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Cornelia Hildebrandt/Franz Segbers (Hrsg.): Mit Dietrich Bonhoeffer gegen Rechts. Haltung, Gewissen und Widerstand gegen Unrecht. Eine Flugschrift, Hamburg (VSA) 2026, 104 S.,    14,80 €.

Diese hochaktuelle Flugschrift versammelt Reaktionen und Antworten  auf die zunehmende Vereinnahmung von Dietrich Bonhoeffer (DB) durch rechte und rechtspopulistische Kreise in Deutschland und den USA. Die bewusst strategische Umdeutung des Theologen und Widerstandskämpfers durch die Neue Rechte war Thema einer Tagung des Gesprächskreises „Weltanschaulicher Dialog“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung anlässlich des 80. Jahrestages seiner Ermordung (4.4.2025). Das Büchlein dokumentiert die Tagungsvorträge sowie weitere Beiträge. Ein abschließender Dokumententeil (76-98) enthält die Offenen Briefe von internationalen Bonhoeffer-Forschern sowie der Bonhoeffer-Familie gegen den Missbrauch DBs für Nationalismus und Gewalt, je 3 kirchliche Verlautbarungen zur Unvereinbarkeit mit der AfD bzw. Beschlüsse über AfD-Mitgliedschaft und kirchliche Ämter sowie abschließend das Darmstädter Wort von 1947 als ein Bekenntnis zum Versagen der Kirchen gegenüber dem Nationalsozialismus. Ein ausführliches Literaturverzeichnis (99-102) und Autor:innenhinweise (103) runden das Bändchen sinnvoll ab. 

Dem Dokumententeil vorangestellt sind 9 Einzelbeiträge: Dabei umreißen Petra Pau in ihrem kurzen Text „Dietrich Bonhoeffer – gegen Missbrauch und Vereinnahmung“ (7-9) sowie Cornelia Hildebrandt mit Franz Segbers mit „Religion im Blick beim Kampf gegen rechts“ (10-17) einleitend das Themenfeld der Flugschrift.

Pau hat bei ihrer Arbeit im Bundestag erlebt, wie gezielt die Neue Rechte und die AfD sich des Christentums bedienen, um z.B. mit dem Adjektiv „christlich“ als identitätspolitische Waffe das eigene Weltbild der nationalen Identität gegen Mitmenschlichkeit, Menschenrechte und Menschenwürde zu propagieren. Auch Dietrich Bonhoeffer – „für Haltung, Gewissen und Widerstand gegen Unrecht“ (7)  stehend – wird dabei gezielt politisch instrumentalisiert als Vorbild im Kampf gegen von rechts konstatierten neuen >Unrechtsregimes< in Deutschland, aber auch in der USA. Dieser Vereinnahmung und zynischen Verdrehung von Bonhoeffers Positionen gilt es deutlich gerade kirchlicherseits entgegen zu treten: „Ihn gegen rechte Vereinnahmung zu verteidigen, heißt sein Vermächtnis lebendig zu halten – als Ermutigung, als Mahnung und als Verpflichtung.“ (9) Denn nach Bonhoeffer sind die Kirchen aufgerufen, „nicht zu schweigen, wenn Menschen verachtet werden“ (9).

Der Beitrag von C. Hildebrandt und F. Segbers zeigt dann – Paus Ausführungen vertiefend – aktuelle ideologische >Kampffelder< auf, die das rechte Lager zwecks Gesellschafts- und Kirchenspaltung bewusst organisiert >bespielt<: So das generelle Projekt der  Geschichtsumdeutung im Rahmen der rechten Strategie der Verharmlosung, eine Konstruktion eines Widerstandschristentums gegen eine >rot-grün versiffte Kirche< mit der Vereinnahmung Bonhoeffers und der Barmer Theologischen Erklärung und die Umdeutung Bonhoeffers zum neurechten Widerstandsidol im US-Projekt 2025 mit dem Ziel einer radikalen reaktionären Umgestaltung der Gesellschaft. Dabei wird deutlich, „die Berufung auf das Christentum“ ist „ein identitäres Hauptmerkmal in nahezu allen rechtspopulistischen Ideologien und Parteien“ (13). Deshalb ist es für Hildebrandt/Segbers unabdingbar, dass Linke/die Linke ihre Religionsblindheit überwinden und die Verbindung von christlicher Religion und der Gefährdung der Demokratie durch die Neue Rechte kritisch analysieren. (vgl. 13f)

Die weiteren 7 Beiträge der Flugschrift sind dann 2 Themenblöcken zugeordnet: „Umdeutung und Vereinnahmung Bonhoeffers“ (19-57) und „Brandmauer gegen rechts und der Kampf gegen die Neue Rechte im Namen Bonhoeffers“ 59-74). Arnd Henze („Wem gehört Bonhoeffer? Wie rechte Kreise den Theologen und Widerstandskämpfer vereinnahmen“, 20-27), Rolf Schieder (Politische Theologie von rechts und Widerstand gegen die Apokalypse“, 28-37), Sabine Plonz („Widerstand wogegen? Der männliche Herrschaftsanspruch als Stolperstein auf Bonhoeffers Weg und Wirkung“, 38-48) und Jörg Rieger („USA: Widerstand organisieren Metaxas‘ Bonhoeffer-Deutung und das Project 2025“, 49-57) setzen sich kritisch mit Bonhoeffer und seinem Vermächtnis auseinander. Dabei bieten sie vielfältige Erkenntnisse, so u.a.:

  • Die verbreitete Trivialisierung DBs im protestantischen Mainstream ermöglicht ein diffuses Widerstandspathos, dem sich die Neue Rechte nur allzu gerne strategisch bedient. Ein inhaltloser und von historischen Kontexten entkernter Widerstandsbegriff ermöglicht so sogar die Parallelisierung von DB und Donald Trump als furchtlose Kämpfer gegen einen liberalen Zeitgeist. (vgl. Henze)
  • Religion dient dem rechten Projekt als wichtiges Motivationspotenzial, basierend z.B. auf theologischer Semantik (Carl Schmitt), einer apokalyptischen Weltdeutung im Rückgriff auf ganz unterschiedliche Traditionsstränge (katholisch, protestantisch und <neo-> pagan). (vgl. Schieder)
  • Über den männlichen Herrschaftsanspruch als Stolperstein auf Bonhoeffers Weg und Wirkung vor allem am Beispiel „seines Rückfalls in die patriarchalische Eheauffassung des Konservativen Denkens“ (44) in der Traupredigt für E. Bethge und R. Schleicher 1943. Das darin geöffnete Tor zu hegemonialer Männlichkeit – von rechter Seite nutzbar und politisch instrumentalisierbar –  gilt es historisch-kritisch in der Entwicklung von Bs Denken aufzuarbeiten und ihm den möglichen Resonanzraum zu entziehen, „indem wir für Menschenrechte der Frauen und nicht-toxische, reflektierte achtsame Männlichkeit, für Diversität und Emanzipation eintreten“ (48). (vgl. Plonz)
  • In den USA feiern religiöse und politische Rechte B als Held und Kulturkämpfer: Eine wichtige Grundlage hierfür ist die B-Rezeption von Eric Metaxas, die letztlich in die Proklamation eines neuen Kirchenkampfes mündet, da heute (liberale) Ideen und Mächte mit Gott selbst im Krieg seien. Die konservative US-Christenheit sieht sich hierbei als Streitmacht Gottes für Moral und Freiheit, dabei richtet sich der Blick des konservativen Widerstandskonzepts Project 2025 bereits auf Europa. Auffällig: Auch Progressive in den USA betonen die Wichtigkeit des politischen Engagements für Christen, wie bei den Konservativen ist dabei allerdings Wirtschafts- und Kapitalismuskritik (noch?; JMH) eine Leerstelle.

Der zweite Themenblock enthält 3 Beiträge von Franz Segbers („Widerstand gegen rechts. Die sozialpolitische Einbettung des Unvereinbarkeitsbeschlusses der Kirchen“, 60-67), von Heinz-Joachim Lohmann („Bonhoeffer und die Brandmauer“, 68-71) sowie von Julia Duchrow und Steffen Küßner („Haltung zeigen in autoritären Zeiten“, 72-74). Nicht zu schweigen gegenüber den Menschenrechtsfeinden mit ihren menschen- und lebensfeindlichen Narrativen, die unveräußerlichen Menschenrechten als Fundament unseres Zusammenlebens zu betonen (Duchrow/Küßner), der Verengung der christlichen Botschaft auf Nationalismus und Antisemitismus mit der biblischen Botschaft von der Ebenbildschaft des Menschen mit Gott und der darin grundgelegten Würde und Wert jedes einzelnen Menschen entgegenzutreten (Lohmann) sowie der Aufruf der katholischen Bischöfe an alle, Widerstand zu leisten, wenn Menschenwürde und Menschenrechte in Gefahr sind (vgl. Segbers, 61) werden hier u.a. als Kernelemente des notwendigen Widerstandes von Christen/Kirchen gegen rechts genannt. Darüber deutlich hinaus geht Franz Segbers mit seiner Forderung, dass die Kirchen, wenn sie den Rechtsradikalismus nachhaltig zurückdrängen wollen, nicht nur eine Brandmauer errichten, sondern auch den Nährboden für die Zustimmung zu rechten Parteien, die neoliberale Politik des (wieder aktuellen) Sozialabbaus, benennen und bekämpfen müssen. (vgl. 66) „An der Verteidigung der Rechte der Menschen auf ein auskömmliches Leben, auf bezahlbare Mieten, gute Löhne, Renten und eine gute soziale Infrastruktur entscheidet sich die Tragfähigkeit der klaren Kante gegen rechts.“ (67) Denn wie eine Studie der Schwedischen Reichsbank aus der Analyse von über 200 Wahlen in Europa aufgezeigt hat, führt eine Senkung der regionalen öffentlichen Ausgaben um 1 Prozent zu einem Stimmenanstieg extremer Parteien um 3 Prozent (vgl. Segbers, 66)

Insgesamt zeigen alle Beiträge dieser Flugschrift, dass es falsch ist, wenn die Kirchen/Christen aus Polarisierungsangst und falschem Toleranzverständnis die öffentlichen Debatte mit den rechten Akteuren >über die Religion< scheuen. Denn in dieser notwendigen Auseinandersetzung geht es um den Kern der biblischen Botschaft, um das befreiende Evangelium der Tora und des Reiches Gottes! Mit Bonhoeffer gilt hier die Forderung nach einer „Kirche, die nicht schweigt, wenn Menschen entwürdigt werden, und die sich nicht in die Nische des Unpolitischen zurückzieht“ (Pau, 8).

Johannes Michael Helsper