.“ (160) Da  diese Stärkung für Christoph Kruck vor allem durch die bewusste Teilnahme am sakramentalen Leben der Kirche praktisch wird, ist es wohl seine Intention und die seines Buches, hierzu die Leser hinzuführen und sie dabei vor allen Gefahren des Pilgerweges (Aktivismus als Menschenwerk, Murren gegen Gott, Murren gegen die Kirche?) zu warnen!

Gegenüber Kruck ist zu betonen, dass gerade biblische Erinnerung, ein inhaltliches Bekenntnis zum Befreiergott Israels und seinen Taten sowie deren inhaltliche Reflexion in Geschichte und Gesellschaft den Kern des christlichen Glaubens ausmachen. Glaube als „gefährliche Erinnerung“ (J.B. Metz) verhindert gerade die Anpassung an die Verhältnisse (auch kirchlich!), vielmehr stellt dieser biblisch fundierte Glaube die politischen Rahmenbedingungen auch unserer Zeit grundsätzlich in Frage! Als „gefährliche Erinnerung“ wird er dann zum kritisch befreienden Einspruch gegen alle Verhältnisse, die Menschen erniedrigen, quälen und töten, vor allem aber gegen eine geschlossene Immanenz (des Kapitalismus/der Geschichte), die sich dagegen sperrt, dass sie durch Überschreiten ihrer Grenzen aufgebrochen wird.

Die Zukunftsfähigkeit des Christentums und die Zukunft der Kirche(n) hängt dabei nicht zuletzt von einer Kriteriologie und Praxeologie unter Bezugnahme auf die Reich-Gottes-Botschaft ab, d.h. einer Auslegung der Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums vom Reich Gottes und einem (kirchlichen) Handeln im Dienst am Reich Gottes (Urs Eigenmann). Von daher ist der Prognose des Kollektiv Anastasis zuzustimmen: „Der christliche Glaube wird auf der Seite der Revolution der Liebe und der Gerechtigkeit stehen oder er wird nicht sein.“ (Die Bedrängnis des Evangeliums)

P.S. Die formale (z.B. Abbildungen) und inhaltliche Ausgestaltung (kirchliche Binnensprache) der Veröffentlichung von Christoph Kruck verweisen indirekt auf den Kontext Gemeindeaufbau/-stärkung/-katechese und entsprechende Zielgruppen volkskirchlich strukturierter katholischer Gemeinden. Dem widerspricht allerdings der Preis des Buches drastisch!