Michael Holzmann: Eine Wurzel des Übels
Mit Fassungslosigkeit sehen wir mit Blick auf die Welt, dass die Dynamik der Entmenschlichung und der Entzivilisierung sowohl des gesellschaftlichen als auch des zwischenstaatlichen Lebens weiterhin ungebremst an Fahrt aufnimmt. Diese Verwahrlosung der Umgangsformen zeigt sich gesellschaftlich in der Präferierung rechter Parteien, denen Respektlosigkeit und Entwertung bestimmter Menschengruppen als ihr eigentliches Erkennungszeichen innewohnt. Auf der zwischenstaatlichen Ebene sehen wir Haltungen, die Konfliktlösungen mit Hilfe der Gewalt, mit dem Recht des Stärkeren, betreiben möchten. Die jahrelang wirkende Immunisierung der Bevölkerung gegenüber dem Rechtsextremismus lässt offensichtlich 80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs nach, obwohl die Faschisten nur 12 Jahre brauchten, um Europa in ein Meer von Blut und Elend zu stürzen. Ebenso verblasst die Erinnerung an den industriell betriebenen Massenmord an 6 Millionen Menschen, ein neugeschaffener Gipfelpunkt einer völlig entmenschlichten Kultur. Warum gelingt es nicht, aus diesem Elend nachhaltig die Welt zu zivilisieren und zu vermenschlichen? Alles blieb Stückwerk. Die Versuche, über die Schaffung der „Vereinten Nationen“ und einer regelbasierten Ordnung, die das Völkerrecht begründete, gewaltfreie Konfliktbewältigungsmechanismen zu schaffen, veränderten die Welt nicht grundlegend. Dies trifft auch auf Europa zu, obwohl gerade dort die Früchte einer Politik auf Augenhöhe und der gemeinsamen Sicherheit mit Hilfe vertrauensbildender Maßnahmen, im Übermaß geerntet werden konnten. Es sei erinnert an die deutsche Wiedervereinigung 1990, die ohne die von den Sozialdemokraten Egon Bahr und Willy Brandt initiierte Entspannungspolitik nicht vorstellbar gewesen wäre. Es begann dann eine Zeit, in der die Ressourcenverschwendung durch Rüstung erheblich reduziert werden konnte. Auch in Europa hält nun wieder der kalte Krieg Einzug, mitsamt einer scheinbar alternativlosen Logik der maximalen Aufrüstung gegen einen Gegner, dem wieder alles zuzutrauen ist. Eine ungeheuerliche Ressourcenverschwendung steht nun bevor, und dies trotz der so fundamentalen globalen Bedrohung der Lebensgrundlagen der Menschheit durch die Klimaerwärmung, die eigentlich die Bündelung aller Kräfte für das Umsteuern des fossilen Zeitalters in eine CO2-arme neue Zeit erforderlich macht.
„Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“, so Karl Marx in seinem Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“. Anders ausgedrückt: Der Kapitalismus hat sich mit ganzer Wucht seit der Zeitenwende von 1989/90 weltweit durchgesetzt, und jede Kapitalismuskritik mitsamt den Versuchen zu seiner Einhegung durch die Idee einer sozialen Marktwirtschaft marginalisiert. Er ist weit mehr als eine Organisationsform zur Deckung von Bedürfnissen, er ist nach Walter Benjamin eine Religion. Das zeigt sich darin, dass er letztlich den Menschen formt nach seinem Bilde. Es ist der Homo ökonomicus. Dieser ist ein Mensch, der das „immer mehr“ verinnerlicht hat, was ja für das Funktionieren des Kapitalismus zentral ist. Es ist die Lebensform der Anhäufung von Dingen. Es entsteht daraus der Glaube, je mehr wir haben können, umso besser geht es uns. Die zentrale Achse unserer bürgerlichen Gesellschaft ist das Privateigentum, was zu einem besitzfixierten Bewusstsein führt, dass sich eben nicht nur auf den Kauf von Waren beschränkt, sondern letztlich alle Lebensbereiche durchwirkt. Der Philosoph Rousseau betrachtet die Etablierung des Privateigentums als historischen Sündenfall, für ihn war dieses Ereignis der eigentliche Ausgangspunkt für die bis in unsere Gegenwart nicht enden wollende Kette an Verbrechen, Kriegen, und Morden. Rousseau formulierte in diesem Zusammenhang die Gegenposition dazu: „Ihr Menschen, ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören, der Boden aber niemanden“. Ferner bezeichnet Rousseau die Eigentumsfixierung als Feind der Freiheit. Große Freiheit sei nur möglich ohne großes Eigentum. Die Ungleichheit als Konsequenz einer eigentumsfixierten Gesellschaft rechtfertigt nach Rousseau den Willen zur Überwindung der Verfassung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft.
Die Erkenntnis Rousseaus, dass das besitzorientierte Denken der eigentliche „Urknall“ ist, der die Verwerfungen in der Gesellschaft erst schafft, verdient eine nähere Betrachtung. Die Beziehung des Menschen zu Dingen spielt in der Bibel eine zentrale Rolle. Es ist offensichtlich, dass der Mensch als ein Wesen mit Grundbedürfnissen, die ausreichend gedeckt werden müssen, besitzen muss. Mensch sein ohne Besitz ist nicht vorstellbar. Jedoch weist der Apostel Paulus in seinen Briefen nach, dass es eben verschiedene Arten und Weisen gibt, wie der Mensch mit lebensnotwendigen Dingen umgeht. Besitzen aus einer christlichen Perspektive braucht jedoch eine Voraussetzung:
Es ist der Entschluss, im „guten Leben“ anzukommen, in der Lebendigkeit des Lebens, in seiner Fülle. In diesem Kontext ist das Besitzen von Dingen etwas Untergeordnetes, nicht Lebenszweck an sich. Paulus verwendet eine paradoxe Sprache, um den christlichen Umgang mit Besitz zu erfassen. So im 2. Kor 6,4-10: “In allem erweisen wir uns….als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die, die nichts haben, und doch alles haben.“ Paulus empfiehlt also, Eigentum so zu besitzen, als besäße man es nicht. Dies ist also eine entschiedene Abgrenzung zum bürgerlichen Begriff des Privateigentums. Paradox formuliert geht es Paulus also um das nichthabende Haben.
Das bedeutet, Dinge loszulassen, damit wir von ihnen nicht besetzt werden. Diese Grundhaltung ist dann wie ein Sauerteig, der auch alle anderen Verhältnisse durchwirkt. Dies unterstreicht auch 1Kor 7,29-31:“Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine……und wer kauft, als würde er nicht Eigentümer.“ Dies ist eine glasklare Stellungnahme gegen das Patriarchat, das ja im Kern ein Besitzanspruch des Mannes über die Frau ist.
Für den Straßburger Mystiker Johannes Tauler (1300-1361) entscheidet sich die Gottesfähigkeit an der Art und Weise, wie wir mit dem Besitz von Dingen umgehen. – Predigt 62 – Denn niemand könne gleichzeitig 2 Herren dienen, Gott und dem irdischen Besitz. Das besitzfixierte Leben richtet nach Tauler unermesslichen Schaden an, verblendet die menschliche Urteils- und Einsichtsfähigkeit, lässt das Feuer der Liebe erlöschen. Schließlich verdirbt und verbaut es die Wege des inwendigen Zugangs zu Gott. Christlich leben birgt zumindest die Chance, der Habgier oder dem Götzendienst zu entkommen. Deshalb achtet darauf, so Tauler, womit ihr umgeht. „Suchet zuerst das Reich Gottes, Mt 6,33. Ein Schlüsselsatz. Es ist im Grunde der Seele verborgen. Die Erlösung von unserem Anhäufungswahn liegt also im Öffnen der Tür nach innen. Das Erschließen unserer inneren Wirklichkeit, verbunden mit dem Entdecken eines Reichtums, der alles Materielle in den Schatten stellt. Der Weg dorthin ist nach Tauler mühevoll. Nur mit emsigen Fleiß kann man den äußeren Menschen von der Liebe zu vergänglichen Dingen abziehen. Das innere Leerwerden, vor allem von Dingen, ist die Voraussetzung, dass Gott eine Stätte für sein Wirken in uns findet, und in uns walten kann.
Wir alle sind mehr oder weniger kontaminiert durch die bürgerliche Gesellschaft, also von der Ideologie der Anhäufung. Es ist also nicht ganz einfach, sich zu befreien von der Besitzfixierung. Es beginnt alles mit der Sprache. Der Dichter Rainer Maria Rilke ( 1875-1926) machte es sich zur Aufgabe, Befreiung von der possessiven Sprache zu erlangen, indem er als Gegenbegriff zum Besitzen das Wort „Bezug“ setzte. Es zielt auf das Erlernen einer völlig neuen Denk- und Darstellungsweise. Rilke erkennt, dass die vom Besitzen durchdrungene Sprache letztlich ein Herrschaftsanspruch ist, mit dem Ziel einer einseitigen Beherrschung der Welt, oder des Weltbesitzes. Dies birgt immer die Gefahr einer Übergriffigkeit. In diesem Zusammenhang bekommt bei Rilke der Begriff der Armut eine wichtige Bedeutung. Die Erfahrung des freiwilligen Armseins schafft eine neue Beziehungsform zur Welt. Ebenso ist nach Rilke das Wesen der Liebe von der Art, die nichts mit einem Besitzverhältnis zu tun hat. Die Liebe ist ein freies Bezogensein eines Ich auf ein Du unter Wahrung von dessen Eigenständigkeit und Andersheit. So liegt die Kunst des Liebens im Einander lassen. Der Verzicht auf alle Formen der Anbindung schafft den Raum für die innerliche oder lebendige Verbundenheit. Die Aufgabe, die Rilke dem Menschen der westlichen Kultur zuweist, ist das Verlernen des Besitzes. Der Wille zur Besitzergreifung ist nach Rilke zerstörerisch. Er entsteht aus der Erfahrung einer inneren Leere oder einer Entfremdung des Menschen von sich selbst, seinem Wesen. Der Mensch des Besitzanspruchs an die Welt wird zu deren Störfaktor. Das alles ist auch ein innerer Wandlungsprozess in Rilke selbst. Die Erlösung aus der Besitzfixierung erlebt er als persönlichen Durchbruch, als Entschluss: „zu sein!“ Es ist die Welterfahrung des wechselseitigen Bezogenseins, Ausdruck einer inneren Lebendigkeit, die alle Angst vor sich selbst und einer sich daraus ergebenden Gewaltaffinität überwunden hat, und in einem Leben inmitten des Spannungsfeldes der integrierten Widersprüche zum Frieden und zur Fülle findet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Gesellschaft, die ihren BürgerInnen als Grundausrichtung ein besitzorientiertes Lebensmodell verordnen will, anders ausgedrückt, die den Lebenssinn oder das Lebensglück in der maximalen Anhäufung von Dingen verortet, eigentlich schon den Boden bereitet für eine Welt aus den Fugen, wie wir sie derzeit mit Nachdruck zur Kenntnis nehmen müssen. Die Philosophin Eva von Redecker konzentriert sich in ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ in ihrer Suche nach Erklärungen für die unheimliche neualte Anziehungskraft des Faschismus auf den westlichen Menschen, auf den Zusammenhang von Besitzfixierung und der Anfälligkeit der Menschen für den Faschismus. Der Kapitalismus macht alles zur Ware, so entsteht eine Gesellschaft, die Redecker als „Konzeption der absoluten Sachherrschaft“ umschreibt. Sie begreift die Qualität unserer Beziehungsweise als eine vom Eigentumsanspruch bestimmte, die auch die Abschaffung der Sklaverei und die Erfolge von Emanzipationsbewegungen nicht grundlegend verändern konnten. Besitzanspruch als eine Grundhaltung bedeutet unbeschränkte Verfügungsmacht oder ein absoluter Herrschaftsanspruch, sowie ein exklusives Verhältnis zwischen dem Eigentümer und dem Objekt des Besitzes. Der noch einigermaßen intakte Mensch ist sich der Problematik dieser Form noch bewusst und versucht, meist im zwischenmenschlichen Bereich den Besitzanspruch zu bändigen. Faschistische Menschen haben diese Bremse nicht, das besitzfixierte Bewusstsein durchdringt hier alle Bereiche des Lebens. Objekte des Besitzes können materiell, jedoch auch immateriell sein, darin verortet Redecker auch den Phantombesitz, also etwas ohne Wirklichkeitsgehalt. Als Beispiel sei genannt der Nationalstaat, der infolge der Globalisierung nur noch ein Schatten seiner Selbst ist. Daneben seien noch genannt die Geschlechterverhältnisse. Die von Faschisten anvisierte Rückkehr zur alten Ordnung wäre die Wiederherstellung des Besitzanspruches des Mannes über die Frau. Im Zeitalter von Emanzipationserfolgen spricht Redecker hier ebenfalls vom Phantombesitz. In einer Welt, die vom Besitzen bestimmt ist, wird zugleich die Angst vor dem Besitzverlust aktiviert. Diese These wird bestätigt mit Blick auf das Thema Migration. Wir erinnern uns: „Wir holen uns unser Land zurück“, oder die Rede vom „Bevölkerungsaustausch“, so die AfD. Dies führt dazu, in dieser vom Abdriften in die Paranoia gefährdeten Lebensform, dass immer bestimmte Gruppen ins Visier geraten, die den Phantombesitz angeblich gefährden. Diese Gruppen gelten dann als Feinde, die als „Abjekte“ der Vernichtung freigegeben werden. Es sind bevorzugt Gruppen, die geschwächt oder machtlos sind, niemals wirklich Mächtige, dies verhindert die autoritäre Charakterstruktur im Faschismus. Redecker benennt den Faschismus in seiner extremen Besitzorientierung als toxisch. Das zeigt sich in einem offensichtlichen Gewaltkult, sowie in einem Todeskult, der letztlich immer auf Vernichtung anderer abzielt. Der Vernichtungswille kann sowohl aktiv – siehe Auschwitz – , als auch passiv sein. Als Beispiel nennt Redecker den faschistischen Umgang mit der Klimakrise. Diese wird komplett ignoriert. Wir sehen den Willen, die Förderung fossiler Energie auszuweiten und damit die Unbewohnbarkeit von bisherigem Siedlungsland voranzutreiben. Dies ist für Redecker eine Form von passiver Vernichtungspolitik. Es gibt sogar Faschisten, die den steigenden Meeresspiegel, die Dürre, die Hitze, die Brände feiern. Hierin sehen wir eine Übereinstimmung von Neoliberalismus und Faschismus. Es fehlt ein Zukunftsentwurf, stattdessen bewusste Zerstörung der Zukunft. Triebabfuhr, es noch einmal krachen lassen. Eine Kultur der Verantwortungslosigkeit.
Schließlich betont Redecker, dass der Faschismus nicht unerwartet nun wieder das Licht der Welt erblickt, er war immer schon gegenwärtig auch deshalb, weil er letztlich im Kapitalismus, dem der Warenfetischismus innewohnt, schon angelegt ist. Die vollendete Barbarei, die der Faschismus ist, konnte sich ungehemmt im Zeitalter des Kolonialismus in der südliche Hemisphäre der Welt austoben. Dies störte die westlichen Staaten nicht, war dies doch die Voraussetzung für ein ungehemmtes wirtschaftliches Wachstum.
Wenn nun der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem Verständnis von Eigentum immer schon die Barbarei innewohnt, so lohnt es sich doch, möglichen Auswegen aus diesem Verhängnis nachzuspüren. Ein erster Ansatz wäre der Versuch der Überwindung einer Lebensform der Selbstbezogenheit, wie es gerade heute – „America first“ -wieder ungehemmt propagiert wird. Ein Bewusstsein etablieren, in dem der Andere als eine Person mit Bedürfnissen anerkannt wird, und diese in unserem Denken einbezogen und berücksichtigt sind. Dies war der Ausgangspunkt des jungen Karl Marx in seinen Pariser Manuskripten 1844. Marx entwickelte, in Abgrenzung vom bürgerlichen Verständnis des Privateigentums, aus der Anerkennung des Anderen als ein Wesen mit Bedürfnissen ein neues Verständnis von Eigentum. Er nannte es wahres oder menschliches Eigentum. Für Marx ist dies auch der Weg zur eigentlichen Menschwerdung des Menschen. Eine Wirtschaft, vom Mensch gewordenen Menschen organisiert, charakterisiert sich als eine Doppelbejahung meiner selbst und des Anderen. Eine Ökonomie im Marxschen Geist wäre vom Geist des „füreinander Produzierens“ getragen. Der bürgerliche Begriff des Privateigentums ist für Marx Ausdruck einer Selbstentfremdung, weil die Früchte wirtschaftlicher Tätigkeit nur der eigenen Bedürfnisbefriedigung dienen. Menschwerdung nach Marx bedeutet das Ankommen des Menschen in seinem Wesen und die Entfaltung seiner ureigenen Potentiale, was immer in eine Wirtschaftsform mündet, die eben nicht der maximalen Bereicherung einer schmalen Schicht alles unterordnet, sondern immer zuallererst die Not des Mitmenschen lindern oder überwinden will. So versteht Marx „wahres Eigentum“ als einen Gegenstand, der von Nutzen sein soll, um seinen eigentlichen Zweck zu erfüllen: die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der Menschen. In diesem Zusammenhang sei noch kurz angedeutet, dass der Begriff des „wahren Eigentums“ auch seine Wirkung nicht verfehlt hinsichtlich der Trennung von Mensch und Natur im Kapitalismus. Kapitalistische Produktion gründet auf der Selbstbezogenheit, und diese erzeugt zwangsläufig eine Kultur der Abtrennung und Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen des Anderen und der Natur.
Zurück zur Gegenwart: Kann es sein, dass die immer mehr sich steigernde Mentalität des „Alles nur für mich“ als Sinn und Zweck von Wirtschaft letztlich hauptverantwortlich ist für eine Welt aus den Fugen? Die derzeit fehlende Mehrheitsfähigkeit progressiver Politikentwürfe könnte vielleicht auch damit zusammenhängen, dass auch linke Parteien diese Mentalität verinnerlichten und somit etwas preisgaben, was am Anfang der Arbeiterbewegung sehr präsent war: Die Überzeugung, dass die Welt zum Besseren gewendet werden kann und muss, um zumindest den eigenen Kindern den Boden zu bereiten, auf dem sich eine bessere Welt aufbauen ließe. Es geht also um die Etablierung von Gegenwelten oder Gegenentwürfen zum herrschenden Paradigma. Ein Hoffnungsschimmer ist dabei die erfolgreiche Berliner Kampagne „Deutsche Wohnen&Co enteignen“. Der Erfolg hatte u.a. auch damit zu tun, dass mit dem Begriff „Vergesellschaftung“ – nicht Verstaatlichung – ein überzeugender Gegenbegriff zur herrschenden Ideologie des Privateigentums gesetzt werden konnte. Kapitalismus bedeutet die unumschränkte Gestaltungsmacht für die Inhaber der Produktionsmittel. Der Kapitalismus ist ein demokratieferner Ort. Der Begriff Vergesellschaftung meint die Teilhabe aller bei der Gestaltung von Verhältnissen, die Menschen unmittelbar betreffen. Er verwirklicht die Idee des „gemeinsamen Eigentums“, was die Demokratie sichert, und die Gewähr dafür bietet, dass die elementaren Grundbedürfnisse nicht der Kapitalverwertung preisgegeben werden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Artikel 1, Grundgesetz. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass langjährige Mieter in großer Zahl aus ihren Wohnungen vertrieben werden, um die Renditen zu steigern, ist verfassungsfeindlich unterwegs.
Was entzündet Hoffnung in düsteren Zeiten? Max Horkheimer (1895-1973), der Mitgründer der kritischen Theorie, durchlebte und durchlitt finstere Zeiten. Die Deformierung des Marxismus in den Stalinismus desillusionierte ihn. Er verstand, dass Organisationen, gleich welcher Art, immer den Keim der Entmenschlichung in sich tragen. Es braucht die Entdeckung eines gemeinsamen Bodens, auf dem alle Menschen guten Willens sich zusammenfinden können trotz all ihrer Gegensätze. Dies war für Horkheimer die Verteidigung oder Achtung des Lebendigen, als die entscheidende gemeinsame Achse gegen den Ansturm des Toxischen oder der Verachtung des Lebendigen in der Welt. Es sind dies Menschen, die sich „einem falschen Ganzen aus ohnmächtiger Erkenntnis entgegenstellen“. Der Wille zur Entfesselung der Lebendigkeit braucht die Bindung an die Wahrheit. Dies bedeutet, sich an der Ganzheit auszurichten. Diese Bewegung hin zur inneren und äußeren Einung, inmitten des Spannungsfeldes der Widersprüche, schafft Lebendigkeit. Der alt gewordene Horkheimer zieht Bilanz, und kommt zu seinem vielleicht etwas irritierenden Lebensfazit: „Wichtig ist nicht, ob jemand rechts oder links ist, sondern ob das, was er schreibt, sagt und tut, der Wahrheit verpflichtet ist, und diese sollte nicht für eigene und fremde Machtkämpfe missbraucht werden.“