Wilhelm Schwendemann/York Breidt/Christian Stahlmann/Anna Sophie Verständig in Verbindung mit York Breidt, Norbert Krüger und Silke Trillhaas: Gesicht zeigen gegen Antisemitismus. Antisemitismusprävention in Sekundarstufe I und II, (calwer materialien Anregungen und Kopiervorlagen) Stuttgart 2. überarbeitete und ergänzte Auflage 2026, 144 S., 28 Euro

Gerade weil seit dem Ersterscheinen dieser Unterrichtsmaterialien im Jahr 2025 der Antisemitismus – „das Gerücht über die Juden“ (Th. W. Adorno) – in unserer Gesellschaft noch zugenommen hat, ist die nun nach nur einem Jahr erschienene erweiterte Neuauflage dieses Materialbandes ein kleines Anzeichen der Hoffnung. Der hiermit Lehrkräften angebotene wichtige, da gelungene (religions-)pädagogische Baustein, um Antisemitismus bei Jugendlichen den Nährboden zu entziehen, hat – das verdeutlicht die 2. Auflage nach so kurzer Zeit – wohl die anvisierte Zielgruppe erreicht und wird hoffentlich vielfach in der Unterrichtspraxis genutzt.
Weiterhin ist der von Wilhelm Schwendemann , York Breidt (neu hinzugekommen bei der Neuauflage), Christian Stahmann und Anna Sophie Verständig verfasste Calwer Materialband „Gesicht zeigen gegen Antisemitismus. Antisemitismusprävention in Sekundarstufe I und II“ aufgrund der gesellschaftlichen Situation hochaktuell.
Antisemitismusprävention wird von den Herausgebern konkret verstanden als Bündel von „Maßnahmen und Strategien, die darauf abzielen, Antisemitismus in jeglicher Form zu verhindern oder zu bekämpfen“, prägend sind hierbei „vor allem Sensibilisierungs- und Bildungsmaßnahmen, aber auch politisch-menschenrechtliche Initiativen und zivilgesellschaftliches Engagement und Zivilcourage“ (5).
In seiner zweiten, überarbeiteten und um ein Kapitel erweiterten Fassung ist der Materialband nun in vier Teile gegliedert: Teil I „Antisemitismusprävention als Aufgabe des evangelischen Religionsunterrichts in der Sekundarstufe 1 und 2“ (5-26) widmet sich zunächst komprimiert und sehr differenziert der Begrifflichkeit, den Formen, Hintergründen und historischen Ursprüngen und aktuellen Erscheinungen des Antisemitismus, bevor grundsätzliche Aspekte einer antisemitismuskritischen Bildungsarbeit (z.B. Erinnerungslernen im Religionsunterricht) reflektiert werden. Ausführliche Anmerkungen und mehrere Zusatzmaterialien runden diese theoretische Grundlegung ab und ermöglichen (neben dem weiteren vielfältigen Material der Praxisteile plus dem 5 Seiten umfassenden Literaturverzeichnis, 139-144) allen (!) am Thema Antisemitismus Interessierten einen Einstieg in eine vertiefte und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Der neue zweite Teil „Antisemitistische Bildungsarbeit in der Sekundarstufe 1, unter Einbezug des Romans „Tod und Taufe“ von Jakob Matthiessen“ (27-54) beginnt mit kurzen, aber grundsätzlichen Vorüberlegungen zur antisemitismuskritischen Bildungsarbeit (im ev. RU der Sek 1) sowie zur Bedeutung der Gestaltpädagogik für diese Bildungsarbeit bzw. im Kontext Schule überhaupt. Daran an schließen sich (Hintergrund-)Informationen für die Lehrenden zu den Materialien dieser neu aufgenommenen Unterrichtsreihe und zu deren Verlaufsplanung. Grundlegend verdeutlichen die hier vorgelegten einführenden Überlegungen: „Kritische Bildungsarbeit zum Antisemitismus stellt die Lehrperson vor komplexe persönliche, fachliche und didaktische Herausforderungen“ (27), die in der konkreten Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ein in Beziehung-Sein auf sämtlichen Ebenen voraussetzt (vgl. 27). Um Lernende als aktive Interaktionspartner in ko-konstruktiven, dialogischen Lernprozessen in der konkreten Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus anzusprechen, wird die Gestaltpädagogik als tragfähiges Orientierungsmodell aufgegriffen. Denn sie bietet „ein theoretisch fundiertes und zugleich praxisnahes Modell, das Lernen als subjektiv bedeutsamen Erfahrungs- und Reflexionsprozess versteht“ (28).
Auch die in diesem neuen Teil des Materialheftes angebotenen Unterrichtseinheiten sind wie die in den beiden folgenden Kapiteln dargebotenen didaktisch fundiert und praxisnah durch konkrete Anleitungen/Vorschläge sowie vertiefenden Hintergrundinformationen (Arbeitsblätter/Materialien) gestaltet. Weitere Bestandteile des gesamten Materialangebotes sind darüber hinaus Arbeitsblätter und Vorlagen zum Download, die beliebig vervielfältig in vielen unterschiedlichen Unterrichtssettings eingesetzt werden können. Die Teile III und IV des Materialheftes „Antisemitismus und Erster Kreuzzug anhand der SchUMStädte und dem historischen Roman ‚Tod oder Taufe‘ von Jakob Matthiessen für die Jahrgangsstufe 9 und 10“ (27-48) und Antisemitismusprävention Sekundarstufe 2“ (49-110) praktizieren schülergemäß und differenziert Bildung als Veränderungsmöglichkeit, u.a. durch Vermittlung von historischen Wissen und durch Aufklärung über Entstehung/Fortentwicklung von Vorurteilen und Stereotypen. Für den Sekundarbereich 2 weitet sich die unterrichtliche Auseinandersetzung auch auf aktuelle gesellschaftliche Debatten (Buchmesse 2024, Oberammergau) und die politische Dimension der biblischen Botschaft.
Über Wissensvermittlung und Aufklärung hinaus hilft die Arbeit mit den „Anregungen und Materialien“ dieses Lehr- und Arbeitsbuches gezielt, die Jugendlichen der Sek I und II für diskriminierende Denkmuster und – besonders wichtig – für entsprechende Formen der Netzkommunikation/-codes zu sensibilisieren. Gegen alle Formen des Antisemitismus und des Rassismus setzt es positiv – entsprechend der Aufgabe der Wertevermittlung des Religionsunterrichtes – auf Empathie, Toleranz, Menschenwürde und die Menschenrechte als Basis gegen alle Formen von (gruppenbezogener) Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung!
Dieser mit dem Lotte-Paepke-Preis 2025 für innovative Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ausgezeichnete Band der calwer materialien unterstützt und befähigt – nun in erweiterter Neuausgabe/Materialfülle – Lehrende, ihr eigenes Wissen und ihre Kompetenzen zu erweitern sowie in der unterrichtlichen Auseinandersetzung gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern das Gesicht zeigen gegen den Antisemitismus zu (er)lernen und einzuüben.
Johannes Michael Helsper
Anna Sophie Verständig, Ansiemitismusprävention, Prof. Dr. Dr. habil. Wilhelm Schwendemann